Michael Roes: Zeithain (2017)

Ich heiße Philip Stanhope, wie mein Großvater, der letzte Graf von Chesterfield, mein Ururgroßvater, Admiral der Royal Navy, und mein Ururururgroßvater, jener junge missratene Philip Stanhope, unehelicher Sohn des gleichnamigen Vaters, Vierter Graf von Chesterfield, der seine berühmten, doch letztendlich vergeblichen „Briefe an seinen Sohn über die anstrengende Kunst, ein Gentleman zu werden“ an ebendiesen Philip Stanhope adressiert hat. Nicht nur die Namensgleichheit, auch die unehelichen Verhältnisse durchziehen meine Genealogie wie ein misstönendes Leitmotiv.

So beginnt Michael Roes‚ Annäherung an die historische Person Hans Hermann von Katte (1704-1730).

Dabei versetzt sich Roes traumwandlerisch intensiv und vermutlich exzellent recherchiert in seine Hauptperson Katte, schildert seine eher freudlose Jugend als Sohn eines adligen Soldaten, der alle weicheren Regungen verabscheut und sie auch seinem Sohn verbietet. Der Sohn wird auf dem heimischen Gut in Wust nach den gleichen Prinzipien wie die Hunde des Gutsherrn erzogen: Der geringste Ungehorsam wird mit brutalen Prügelorgien geahndet. Wann immer möglich hält er sich bei den Dienstboten oder bei seinen bäuerlichen Spielkameraden auf. Nur beim Großvater in Berlin findet er Förderung und Zuneigung.

Frühe Kindheitserinnerungen haben etwas Mythisches. Da der Erinnernde nicht mit Gewißheit sagen kann, was sich wahrhaftig ereignet und was die Phantasie hinzugedichtet, das Hörensagen ergänzt und die Zeit verschönert oder verfälscht hat, muß man wohl das Erzählte als das einzig Wahrhaftige hinnehmen. (S. 89)

1717 bis 1721 besucht der junge Adlige das Pädagogium des Pietisten August Hermann Franke in Halle. Dort findet er schließlich Freunde, ist aber unglaublich angeödet vom begrenzten Horizont seiner Lehrer. Anschließend studiert er in Königsberg und Utrecht und unternimmt eine ausgedehnte Kavaliersreise, die ihn u. a. bis nach Paris führt.

1724 tritt er auf Geheiß des Vaters in das Kürassierregiment Gens d’armes von Friedrich Wilhelm I, dem Soldatenkönig, ein. Das Unglück nimmt seinen Anfang, als die Beziehung Kattes zu Friedrich Wilhelms Sohn, dem Kronprinzen Friedrich, der acht Jahre jünger ist als Katte, immer intensiver wird.

Der Kronprinz wird ständig von seinem Vater schikaniert, überwacht, gedemütigt, verprügelt und abgrundtief verachtet, hegt der Sohn doch so unsoldatische und „weibische“ Interessen wie die Musik. Schließlich hält es der Prinz nicht mehr aus und will von Zeithain ins Ausland fliehen, dabei bittet er seinen einzigen Freund Katte um Hilfe.

Dieser rät von der Flucht ab, doch letztendlich will er seinen Freund nicht im Stich lassen. Der Kronprinz wird gefasst und man kann Katte nachweisen, dass er von den Fluchtplänen wusste. Dafür und dafür dass man ihn verdächtigt, homosexuelle Beziehungen zum Kronprinzen unterhalten zu haben, wird er vors Kriegsgericht gestellt.

Der König zwingt seinen Sohn, zuzuschauen, wie Katte seinen letzten Weg zum Schafott antritt.

Diese trockene Auflistung der Fakten (schon der Klappentext verrät auch dem geschichtsunkundigen Leser, wie es ausgeht) kann diesem Trumm von einem Buch mit seinen ca. 800 Seiten) natürlich nicht gerechtwerden.

Mir bleibt viel Zeit zum Lesen und Musizieren und, ich werde es nur Ihnen, liebe Tante, unter dem Siegel größter Verschwiegenheit gestehen, zum Dichten. Ich höre Ihren Entsetzensschrei, und Sie haben ja vollkommen recht, nichts sollte einem das Dichten so verleiden wie die Flut vorgeblicher Werke, die Europa überschwemmt. Der Mißbrauch, den man mit der geistvollen Erfindung der Buchdruckerkunst treibt, verleiht vor allem unseren Dummheiten ewiges Leben. (S. 111)

Roes gelingt es, über weite Strecken so intensiv und emphatisch zu erzählen, dass man geneigt ist dem Ich-Erzähler Katte alles zu glauben, selbst wenn in der Forschung die These von der Homosexualität des Kronprinzen umstritten ist, selbst wenn es Episoden gibt, die ich zumindest auf die Schnelle nicht durch Internetrecherche belegen konnte, wie z. B. die medizinischen Versuche an den Internatszöglingen.

