Alma M. Karlin: Ein Mensch wird (1931)

Obwohl Alma Maximiliana Karlin in den zwanziger und dreißiger Jahren eine der bekanntesten deutschsprachigen Reiseschriftstellerinnen war, war sie mir bis zu diesem Buch unbekannt.

1889 wurde sie im damaligen Österreich-Ungarn, dem heutigen Slowenien, geboren. Nach einem bewegten Leben geriet sie in ihrer Heimat, vermutlich aufgrund der Vorbehalte gegenüber ihrer Zugehörigkeit zum deutschen Kulturraum, nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit. 1950 starb sie verarmt und vergessen in ihrer Heimat.

Dass eine Wiederentdeckung lohnt, zeigen schon die ersten Seiten ihrer Autobiografie, auf denen Karlin einen ganz eigenen Klang entfaltet. So schreibt sie über ihre ersten Lebenstage:

Ich schlug die Augen nur selten auf, wohl aus dem richtigen Gefühl heraus, daß es für mich auf Erden noch genug Unangenehmes zu schauen geben würde, und so vergingen volle sechs Wochen, ehe meine Eltern wahrnahmen, daß ich die Augen unrichtig eingehängt hatte. Meine Mutter war trostlos darüber, weil es ein Schönheitsfehler, eine weitere Handhabe zu bösartigem Spott war, aber mein Vater sagte sich, daß an einem Zwetschkenbaum keine Pfirsiche hängen und von sehr alten Eltern keine körperlich bervorzugten Kinder kommen konnten, und deshalb erklärte er mir, als ich in die Jahre des Verstehens gekommen war, daß ich ihm so, wie ich eben ausgefallen war, ganz gut paßte. Diese seine Einstellung freute mich um so mehr, als er darin vereinsamt dastand, denn nicht einmal von mir selbst dürfte ich Gleiches behaupten. Ein Menschenleben hat nicht genügt, mich mit meinem Äußeren zu versöhnen. (S. 9)

Die ersten Jahre sind für die kleine Alma im Großen und Ganzen noch eine unbeschwerte Zeit. Die Eltern sind wohlhabend und die Liebe ihres bereits 60-jährigen Vaters schützt sie vor der unnachsichtigen, überängstlichen und nur auf den äußeren Schein bedachten Mutter, der es ein ewiger Stein des Anstoßes war, dass das angeblich so unhübsche und linksseitig leicht gelähmte Mädchen sich nicht zu einem fügsamen Modepüppchen entwickeln wollte. Und damit möglichst niemand den Sehfehler ihrer Tochter bemerkt, stülpt sie ihr, sobald man das Haus verlässt, „schwammartige Hüte“ über den Kopf.

Mit ihrem Vater unternimmt sie lange Spaziergänge, auf denen sie auch mal mitsamt dem neuen Mantel in die Pfütze fällt, weil sie nicht weit genug gesprungen ist, während die Spaziergänge mit ihrer Mutter der reinste Graus sind.

Bis ich genug  gewaschen und geputzt und belehrt und bedroht worden war, bis die Handschuhe saßen und ich artig die Hand zum Halten gegeben hatte, waren schon Bäche von Tränen geflossen und dann, im Park, wo der liebe Gott alle unangenehmen Frauen der Welt versammelt zu haben schien, jagte man mich von einer zu anderen und bei jeder hieß es: ‚Engerl, mach einen Knicks.‘ […] Außerdem regnete es törichte Fragen. ‚Schatzerle, wen hast du lieber – deinen Vater oder deine Mutter?‘ Und ich prompt darauf: ‚Meinen Vater!‘ Sofort die weisen Lehrer: ‚Seine Mutter muß man mehr lieben!‘ Im Allgemeinen konnte man von Glück reden, wenn ich mich als Antwort nur in Schweigen hüllte. (S. 16)

Doch ihr geliebter Vater stirbt, als Alma sechs Jahre alt ist. Danach ist das Mädchen dem Perfektionismus ihrer Mutter und deren Mantra „Das schickt sich nicht.“ schutzlos ausgeliefert.

