Agatha Christie: Absent in the Spring (1944)

Agatha Christie hat neben ihren Detektivromanen auch einige andere Bücher unter dem Pseudonym Mary Westmacott geschrieben, die so gar nichts mit cosy crime zu tun haben.

Und dieser Roman um die wohlsituierte Anwaltsgattin Joan Scudamore – im Deutschen unter dem Titel Ein Frühling ohne dich erschienen – hat mir richtig gut gefallen. Hier wird die Spannung nur dadurch erzeugt, dass wir einer ziemlich selbstgefälligen Protagonistin ein paar Tage Gesellschaft leisten, in der sie von äußeren Zerstreuungen vollständig abgeschnitten ist.

Joan Scudamore ist auf der Rückreise von einem Krankenbesuch bei ihrer in Bagdad lebenden Tochter, doch dummerweise ist die Eisenbahnstrecke durch heftige Regenfälle für ein paar Tage unpassierbar und sie strandet in einer einfachen Herberge in der Wüste nahe der türkischen Grenze.

Das Problem: Sie ist der einzige Gast, Besitzer und Angestellte der Herberge sprechen nur rudimentär Englisch und fallen als Gesprächspartner aus, ihre restliche Reiselektüre ist schon am ersten Tag ausgelesen. So bleiben zum Zeitvertreib nur kurze Spaziergänge, ein paar Briefe und vor allem ihre Erinnerungen, ungebetene Gedankenfetzen und Assoziationen, die dem Leser nach und nach offenbaren, was für eine Frau sie eigentlich ist.

Es wäre schade, hier mehr zum Inhalt zu verraten, denn wie es Christie gelingt, zu zeigen, dass es da – gelinde gesagt – eine gewisse Kluft zwischen der Selbstwahrnehmung Joans und dem Eindruck gibt, den sie tatsächlich auf Familie und Bekannte macht, ist großes Kino. Eines der harmloseren Beispiele dafür findet sich, als eines Tages Joan und ihr Mann Rodney zufällig auf ein bestimmtes Sonnett von Shakespeare zu sprechen kommen. Aus dem Stand ist sie in der Lage, das Gedicht fehlerlos zu rezitieren.

She finished, giving the last lines full emphasis und dramatic fervour. ‚Don’t you think I recite Shakespeare rather well? I was always supposed to at school. They said I read poetry with a lot of expression.‘

But Rodney had only answered absently, ‚It doesn’t really need expression. Just the words will do.‘ She had sighed and murmured, ‚Shakespeare is wonderful, isn’t he? And Rodney had answered, ‚What’s really so wonderful is that he was just a poor devil like the rest of us.‘

‚Rodney, what an extraordinary thing to say.‘ (S. 73)

Das Buch liest sich bis zum Ende mindestens so spannend wie ihre besten Kriminalromane. Ein empfehlenswerter kleiner Roman, in dem sich Christies Begabung für Dialoge und das, was zwischen den Zeilen steht, bestens ergänzen.

Und es ist auch ein bisschen unheimlich: Joan ist kein Monster, sondern ganz normal, ganz alltäglich, in ihrer Eitelkeit, Besserwisserei und Blindheit gegenüber den eigenen Motiven. Man schüttelt sich und fragt sich unwillkürlich, was wohl unsere Familienangehörigen, Kollegen und Freunde so wirklich über uns denken.

Nachdem ich das geschrieben hatte, stöberte ich in Agatha Christies Autobiografie und siehe da, Absent in the Spring ist das Buch, mit dem sie persönlich besonders zufrieden war.

… the book that I had always wanted to write, that had been clear in my mind. […]

It was going to be technically difficult to do, the way I wanted it; lightly, colloquially, but with a growing feeling of tension, of uneasiness, the sort of feeling one has – everyone has, sometime, I think – of who am I? What am I like really? What do all the people I love think of me? Do they think of me as I think they do?

I wrote that book in three days flat. […] I don’t know myself, of course, what it is really like. It may be stupid, badly written, no good at all. But it was written with integrity, with sincerity, it was written as I meant to write it, and that is the proudest joy an author can have.

 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

13 Kommentare zu „Agatha Christie: Absent in the Spring (1944)“

  1. Liebe Anna,
    als Agatha-Expertin kannst Du vielleicht weiterhelfen: Eine Leserin auf Facebook fragte mich, ob ich etwas über den Antisemitismus bei Agatha Christie weiß, ihr seien in einem Kriminalroman entsprechende Passagen aufgefallen. Weißt Du da was darüber?
    LG Birgit

    1. Hallo Birgit,
      da könnte man die Biografie von Thompson zu Rate ziehen. Sowohl ausländerfeindliche als auch antisemitische Aussagen, die im Zusammenhang der Werke nicht als negativ gewertet wurden, fanden sich vor dem Zweiten Weltkrieg häufig in der Unterhaltungsliteratur. Auch bei Christie. Gleichzeitig erzählt sie in ihrer Autobiografie, wie entsetzt sie war, als sie bei einer ihrer Expeditionen Dr. Jordan, „the German Director of Antiquities in Baghdad“, traf, dessen antisemitische Hetze sie kaum glauben konnte: „I stared at him unbelievingly. He meant it.“

      LG, Anna

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