Nein, in Wahrheit  erfreue ich mich meiner Einsamkeit nicht, im Gegenteile legt sie sich wie ein schwarzer, giftiger Schatten über meine Seele. Eigentlich bin ich kein übellauniger Mensch. Aber die Erfahrung lehrt, daß gerade diejenigen, welche sehr lebhafte Leidenschaften und eine empfindsame Natur haben, deren Einbildungskraft leicht gereizt und deren Gefühle schnell erschüttert sind, am raschesten und heftigsten der üblen Schwermut ausgesetzt sind.

Da ihre Phantasie oft ohne ihren Willen selbst die größte Kleinigkeit so schnell zu einer Riesengröße zu erheben weiß, so ist es begreiflich, warum empfindsame Menschen, wie ich einer bin, selbst bei einem guten und richtigen Verstande sich oft am wenigsten in der Gewalt haben, sobald sie von ihrem Gemüte, sei es heiterer und trauriger Natur, überfallen werden. (S. 317)

Besonders die Kindheit und die Jahre im Internat brennen sich dem Leser ein. Da kann es bei den Prügelstrafen schon einmal zu gebrochenen Knochen kommen.

Ausreißer und Arbeitsverweigerer werden besonders hart bestraft. Schläge, kahlgeschorene Köpfe, Essensentzug, Karzer. Die Inspectoren nennen diese Zellen „Besinnungsräume“: Ein enges, dunkles und im Winter eisiges Verlies mit einem Sitzbrett und einem stinkenden Kübel für die Notdurft. (S. 176)

Danach wird man „Preußentum“ und „preußische Tugenden“, immer hübsch mit einem aus der Religion hergeleiteten Absolutheitsanspruch verbrämt, noch einmal mit ganz anderen Assoziationen verbinden. Und man wird sich natürlich auch fragen, wie derlei Werte und Verhaltensnormen (blinder Gehorsam, Prügelstrafe, Härte, Unterdrückung der Sexualität und jeglichen kritischen Denkens) in der deutschen Geschichte weitergewirkt haben.

Es sind oft die scheinbar beiläufigen Beobachtungen, die den Roman so reich machen, wie sie beispielsweise während Kattes Internatszeit zum Tragen kommen:

Der Schulordnung gemäß dürften wir nicht einmal über unseren Unterricht sprechen, denn wir Schüler könnten ja „raisonieren wie die Heiden“. Außerdem werden wir angehalten, den Lehrern regelmäßig übereinander Auskunft zu geben, was nicht gerade der ungezwungenen Rede förderlich ist. (S. 172)

Oder die Regel, dass die Jungen im Schlafsaal selbst im Winter und bei Minustemperaturen mit den Händen auf der Decke schlafen mussten, damit der wachhabende Lehrer sofort sehen konnte, ob sich da etwa jemand selbst befriedigen wollte. Da gehen die Verbindungslinien direkt bis zu dem Prozess um den Hauslehrer, der 1903 seinen Schützling totgeschlagen hat.

Auch die Sprache passt sich dem meist wunderbar an. Trotz einiger überbordender Metaphern und einiger Stellen, an denen man den Eindruck hatte, dass einem Geschichtsbuchwissen referiert wurde.

Graf Brühl […] besitzt zweihundert Paar Schuhe, achthundert gestickte Schlafröcke, fünfhundert Anzüge, hundertzwei Uhren, achthundertdreiundvierzig Tabatieren, siebenundachtzig Ringe, siebenundsechzig Riechfläschchen, neunundzwanzig Kutschen und tausendfünfhundertsiebenundsechzig Perücken. Zu jedem Anzuge gehört eine besondere Uhr, eine spezielle Tabakdose und ein ausgewählter Degen. Wieso die Welt über dergleichen Bagatellen so gut Bescheid weiß?  Alle Gewänder sind in einem Buche aufgemalt, das ihm täglich zur Auswahl vorgelegt wird. Darüber hinaus besitzt er mehr Mätressen als Verstand. (S. 666)

Als ausgesprochen langatmig habe ich allerdings die Beschreibung der Kavaliersreise empfunden, da wurden die Stationen brav aberzählt, aber mir war’s herzlich gleichgültig, wo Katte sich gerade aufhielt.