So verwundert es nicht, dass sich die Beziehung zur Mutter stetig verschlechtert. Und noch Jahrzehnte später ist Karlins Meinung zur berufstätigen Frau geprägt von ihren eigenen Erfahrungen mit ihrer lieblosen und wenig empathischen Mutter, die ihre Tätigkeit als Lehrerin trotz Ehe und Mutterschaft nicht aufgegeben hat. Sie ist sich sicher, dass

… Frauen, die einen Beruf haben, nicht Mütter sein können, deshalb geht heute die Ehe zugrunde, erlischt so viel Schönes schon in der aufwachsenden Jugend. […] Warum? Weil eine Frau, die im Beruf steht, ihre Interessen außer Haus verankert hat; weil sie – nach Erfüllung bezahlter Pflichten – müde und abgespannt heimkehrt und da wirklich Unterhaltung braucht, nicht solche noch zu bieten vermag; weil sie den erschöpften Geist nicht nochmals anstrengen kann und weil ihr, die tagsüber vom Heim weg war, der innere Zusammenhang mit den darin befindlichen Personen und Sachen fehlt. Sie ist bei sich selbst zu Gast. (S. 19)

Dazu kommt, dass das Mädchen nur Umgang mit Gleichaltrigen pflegen darf, wenn diese aus der gleichen gesellschaftlichen Schicht und zudem aus dem deutschsprachigen Milieu kommen. Ihr Vater hatte sich immer als österreichischer General verstanden, der über der Nationalitätenfrage stand. So pflegte die Familie „nur Verkehr in Kreisen, die sich keiner politischen Partei anschlossen.“ Damit fallen aber viele gesellschaftliche Veranstaltungen von vornherein aus.

Das Lavieren der Mutter zwischen Deutschen und Slowenen – welche Fahne soll an den jeweiligen Feiertagen herausgehängt werden? – sorgt denn dann auch regelmäßig für Probleme:

Nach einem Fest auf der Festwiese grüßten uns die Deutschen nicht und nach einem Slawenfest die Slawen nicht. (S. 45)

Aus der insgesamt eher unerfreulichen Außenwelt flüchtet sich Alma immer stärker in die Welt der Bücher, der Fantasie, des Sprachenlernens und der Bildung.

Dieses Vermögen, mir eine eigene Welt zu schaffen, in der alle Leute immer nur das taten, was ich am meisten wünschte oder anstrebte, entzog mich sehr dem Wirklichen, half mir wunderbar über die Düsterheit des Daseins hinweg, entfremdete mich indessen sicherlich meiner Umwelt und machte mich seltsam unabhängig von ihr. In den Entwicklungsjahren haftete diesen Träumereien etwas Ungesundes an, doch in späteren Jahren war ich in meinem Traumreich so, wie ich mir wünschte, es in Wirklichkeit zu sein – weiser, besser, gütiger – und so wuchs ich an diesem Ideal, bis ich eine Anzahl leidiger Schwächen abgestreift hatte. So bleibt selbstredend  noch immer viel zu wünschen übrig. Wie auch nicht? (S. 57)

Doch die eigentliche Katastrophe beginnt, als Almas Mutter eines Tages auffällt, dass eine Schulter ihrer Tochter höher als die andere ist. Alma ist sich sicher, dass die extreme Reaktion ihrer Mutter eher der verletzten Eitelkeit einer schönen Frau geschuldet ist als der Sorge um das Wohlergehen ihrer Tochter.

In dieser kurzen Stunde hatte eine Feindschaft begonnen, die nichts im Leben mehr zu verwischen imstande war, denn an diesem Nachmittag begann der Kreuzweg, der meine ganze Mädchenzeit in ein Fegefeuer verwandelte… (S. 67)

Und tatsächlich bestimmen nun Qualen und Quälerei die nächsten Jahre. Nachdem Alma von diversen Orthopäden untersucht worden ist, muss sie täglich stundenlange Übungen absolvieren, kopfüber in irgendwelchen Seilen hängen und darf keinesfalls irgendwo mal ruhig sitzen, lesen oder sich ausruhen. Dazu zwingt ihre Mutter sie, mehrere Stunden am Tag ein Mieder zu tragen, auf dass das Kind wenigstens eine Wespentaille bekomme.

Um ununterbrochenen Szenen zu entgehen, legte ich es täglich  auf einige Stunden an und wenn ich nicht die Innenorgane zusammengepreßt hatte, so sah ich Sterne der Arme wegen. Um mich nämlich immer ganz gerade zu halten zu müssen, trug ich einen sehr breiten Gummigurt, der um die Schultern und um eine Hüfte lief und der so stark einschnitt, daß ich vom vierzehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr stets geschwollene und oft eiternde Striemen um den Oberarm und die Achselhöhlen hatte und sich die eine Brust durch den ununterbrochenen Druck nicht so gut entwickelte wie die andere. Es gab Tage, an denen ich mich freute, ins Bett gehen zu dürfen, nur um endlich jeden Druck los zu sein, obschon das Bett hart, kissenlos und unbequem war. (S. 89)

