Steven Naifeh; Gregory White Smith: Van Gogh – Sein Leben (OA 2011)

Vor einigen Jahren kaufte ich im Van Gogh Museum in Amsterdam DIE Biografie von Naifeh und Smith zum Künstler; doch wie so oft, das Buch war gekauft, aber dann verlor sich das Interesse und andere Bücher drängelten sich vor, bis es mir eher zufällig wieder in die Hände fiel. Unlustige Gedanken machten sich breit: Würde mein Interesse an van Gogh und seinen Bildern wirklich über 1000 Seiten tragen? Hätte es der Wikipedia-Artikel nicht auch getan?

Die Antwort ist einfach: Nein, das Buch war hinreißend und so spannend, ja manchmal geradezu nervenaufreibend, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte und mein Mann musste sich jeden Abend lange Inhaltsangaben anhören – selbst wenn es einiges gab, was man vielleicht hätte kürzer fassen können.

Den Trumm aus dem Amerikanischen übersetzt haben Bernhard Jendricke, Christa Prummer-Lehmaier, Sonja Schuhmacher und Rita Seuß.

Alle meine Ansichten, die ich vorher zu van Gogh (1853 – 1890) hatte, warf das Buch über den Haufen; nahezu jede Seite brachte neue Details eines Lebens, das sich zwischen Kunsthandel, Büchern, Museen, Holland, Prostituierten, Großbritannien, Selbstkasteiungen, einem belgischen Steinkohlerevier, Armut, Paris und Südfrankreich entfaltete. Auch die gängige Theorie von Vincents Selbstmord stellen die Autoren zumindest in Frage.

Naifeh und Smith konnten nicht nur auf die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschungsarbeit zurückgreifen und auf die Hilfe renommierter Institutionen hoffen, sie haben es neben ihrer schier unglaublichen Recherchearbeit auch verstanden, unzählige Zitate aus den Briefen Vincents und anderer Familienmitglieder – allen voran von Bruder Theo – so organisch einzuflechten, dass man sehr nahe am Geschehen ist.

Die künstlerische Entwicklung van Goghs wird in den gesamtgesellschaftlichen und künstlerischen Rahmenbedingungen verortet und ist auch für Laien gut nachvollziehbar. Das Buch enthält eine ganze Reihe von Abbildungen, von denen man sich, wie könnte es anders sein, natürlich noch wesentlich mehr wünschen würde.

Doch es sind vor allem drei Aspekte, die mich am meisten an dieser unglaublichen und dabei doch immer sachlichen Biografie faszinieren, die weitab von jeglicher Verklärung oder Verkitschung ihres Gegenstandes ist.

Zum einen lässt sich das Buch auch als Psychogramm einer Familie lesen. Der Vater war Pfarrer und in dieser oft sehr verlogenen Welt, die nur auf äußere Wohlanständigkeit schielte, war von Anfang an kein Platz für einen schwierigen und unkonventionellen Sohn. Den Kindern wurde verboten, mit Bauern und armen Leuten Umgang zu haben. Man war schließlich etwas Besseres. Später „durften“ Vincent und sein Bruder Theo zwar Affären haben, selbst dass sie Frauen schwängerten, war nicht das eigentliche Problem. Doch sobald einer der Söhne seine unstandesgemäße Geliebte heiraten wollte, wurden die ganz großen Geschütze aufgefahren.

Zum anderen ist die Bruderbeziehung zwischen Vincent und Theo wesentlich vielschichtiger, als ich mir das so vorgestellt hatte. Und Vincent war allein schon vom Verhalten und den finanziellen Forderungen, die er an Theo stellte, tatsächlich eine unglaubliche Belastung. Vincent war nicht fähig und später auch nicht willens, seinen eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Vor allem, nachdem sich seine Träume, als einfacher Prediger in England Arbeit zu finden, als völlig wirklichkeitsfremd erwiesen hatten. Und zu seinen Lebzeiten ist nur der Verkauf eines einzigen Gemäldes von ihm dokumentiert.

Der dritte Aspekt, der nach der Lektüre nachhallt, ist die schier unfassbare lebenslange Einsamkeit dieses Mannes, der – so erscheint es mir jetzt – eher aus Zufall Künstler geworden ist. Ein Mensch, der ständig von Heimweh nach einer illusionären heilen Vergangenheit und Familie – die später nichts mehr von ihm wissen wollte – geplagt war und in grandiosen Wahnvorstellungen von einer Künstlergemeinschaft geträumt hat und für diese Gemeinschaft vermutlich der allerungeeignetste gewesen wäre. Sämtliche Beziehungen und Freundschaften zerbrachen an seinem unverschämten, distanzlosen und diktatorischen Verhalten. Selten dürften Selbst- und Fremdwahrnehmung bei einem Menschen immer wieder so weit auseinander gelegen haben wie bei Vincent van Gogh.