Gänzlich überflüssig fand ich die Rahmenhandlung, in der sich der junge Philip Stanhope, selbstverständlich ebenfalls mit problematischer Vaterbeziehung, nach dem Fund einiger alter Familienbriefe auf die Reise macht, um herauszufinden, ob an den historischen Orten, an denen Katte gelebt hat, noch Spuren der Geschichte zu finden sind.

Andreas Kilb schreibt in der FAZ:

Aber Roes beschränkt sich nicht darauf, Stanhope auf Kattes Spuren zu schicken, er halst ihm zusätzliche allegorische Aufgaben auf. Stanhope ist Epileptiker und ebenfalls homosexuell. Das Laken, das er in seinem Hotel über Nacht vollgeblutet hat, dreht er den ahnungslosen Berlinern als Kunstwerk an. Im Tiergarten fallen ihm ein neugeborener Kojote und ein Engel-Embryo vor die Füße, die er mütterlich aufzieht. In einem Krankenhaus trifft er einen Arzt, mit dem sein Vater einst als britischer Besatzungssoldat sein Coming-out erlebte. Und zuletzt wächst Stanhope auch noch eine zweite Zunge. Offenbar hat Roes in dieser Figur alle Einfälle begraben, die ihm beim Nachdenken über Katte und Friedrich gekommen sind. Er hätte es besser gelassen.

Derlei surreale Einsprengsel haben nichts daran geändert, dass Philip für die Geschichte im höchsten Maße entbehrlich blieb, doch leider tritt er immer wieder auf, bis sich seine Spuren dann im Nichts verlieren.

Die Reflexionen, die Roes seinem Erzähler Stanhope in den Mund legt, hätten mich vermutlich mehr interessiert, wenn sich der Autor selbst als Spurensucher zu erkennen gegeben hätte.

Gibt es das, einen Entdeckungsreisenden, der nicht mit den Fremden ins Gespräch kommen will, sondern es vorzieht, über seinen Gegenstand zu meditieren, statt zu kommunizieren, ein mystischer Völkerkundler sozusagen, ein reisender Trappist, ein Eremit im ethnologischen Feld?

Vielleicht ist diese Haltung nicht ganz so widersinnnig, wie sie auf den ersten Blick scheint. Denn es dürfte kaum einen vernünftigen Menschen geben, der die fortschreitende Erosion der Verbindung zwischen den Zeichen und den Dinge noch in Zweifel zöge. Tatsächlich meditiere ich über die Dinge, weil ich immer weniger weiß, was ich von ihnen halten soll und mir die naheliegenden Wörter für sie immer fragwürdiger erscheinen. Während ich sie betrachte, verändern sie sich, so wie meine Betrachtung sie verändert. Noch weiß ich nicht, wie das alles enden, wie das alles für mich enden wird. (S. 121/122)

Zarte Gemüter sollten sich durch die ersten Seiten, auf denen gefühlte 500 Namen mitsamt ihrer Abstammung vor dem Leser ausgebreitet werden, nicht abschrecken lassen. Sie tun nichts zur Sache bei diesem fulminanten, melancholischen Ausflug ins Preußentum.

Wie spricht man aufrichtig von sich selbst? Ein hoffnungsloses Ringen, zwischen Strenge und Eitelkeit eine Brücke zu schlagen. Entweder endet dieser Kampf im Wahnsinn oder im Verstummen. (S. 583)

Sechsundzwanzig Jahre habe ich gelebt, und schon ist alles darüber gesagt. Im Wochenbett ist bereits das Sterbebett aufgedeckt. Warum strampeln wir uns in der kurzen Zwischenzeit so heroisch ab, als könnten wir die Welt retten?

Niemand wird in dieser kurzen Zeit je das sein können, was er hätte sein sollen. Ganz gleich, wie lang sie dauert, am Ende wird es immer eine Zeit des Versagens gewesen sein. – Am besten ist es, man hält sich aus allem heraus. Während das Glück dich anlächelt, spannt es schon den Hahn. (S. 761)

Hier geht’s lang zu einem Interview mit dem Autor und eine weitere Besprechung findet man auf lustauflesen.de.

