Edvard Hoem: Die Geschichte von Mutter und Vater (OA 2005)

Die deutsche Übersetzung von Ebba D. Drolshagen erschien 2007 im Insel Verlag.

Ohne Schnörkel ist hier der Titel Programm. Der norwegische Autor Edvard Hoem (*1949) erzählt die Geschichte seiner Eltern, wobei der Schwerpunkt auf den dreißiger und vierziger Jahren des letztes Jahrhunderts liegt, der Zeit, als seine Eltern noch jung waren. Die späteren Jahrzehnte werden gerafft und erscheinen doch nicht weniger innig.

An den meisten Tagen meiner Kindheit war ich mit meinen eigenen Dingen beschäftigt. Meine Eltern waren Eltern, sie sollten sich um mich und meine Geschwister kümmern, dafür sorgen, daß wir Essen, Kleidung und Geborgenheit bekamen. Aber hin und wieder wunderte ich mich darüber, was gesagt und nicht gesagt wurde bei uns zu Hause. (S. 9)

Der Vater des Autors soll später den kleinen Bauernhof in der Nähe der Westküste im Gudbrandsdalen übernehmen. Doch dann kommt im Dezember 1931 einer der Wanderprediger in seinen Heimatort und hält eine Andacht in dem kleinen Schulhaus.

An diesem Tag hat es geregnet und geschneit, aber gegen Abend verziehen sich die Wolken, und die Sterne kommen heraus. Sie leuchten über den Wiesen, den Fjorden und über dem roten Schulhaus. Es sind dieselben Sterne, die auf der ganzen Welt scheinen, überall, wo Menschen ihr Zuhause haben. Es sind die Sterne, die über den Feldern von Bethlehem leuchteten, wo die Hirten schliefen, und sie schienen über der Prärie in Amerika. Die Sterne über dem Hang, wo die Hoem-Schule steht, gehören allen. […] Die Zeit vergeht, aber die Sterne bleiben dieselben, sie sind wie Gottes ewiges Wort, sie leuchten von Geschlecht zu Geschlecht. (S. 15)

Seit diesem Abend fühlt sich der junge Knut Hoem nicht länger zum bäuerlichen Leben berufen, sondern dazu, Menschen Gottes Wort nahezubringen. Und das setzt er auch durch und so predigt er, der Bauernjunge, nach kurzer Bibelschulausbildung in den Tälern und Dörfern den einfachen Leuten seiner Heimat Gottes Wort. Die Menschen hören den lebensfrohen, wenn auch etwas unpraktischen Mann gern und so wird er von einem Dorf zum nächsten, von einem Hof zum nächsten weitergereicht, um auch dort seine Andachten zu halten.

IMG_2394Stabkirche in Ringebu

Der Autor kann 50 Jahre später diese oftmals beschwerlichen Reisen, die sein Vater Jahrzehnte mit dem Fahrrad, dem Bus oder zu Fuß, vor allem in den Wintermonaten, absolviert hat, anhand unzähliger kleiner Notizbücher aus dem Nachlass des Vaters genauestens nachvollziehen. In den Sommermonaten hat er später, nachdem er verheiratet war, seiner Frau auf dem Hof geholfen, auch wenn er nie gern Arbeit verrichtet hat, bei er in Gefahr stand, sich schmutzig zu machen. Und sicherlich hätte sich seine Familie mehr als einmal einen zupackenderen, kräftigeren Helfer auf dem Hof gewünscht als diesen freundlichen, aber nicht besonders robusten Laienprediger, der manchmal mitten in der Kartoffelernte wieder auf Reisen ging.

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Die Geschichte seiner Mutter Kristine verlief zunächst ganz anders. Ein hübsches, arbeitsames Mädchen, das in seiner Jugend das Vieh auf der Sommeralm hüten musste und sich aufs Leben freute. Für eine höhere Schulbildung reichte das Geld nicht und so musste sie schon früh, wie auch ihre Zwillingsschwester, Geld verdienen. Sie war reserviert, sehr schüchtern, aber tüchtig und von ihren Arbeitgebern immer geschätzt. Dann kam der Krieg, die Besatzung und mit ihr kamen auch die verhassten deutschen Soldaten, u. a. auch nach Lillehammer, wo Kristine in einem Pflegeheim arbeitete. Ihre Brüder gingen schon bald in den Widerstand.

