Mohamed El Bachiri: A Jihad for Love (2017)

Mohamed El Bachiris Vater wanderte als marokkanischer Gastarbeiter in den sechziger Jahren nach Belgien ein. Von Anfang an hat die Familie in Brüssel im heute berüchtigten Stadtteil Molenbeek gelebt.

Im März 2016  verlor El Bachiri (*1981) seine Frau Loubna bei einem Terroranschlag des IS in Brüssel. Seine Frau starb durch eine Bombe in der U-Bahn und  war eines der 35 Opfer. Mehr als 300 Menschen wurden verletzt.

Besonders bitter: Auch der Attentäter war ein in Belgien geborener Marokkaner.

Auf 92 großzügig gesetzten Seiten nähert sich der Autor in kurzen, manchmal lyrischen Texten seiner Biografie, seiner Ehe, seinen Erfahrungen mit Rassismus und seinem Glauben und diesem Unfassbaren, der Trauer, der Aufgabe, nun allein drei Söhne großziehen zu müssen, und der Frage, was die angemessene Haltung sein kann. Rache? Hass? Vergeltung? Oder wie der Titel schon anklingen lässt: Liebe.

Zunächst erschien das Buch, das in Zusammenarbeit mit David van Reybrouck entstand, auf Französisch, die Übersetzung ins Englische stammt von Sam Garrett und unter dem Titel Mein Dschihad der Liebe erschienen die Texte auch auf Deutsch.

Interessant fand ich den Einblick in das Glaubensverständnis, das El Bachiri, der übrigens auf eine katholische Schule ging, von seinen Eltern vermittelt bekommen hat. Der Vater erklärte ihm ganz entspannt den Unterschied zum Christentum mit den Worten:

It’s just like with us, except Jesus is not the son of God and we have an extra prophet. (S. 21)

Für El Bachiri ist Fundamentalismus unvereinbar mit jeglichem Glauben, schließlich habe Gott alle Menschen und alle Völker geschaffen. So plädiert er für einen aufgeklärten und weltoffenen Islam. Er bedauert, dass so viele seiner Glaubensbrüder so wenig über ihre eigene Geschichte wüssten, was sie bei kritischen Fragen völlig verunsichere und anfälliger für einfache Dogmen mache.

Some of them measure the credibility of an imam by the length of his beard. (S. 33)

For us, as Muslims with common sense, it is obvious and necessary to see the belligerent passages in the Koran as historical words from the seventh century. It would be an absolute mistake to try to claim that they are universally valid. And they may never, ever be used to harm another person.  (S. 27)

Doch wenn man nachdenke, neugierig und lernwillig bleibe, dann gelte:

When you’re sure of yourself, you can go very far and still always find your way back. (S. 34)

Sich in angeblich perfekte islamischen Zeiten zurückbomben zu wollen, erscheint ihm absurd.

Living the way they did in the Middle Ages? With WhatsApp? (S. 59)

Zum anderen ist das Buch eine warmherzige Liebeserklärung an seine schöne Frau, seine beste Freundin, die Mutter seiner Kinder, über deren Verlust nichts hinwegzutrösten vermag.

I’m in a different dimension.

That is the only way I can go on living. (S.9)

Für seine Trauer findet er einfache und berührende Worte:

Her name ist still beside the doorbell.

Of course. This is her house.

Even if she doesn’t live here any more.

Even if she doesn’t live at all any more. (S. 11)

Dann wieder erzählt er von seinen Erinnerungen, die gerade in ihrer Alltäglichkeit sehr plastisch sind. Und davon, wie oft sie in den 12 gemeinsamen Jahren zusammen gelacht haben.

I loved to cook, but I always dirtied about twenty pans. The food was good, but the kitchen looked as though a hurricane hat hit. I was so much sloppier than she was. […] She was very organized. (S. 43)

Über den Attentäter verliert er nur wenige Sätze:

He leaves me cold, that guy. (S. 48)

The problem with such people is that everything proceeds from the logic of hatred, and I don’t feel that hatred. They have lost their humanity and dehumanise others. You can’t answer an injustice with another injustice, that makes no sense. You may be completely confused, totally desperate, but that can never justify hate or atrocities. (S. 58)

Die Mörder sollen über das hinaus, was sie in seinem Leben und in dem seiner Familie angerichtet haben, nicht noch mehr Macht bekommen. Deshalb weigert sich El Bachiri zu hassen oder Vergeltung zu fordern. Er will sich nicht auf die gleiche Ebene der Mörder und Verbrecher ziehen lassen.

Doch wie kann er all das seinen Kindern erklären? Für seine Söhne ist ein Leben ohne Mama nicht richtig, sie verstehen nicht, wie sich eine Mutter noch morgens von ihnen verabschiedet, so als sei alles normal, und dann kommt sie einfach nicht zurück.

I am the only captain left on a ship with three crew members, on an ocean of sorrow. The wind blows hard, speaking your sweet name, blowing us towards the unknown. Without you I have lost my way, life has lost all its flavour. (S. 53)

Ein entscheidender Moment auf seinem Weg der Trauer war die Begegnung mit dem marokkanischen König, der in seiner Würdigung der Verstorbenen wohl die richtigen Worte gefunden hat, um El Bachiri Mut und Durchhaltewillen für die Zukunft zu geben.

Und obwohl er zum Zeitpunkt des Schreibens noch völlig in der Luft hängt, er seinen Beruf als U-Bahnfahrer nicht mehr ausüben kann und ihm die öffentlichen Auftritte Mühe bereiten, hält er daran fest, dass es unsere Menschlichkeit sei, die uns verbinde. Erst an zweiter Stelle stehen Religionen und Staaten. Unseren Kindern sollten wir neben Kunst, Poesie und einem Sinn für Schönheit auch beibringen, welche großen Menschen und Denker es gibt, denn deren Erkenntnisse gehörten allen.

I’m going to release four doves to fly to all four corners of the world, to spread love as the only answer to hatred. And you’ll go with them, my youngest son, you’ll protect them, my little falcon. (S. 55)

Mein Leseeindruck war gemischt:

Auf der einen Seite Hochachtung, Respekt und Mitgefühl für einen Trauernden, der sich weigert, Hass zu empfinden und der seinen Kindern trotz des Irrsinns, den seine Familie getroffen hat, Liebe und Achtung als Grundprinzipien mitgeben möchte.

Und es gab zahlreiche Stellen, die mir auch sprachlich gefielen. Schlicht, treffend, anrührend.

Aber dieses schmale Büchlein ist von sehr uneinheitlicher Qualität. Manches ist schon recht einfach gestrickt und anderes wird wiederum so kurz abgehandelt, dass darunter die gedankliche Schärfe notgedrungen leidet. Und ob es wirklich sein muss, auch noch auf Polygamie und den Nahostkonflikt zu sprechen zu kommen? Da wäre weniger mehr gewesen.

Ich hätte lieber mehr über seine Biografie, seine Familie oder seine Söhne erfahren. Oder über die Schwierigkeiten, trotz eines solchen Verbrechens seiner pazifistischen Grundhaltung treu zu bleiben.

Im Guardian gibt es einen schönen Artikel zu ihm und seinem Buch.

Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

2 Kommentare zu „Mohamed El Bachiri: A Jihad for Love (2017)“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s