Seine große Liebe galt der Porträtmalerei, also genau dem Bereich, wo er vermutlich die größten handwerklichen Schwächen  hatte. Seine vielen Selbstporträts sind allerdings auch dem Umstand geschuldet, dass er oft kein Geld hatte, Modelle zu bezahlen.

Seine unbeschwerteste Zeit war womöglich die in der „Irrenanstalt“ in Südfrankreich, wo er einfach – zwischen seinen Wahnschüben – malen konnte, sich nicht um finanzielle Angelegenheiten sorgen und nicht befürchten musste, von Straßenjungen mit faulem Obst beworfen zu werden. Es geht einem nahe, wenn man nach über 1000 Seiten liest, was er kurz vor seinem Tod aus Auvers in einem Brief geschrieben hat:

Ich will nicht sagen, meine Arbeit wäre gut, aber von allem, was ich machen kann, ist sie noch am wenigsten schlecht. Das Übrige, Beziehungen zu Menschen, ist recht zweiten Ranges, denn dazu habe ich kein Talent. Das lässt sich nun mal nicht ändern.

Sein Bruder Theo, ohne dessen finanzielle Unterstützung Vincent nichts hätte malen können, starb nur ein Jahr nach ihm. Dass wir heute van Goghs Gemälde in den Museen der Welt bewundern können, verdanken wir ganz wesentlich seiner Schwägerin und seinem Neffen und Sammlern wie Helene Kröller-Müller.

Und wer mag, hört jetzt noch ein bisschen Don McLean.

 

Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

9 Kommentare zu „Steven Naifeh; Gregory White Smith: Van Gogh – Sein Leben (OA 2011)“

  1. Nach dem Lesen Deiner wunderbaren Rezension und dem Hören von „Starry, starry night“ bin ich so inspiriert, dass ich mich gleich in die 1000 Seiten Van-Gogh-Biografie stürzen könnte. Die Verlinkung zu Don McLeans Lied ist wirklich eine sehr schöne Idee! Danke Dir dafür!

  2. Hast Du es geschafft! 😀 Schon Deine kurze Beschreibung dessen, was Dich an der Biografie überrascht hat, macht auch mich neugierig. So viele Mythen ranken sich um Van Gogh, wenn man beginnt, den Menschen dahinter zumindest etwas klarer wahrzunehmen, betrachtet man seine Bilder vermutlich noch einmal ganz anders. Liebe Grüße, Peggy

  3. Liebe Anna,
    mit deiner Buchvorstellung hast du mich auch ziemlich neugierig gemacht auf Vincent van Gogh und sein Leben. Da wünschte ich mir, du hättest uns Lesern auch noch ein bisschen mehr Inhalte zusammengefasst und viiiieel ausführlicher erzählt.
    Ich weiß recht wenig über van Gogh, habe nur Sonnenblumen vor Augen, recht düstere Selbstporträts und erinnere ein abgeschnittenes Ohr. Und meine gelesen zu haben, dass er mit der „Caféterrasse am Abend“ auch als Vorläufer der Expressionisten gilt. Ich schließe mich Peggy an und würde nun auch am liebsten schnell in die niederländischen Museen gehen und die Bilder betrachten.
    Und wie dramatisch – und ungerecht -, wenn ein Künstler wohl erst nach seinen Lebzeiten entdeckt wird und deutlich wird, wie inspirierend er für Nachfolger gewesen ist.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Hallo Claudia, ja, entdeckt wurde er erst nach seinem Tod. Es gab nur einen lobenden Artikel über ihn zu seinen Lebzeiten. Und obwohl sein Bruder Theo Kunsthändler war, konnte er nur ein einziges Bild von Vincent zu dessen Lebzeiten verkaufen. Er starb verarmt und bei seinem Bruder hoch verschuldet.
      Irgendwann durchzuckte mich kurz der Gedanke, das Buch ausführlicher nachzuerzählen, aber zum einen stehen die Chancen auf Sonderurlaub bekanntlich eher schlecht und zum andern wär das dem Buch vielleicht auch gar nicht gerecht geworden, da es einfach so minutiös erzählt ist, so viele Informationen und Zitate enthält.
      Dir jedenfalls interessante Ferienlektüre und schöne Ostertage. LG, Anna

    1. Der Umfang ist wirklich der Hammer. Und oft reichen ja wirklich die Lexikon-Einträge. Dennoch: Bei größerem Interesse an van Gogh würde ich empfehlen, das Buch mal 25 Seiten anzulesen. 🙂 LG, Anna

      1. Danke auch für den Link zu Don McLeans Lied, liebe Anna. Das hatte ich seit Ewigkeiten nicht gehört, kannte weder den genauen Inhalt, noch den Sänger. Es hat mich viel gelehrt, und sehr berührt.
        Noch eine gute Woche.
        Tanja

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