Da Alma unter der ganzen Schinderei, die mehr als einmal ihre Schulbildung unterbricht, immer stiller, ernster und verschlossener wird, sinnt ihr Kindermädchen Mimi auf Abhilfe. Zusammen mit anderen fingiert sie Liebesbriefe eines jungen Adeligen, der heimlich in Alma verliebt sei. Tatsächlich fällt Alma auf den Betrug herein und jahrelang ist dieser Traum vom strahlenden Ritter, der sie irgendwann retten und auf sein Schloss holen wird, ihr ein Halt und ein Trost. Doch als dann nach fünf Jahren die Fiktion auffliegt, geht durch diesen Vertrauensmissbrauch etwas in dem jungen Mädchen unwiderruflich zu Bruch.

Wenn ich mich an jene Trugliebe erinnere, muß ich an einen Obstbaum denken, den man im Februar zur Blüte bringt und den der Reif vernichtet. Er geht nicht ein, er steht immer noch am Wegrand, aber er blüht nicht und trägt keine Früchte und lädt niemanden ein, in seinem Schatten zu ruhen, denn er hat nichts zu geben. Er ist kahl. In sich geschlossen, blüht er höchstens in sich hinein. … Auch das ist Schicksal. (S. 77)

Wie sich Alma Karlin aus dieser freudlosen Jugendzeit und den einengenden gesellschaftlichen Verhältnissen, die eigentlich nur eine „standesgemäße“ Heirat zuließen, dank eines schier unglaublichen Kampfeswillen und ihres Sprachenlernens herauswindet und es bereits als junge Frau bis nach Paris, Norwegen, Schweden und nach London schafft, erfährt der Leser in den zwei weiteren Dritteln des Buches. Es gibt also noch viel zu entdecken.

Und ich bin beeindruckt von einer Autorin, deren glasklarer, leicht spöttischer Stil mir ausnehmend gut gefallen hat und die uns einen Einblick in eine vergangene Zeit ermöglicht. Auch wenn der in ihren anderen Büchern wohl nicht immer frei von theosophischen und manchmal auch rassistisch geprägten Sichtweisen ist. Wir erleben die Jugend eines Mädchens aus „den besseren Kreisen“ mit, das über weite Strecken auf sich allein gestellt war und kaum Ermutigung und Zuwendung erfahren hat. Aber vielleicht hat Alma M. Karlin genau daraus ihre Kraft und ihre Stärke gezogen, die sie später befähigt haben, durch die Welt zu reisen und ein selbstbestimmtes Leben zu leben.

Ihr Buch Einsame Weltreise mit dem Untertitel Erlebnisse und Abenteuer einer Frau im Reich der Inkas und im Fernen Osten (1928) liegt hier jedenfalls schon bereit.

Bleibt mir noch, dem Aviva Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar zu danken, das durch ein informatives Nachwort der Karlin-Biografin Jerneja Jezernik abgerundet wird.

P1030710

 

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6 Kommentare zu “Alma M. Karlin: Ein Mensch wird (1931)

    • Hallo Birgit,
      ja, ich dachte die letzten Monate öfter, dass wir bestimmt bald etwas zu dieser Frau auf deinem Blog lesen werden 🙂 Nun, vor allem macht Karlin ja selbst auf sich neugierig. Die vielen Zitate geben da, denke ich, einen guten Eindruck. Und nachdem ich gestern in den ESC reingezappt bin – sollte man einfach nicht tun, ich weiß – und die halbnackten Barbiepuppen-Moderatorinnen gesehen und ihr dümmliches Geplapper gehört habe und wie sie sich selbstverständlich von männlichen Sängern haben küssen lassen, denke ich, dass Frau Karlin zumindest der Zeile „I’m not your toy“ etwas hätte abgewinnen können. LG, Anna

    • Danke für die freundlichen Worte. Karlin hat tatsächlich einen Stil, der uns ihr interessantes, wenn mitunter auch sehr betrübliches Leben sehr nahebringt. Wünsche eine gewinnbringende Lektüre.

  1. Deine wunderbar geschriebene Zusammenfassung und Auswahl der Zitate haben auch mich in ihren Bann gezogen, liebe Anna. Mir ging es so wie Dir, und mir war der Name dieser Schriftstellerin bisher völlig unbekannt. Ich hoffe das demnächst zu beheben.
    Sei herzlich gegrüßt,
    Tanja

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