Letztlich war nichts unwahrscheinlicher als eine glückliche Verbindung zwischen dem tiefgläubigen Mann und dieser Frau. Das sah auch Kristine so, das sahen auch alle anderen so, die schließlich massiv intervenierten, um die Heirat zu verhindern. Wie daraus trotzdem eine besonders schöne Liebesgeschichte werden konnte, das muss nun jeder selbst erlesen.

Mir jedenfalls hat dieses unaufgeregte Buch sehr gefallen. Selbst das, was ich zunächst bemäkeln wollte – dass es dem Autor eben nicht gelingen will, bestimmte Vorkommnisse kraft seiner Imagination zum Leben zu erwecken, sagt er doch selbst, jetzt müsse er wohl ein wenig ausschmücken, weil er nicht wisse, was sich nun wirklich vorgetragen habe –  wendet sich und unterstreicht das Liebenswürdige, das Schlichte und Schöne dieser Erzählung, die ihren unaufdringlichen Reiz sicherlich zu einem Großteil der zurückgenommenen Sprache verdankt.

Mutter und er hatten schon lange zueinander gefunden. Sie waren ein Paar geworden. In den langen Jahren, wenn er nicht bei ihr war, schrieben sie sich Briefe über alle möglichen praktischen Fragen, aber es wurde nie mit einem Wort erwähnt, wie es ihnen ging. Doch wer zwischen den Zeilen liest, versteht. Nur ein Satz ist anders, in einem von tausend Briefen. Er schreibt, daß er sie, Kristine, grüße, er berichtet von allem, was er tut, und von seiner Hoffnung, daß das norwegische Volk ein weiteres Mal die Türen öffnen und die Gnade empfangen möge. Doch nachdem er all diese frommen Wünsche geäußert hat, […] kommt er zurück auf sie, die die Freude seiner Jugend und der Trost seines Alters geworden ist: Ein weiteres Mal grüße ich dich. So endet sein Brief. […] Wenn es tausend Briefe gäbe, und wenn sie aus tausend großen Worten und Beteuerungen bestünden, sie würden mir nicht mehr sagen als diese einfachen Worte. (S. 206)

Darüber hinaus ist es auch interessant, Einblick in die Zeit der deutschen Besatzung zu bekommen. Bei der Lektüre wird einem ebenfalls bewusst, welche Werte damals hochgehalten wurden und wie arm die Bauern in den abgelegenen Tälern Norwegens noch vor wenigen Jahrzehnten waren, wie hart die Arbeit war und wie wenig Aussicht bestand, aus diesem Leben herauszutreten, weil das Geld für höhere Schulbildung einfach nicht da war oder weil die Arbeitskraft des Sohnes oder der Tochter unersetzlich war.

IMG_2251Freilichtmuseum Maihaugen, Lillehammer

Irgend etwas ist im Haushalt immer gerade zu erledigen, sei es Brotbacken, Marmeladekochen, Buttern, Waschen, Weben oder Stricken. Wenn der Webstuhl in der Küche steht, ist fast kein Vorbeikommen. Sie leben so dicht gedrängt, daß kaum Luft zum Atmen bleibt. Es ist eng um den Küchentisch, alles ist zu knapp, zu kurz und zu wenig, aber hier leben sie, hier schweigen sie, und hier reden sie. Wenn der Schultag vorüber ist, bekommen die Töchter von der Mutter Aufgaben, die sie erledigen müssen, die Jungen gehen mit dem Vater in den Stall und zum Holzhacken. […] Die harten Arbeitstage ließen keinen Platz für Spiel, Spaß und Überflüssiges. Wenn man sich hinsetzte, dann nur, um sich auszuruhen. Wenn man für den Tag fertig war, war es Abend. (S. 49)

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

2 Kommentare zu „Edvard Hoem: Die Geschichte von Mutter und Vater (OA 2005)“

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