Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt (2017)

Interessanterweise beschäftigen sich gleich zwei der Bücher, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, mit dem Leben einer einfachen Frau im letzten Jahrhundert, quasi die weiblichen Pendants zu Ein ganzes Leben von Robert Seethaler.

Als erstes las ich Die Königin schweigt (2017) von Laura Freudenthaler, erschienen im Grazer Literaturverlag Droschl.

Die 1984 geborene österreichische Autorin hat für ihren ersten Roman viel Anerkennung bekommen. Und doch muss ich sagen, dass mich das Buch seltsam unbeeindruckt gelassen hat. Schön, wenn es in einem Werk Leerstellen gibt, die Leserin oder der Leser Raum hat, selbst zu überlegen, zwischen den Zeilen zu lesen. Doch hier war mir das alles zu viel.

Die Königin des Titels ist inzwischen eine alte Frau, die sich assoziativ, in Träumen und manchmal angeregt durch die Fragen der Enkelin, an ihr Leben erinnert, das in einem österreichischen Bergdorf begonnen hat und durch viele Verluste geprägt wurde.

Vom Vater hat sie die „Haltung“, den Stolz übernommen, d. h. nie zu viel von dem preiszugeben, was einen wirklich beschäftigt und umtreibt. Im Krieg fällt der Bruder. Doch ansonsten werden Krieg oder die Zeit des Nationalsozialismus nicht weiter thematisiert. Der Krieg kommt sozusagen wie eine unabwendbare Naturkatastrophe, bei der man ja auch keine moralischen Kriterien anlegt oder die Frage nach dem Warum und Wozu stellt.

Die attraktive Frau heiratet den Schulmeister, ist fortan die anerkannte und tüchtige „Schulmeisterin“ des Dorfes, bekommt einen Sohn und wird in ihrem weiteren Leben immer wieder ihr nahe stehende Menschen verlieren. Für meinen Geschmack waren das dann doch ein paar zu viele. Wer verliert denn gleich drei Partner hintereinander?

Und dass sie nie gelernt hat, über bestimmte Dinge zu sprechen oder sich erst gar nicht auf wahre Nähe einlässt, weil sonst Gevatter Tod sowieso nur zuschlagen würde, macht ihr Leben recht trostlos. Passend dazu das Cover, das mich in seiner Verschwommenheit beinahe vom Kauf abgehalten hätte.

Spätere Verhaltensweisen, wie z. B. die Weigerung, ihr Heimatdorf noch einmal zu besuchen, finde ich zunehmend bizarr und nicht nachvollziehbar.

Ich könnte mir Erklärungen für das Verhalten der Frau überlegen und doch zucke ich nur die Achseln und bin selbst ein bisschen verwundert, wie rasch ich so vieles aus dem Roman schon wieder vergessen habe. Oder war es einfach das falsche Buch zur falschen Stunde?

Andere konnten dem Buch nämlich wesentlich mehr abgewinnen:

 

 

 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

7 Kommentare zu „Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt (2017)“

  1. Erstaunlich, immer wieder, wie unterschiedlich ein Buch empfunden wird. Ich habe es geliebt und habe noch alles davon präsent. Ich glaube zudem, dass das Buch keineswegs so weltfremd ist. In einer bestimmten Generation und Örtlichkeit gibt es diese Menschen, auch Menschen, die nicht reflektieren(können) und die tatsächlich mehrmals nahe Menschen verlieren …
    Viele Grüße!

    1. Ja, die unterschiedliche Wahrnehmung finde ich auch sehr spannend, besonders weil ich sehr oft deine Einschätzung teile und denke, dass mich oft ganz ähnliche Bücher wie dich interessieren oder begeistern.
      Sicherlich hast du recht, wenn du schreibst, dass manche Menschen auch mehrere Schicksalsschläge ertragen mussten bzw. müssen, allerdings ging mir das hier gar nicht so nahe, bis dahin, dass ich es fast als konstruiert empfunden habe, vielleicht weil sich die Hauptfigur selbst eine größere Nähe zu diesen Menschen versagt hat.
      Aber ein bisschen deutlicher wird, was ich meine, vielleicht wenn ich meine nächste Besprechung poste. Ähnliches Thema, gleiche Zeit, ebenfalls Verlusterfahrung und doch ganz anders. Und der Roman hat mich dann so sehr gepackt, dass ich ihn gleich zweimal gelesen habe.
      LG, Anna

    1. Ich könnte mir vorstellen, dass denjenigen, die das Buch von Seethaler mochten, auch „Die Königin schweigt“ gefallen könnte. Und von diesen beiden Büchern würde ich dann „Ein ganzes Leben“ den Vorzug geben. Es bleibt also spannend. Ein schönes Wochenende, Anna

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