Fundstück von Agota Kristof

Wenn wir die Eltern meiner Mutter besuchen, die in einem nahe gelegenen Dorf wohnen, in einem Haus mit Licht und Wasser, nimmt mich mein Großvater an der Hand, und wir machen zusammen einen Rundgang durch die Nachbarschaft. Großvater holt eine Zeitung aus der großen Tasche seines Gehrocks und sagt zu den Nachbarn: ‚Seht her! Hört zu!‘ Und zu mir: ‚Lies.‘

Und ich lese. Fließend, fehlerlos, so schnell, wie man es verlangt.

Abgesehen von diesem großväterlichen Stolz, wird mir meine Lesekrankheit eher Vorwürfe und Verachtung einbringen:

‘Sie tut nichts. Sie liest die ganze Zeit.‘

‘Sie kann sonst nichts.‘

‘Das ist die bequemste Beschäftigung, die es gibt.‘

‘Das ist Faulheit.‘

Und vor allem: ‚Sie liest, anstatt…‘

Anstatt was?

‘Es gibt so viel Nützlicheres, nicht wahr?‘

aus: Agota Kristof: Die Analphabetin, Ammann Verlag 2005, S. 11

Die Originalausgabe erschien 2004.

Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

5 Kommentare zu „Fundstück von Agota Kristof“

  1. Ich habe kürzlich Kristofs Roman „Das große Heft“ gelesen und auf meinem Blog besprochen. Es war ein Buch, das sich in mich „verbissen hat“. Da habe ich mir gesagt, ich muss weitere Romane von ihr lesen. Vielleicht wird ja dieses das nächste sein. Viele Grüße

    1. Hallo Constanze, ja, und deine Besprechung hat mich sehr angesprochen, doch schien mir der Inhalt zu heftig, da habe ich mich für etwas „Leichteres“ von ihr entschieden. LG, Anna

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