P1020249

 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

11 Kommentare zu „Michael Roes: Zeithain (2017)“

  1. Liebe Anna,
    es liest sich schon deine Buchbesprechung wie ein pädagogisches Gruselkabinett. Die Eltern bzw. die Väter: empathie- und herzlos, die Erziehungs-„Anstalten“: ein Abbild der gesellschaftlichen Verhätlnisse von Macht und Gewalt mit „Erziehungsmethoden“, die heute wahrscheinlich der Folter zugerechnet werden. Du schreibst ja, der Vater von Katte hätte seinen Sohn erzogen wie einen Hund. Wenn man so heute mit dem eigenen Hund in der – zumindest städtischen – Öffentlichkeit herumspringen würde, hätte man vermutlich sämtliche Tierschützer und das Ordnungsamt am Hals. Damals war das der normale Umgang – und ohne dass sich jemand etwas Böses bei denken würde – mit den Kindern. Die wurden ja auch auf den Bildern dargestellt wie Erwachsene, nur in klein. Es mag heute manchmal ein Stück überterieben sein, wie unsere Gesellschaft auf die Interessen und Bedürfnisse von Kindern eingeht, besser als die Methoden des 18. Jahrhunderts scheint mir das aber auf jeden Fall zu sein.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Hallo Claudia,
      ja, manches schien direkt aus dem Gruselkabinett zu kommen, allerdings erzählt Roes so „nahe dran“, so feinfühlig und emphatisch, dass ich Katte sehr gern gefolgt bin. Und natürlich schimmert durch, dass solche Vatergestalten immer selbst seelisch versehrt, verkrüppelt waren. In solche Zeiten wollen wir sicherlich nicht zurück, auch wenn manche Eltern jetzt ganz ins andere Extrem gehen, ihre Kinder in diverse Lagen Watte packen und sich im Radio darüber empören, dass die Grundschulen doch tatsächlich nicht immer die Interessen des eigenen Sprösslings im Blick gehabt hätten, und da konnte der Junge ja nur zum „hochbegabten Minderleister“ werden … Also, einen interessanten Blick auf die Wurzeln und Langlebigkeit mancher unserer Sekundärtugenden erlaubt das Buch allemal, auch wenn ich froh gewesen wäre, wenn der Autor das Ganze um mindestens 200 Seiten gekürzt hätte, es hätte dem Buch keinen Abbruch getan, wie ich finde. Liebe Grüße aus dem Wind, Anna

  2. Ich schiebe dieses Buch trotz großen Interesses bisher vor mir her. Nicht nur wegen der Seitenzahl, ein paar der von mir befürchteten Längen hast ja auch du feststellen müssen. Dennoch macht deine Besprechung so neugierig, dass ich das Buch vielleicht doch demnächst mal hervorhole. Danke dafür und liebe Grüße, Petra

    1. Hallo Petra, hol es einfach mal vom Stapel. Mir ging es so, dass ich das Buch schon nach den ersten paar zähen Seiten (Rahmenhandlung) abbrechen wollte, aber sobald die Katte-Handlung einsetzt, hatte mich Roes am Haken. Probier es aus 🙂 LG, Anna

  3. Da Zeithain mein Heimatort ist, in dem ich aufgewachsen bin, ist dieser Roman natürlich Pflicht für mich. Er liegt schon bereit, und ich hoffe, bald dazuzukommen ihn zu lesen. Es war im Übrigen ein ganz eigenartiges Gefühl, die Vorschau des Schöffling-Verlages anzuschauen und dann auf diesen Titel zu stoßen, obwohl man weiß, dass der Ort geschichtsträchtig ist. Viele Grüße

    1. Und in meiner geografischen/geschichtlichen Ahnungslosigkeit hatte ich mich, als ich den Roman zuerst in der Buchhandlung sah, über den poetischen Titel gefreut, der sofort mein Interesse weckte. Wie schön, wenn Orte oder auch Straßen besondere Namen haben. Ein Straßennname, der mir besonders gefällt: Unter dem Gedankenspiel…
      Das von dir erwähnte eigenartige Gefühl kann ich gut nachvollziehen, das würde mir ebenfalls so gehen, sollte es plötzlich einen Roman geben, der als Titel des Namen meines Heimatortes haben sollte; aber der klingt so prosaisch, das wird wohl nix.
      Jedenfalls freue ich mich auf deine Eindrücke zum Buch. LG, Anna

    1. Ja, ich war kurz davor, die Lektüre abzubrechen, bis mich Roes dann doch am Haken hatte. Vor vielen Jahren habe ich ein Buch von ihm gelesen, das mich ebenfalls sehr beeindruckt hat, das werde ich mal wieder aus dem Regal holen. LG, Anna

      1. Leeres Viertel Rub al-Khali – ist allerdings schon so lange her, dass ich mich an nichts mehr erinnere. Jedenfalls werde ich den Kommentar deines Professors im Hinterkopf behalten. LG, Anna

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