Anthony Ray Hinton: The Sun Does Shine (2018)

Bevor sich alle fragen, ob Buchpost nun zu einem reinen Fotoblog mutiert, wird es Zeit, die Sommerpause für beendet zu erklären und für eine Besprechung, doch wie soll man dieser Autobiografie gerecht werden? Rasch und ungeplant in einer Flughafenbuchhandlung erstanden und dann nach dem Lesen Bestürzung, Betroffenheit, Bewunderung. Doch von vorne:

1985 wurden zwei Mitarbeiter von Fastfood-Restaurants bei Raubüberfällen in Alabama erschossen, ein drittes Opfer überlebte und identifizierte den Afroamerikaner Anthony Ray Hinton (*1956) anhand von Fotos als den Täter. Indizien oder Zeugen gab es nicht. Eine Zeugenaussage war gelogen, das Foto bei der Identifizierung durch das Opfer bereits als Täterfoto markiert.

Hinton bekommt einen schlecht bezahlten, unfähigen und lustlosen Pflichtverteidiger an die Seite gestellt, dem es gleichgültig ist, ob Hinton schuldig ist oder nicht. Der vom Verteidiger bestellte Gutachter, der beurteilen soll, ob es sich bei der alten Waffe von Hintons Mutter um die Tatwaffe handelt, ist auf einem Auge blind und kann das Mikroskop nicht richtig bedienen. Eine Katastrophe, die der Staatsanwalt im Prozess weidlich auskostet.

Trotz seines Alibis, er war zur fraglichen Zeit des dritten Überfalls an der Arbeit, bei der man ein- und auschecken musste, wird Hinton zur Todesstrafe verurteilt, da es sich bei der Waffe seiner Mutter definitiv um die Tatwaffe handele. Er verbringt die nächsten 29 Jahre in der Todeszelle im Gefängnis William C. Holman Correctional Facility.

Obwohl Anwälte der Equal Justice Initiative 2002 schließlich nachweisen können, dass Hinton unschuldig ist, FBI-Experten zweifelsfrei nachweisen, dass die Schüsse aus einer anderen Waffe abgefeuert wurden und sein erster Prozess eine einzige Abfolge von Fehlern der Verteidigung war, weigert sich der Staat Alabama, den neuen Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen, da dies den Steuerzahler nur unnötig Geld kosten würde.

Noch in einem 2009 veröffentlichten Buch faselt der inzwischen verstorbene Staatsanwalt McGregor davon, wie sehr Hinton „just radiated guilt and pure evil“.

Erst 2015, nachdem Bryan Stevenson und sein Team von der EJI 16 Jahre dafür gearbeitet haben, Hintons Unschuld zu beweisen, gelangt der Fall vor den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Hinton kann nach fast 30 Jahren das Gefängnis als freier Mann verlassen.

Dabei verschweigt er nicht, dass das Leben im Knast ihn gezeichnet hat. Noch lange nach seiner Entlassung wacht er morgens um drei Uhr auf, weil man dann im Gefängnis Frühstück bekam. Er fühlt sich anfangs in Räumen, die größer als seine Zelle sind, unwohl. Und jeden Tag ruft er mehrmals Freunde an, sammelt Quittungen, verschafft sich sozusagen Alibis, denn die Furcht, grundlos von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben gerissen zu werden, hat sich tief in ihn eingegraben. Diejenigen, die ihn 1985 sterben lassen wollten, sind natürlich über seine Freilassung unglücklich und halten sie für grundfalsch. Von den an dem Fehlurteil Beteiligten hat sich niemand je bei ihm entschuldigt. Eine finanzielle Entschädigung hat er bis jetzt nicht bekommen.

In diesem Buch, das er zusammen mit Lara Love Hardin geschrieben hat, erzählt er auf hinreißende Weise von seiner Jugend, der engen Beziehung zu seiner Mutter und deren christlichem Glauben und von seinem besten Kumpel Lester, der ihn schließlich fast dreißig Jahre lang jeden Monat im Gefängnis besuchen wird und der sich um Hintons Mutter kümmern wird, als wäre es seine eigene.

Wir lesen, wie eklatante Unfähigkeit und Rassismus sich auch strukturell in der Rechtsprechung austoben dürfen, wie ihm Anklagevertreter ganz unverhohlen sagen, dass es ihnen egal sei, ob er schuldig ist oder nicht, Hauptsache, es gäbe wieder einen Nigger weniger auf Alabamas Straßen. Einer droht ihm sogar, ihn im Falle einer Freilassung persönlich am Gefängniseingang abzuknallen.

Und Hinton erzählt vom Leben im Gefängnis, von den Demütigungen und Schikanen einzelner Wächter, den seltsamen Freundschaften, die sich bilden, z. B. mit dem ehemaligen KKK-Mitglied Henry Hays, den im Sommer unerträglich heißen Zellen, von seiner Idee eines Buchklubs und dem Geruch von Menschenfleisch, wenn alle riechen können, dass wieder einer auf dem elektrischen Stuhl gestorben ist. Und auf welche Art und Weise die Männer einander das Beileid aussprechen, wenn einer von ihnen einen Angehörigen verloren hat. Und von der Sehnsucht nach seiner Mutter.

Dabei verhehlt er nicht, dass viele der Männer grauenhafte Verbrechen begangen haben, manche Psychopathen und andere geistig behindert ist.

Natürlich schildert das Buch auch den juristischen Kampf um seine Unschuld, ohne die Organisation von Bryan Stevenson hätte er Holman niemals lebend verlassen, wobei für den juristischen Laien vielleicht ein paar Hintergrundinformationen hilfreich gewesen wären.

Doch vor allem erzählt Hinton von seinem täglichen Kampf darum, im Gefängnis nicht innerlich zu sterben und der Verlockung des Selbstmords nicht zu erliegen. Mehrere Jahre dauert es, bis er zu der Einsicht kommt, dass er selbst in seiner engen und widerlichen Zelle Wahlmöglichkeiten hat.

I was on death row not by my own choice, but I had made the choice to spend the last three years thinking about killing McGregor and thinking about killing myself. Despair was a choice. Hatred was a choice. Anger was a choice. I still had choices, and that knowledge rocked me. I may not have had as many as Lester had, but I still had some choices. I could choose to give up or to hang on. Hope was a choice. Faith was a choice. And more than anything, love was a choice. Compassion was a choice. (S. 115)

Das ist die Nacht, in der er anfängt, Anteil am Leben der anderen Insassen und Wärter zu nehmen, Empathie, Humor und Mitgefühl zu zeigen. Er kann wieder – manchmal auch unter Tränen – Witze machen und darf schließlich sogar den Wärtern öfter was Leckeres kochen.

Und so verrückt das klingt, es ist ein verstörendes Buch, aber von großer Wärme, Stärke und manchmal auch Witz durchzogen. Eine Liebeserklärung an seine Mutter, die Frau mit den klaren Ansagen, die ihm gezeigt hat, was es bedeutet, bedingungslos geliebt zu werden, und an seinen besten Freund Lester, seinen Verteidiger und späteren Freund Bryan Stevenson und – wenn man das überhaupt noch erwähnen muss – natürlich ein Plädoyer gegen die Todesstrafe und eine Geschichte, die uns viel über Rassismus in Amerika erzählt. Voller einprägsamer Momente.

Hinton ist laut Wikipedia der 152. Mensch, der seit 1973 in Amerika nachweislich unschuldig zum Tode verurteilt worden ist.

Er hat sich entschlossen, denjenigen, die ihm 30 Jahre seines Lebens gestohlen haben, zu vergeben.

Hier gibt es noch einen Bericht im Guardian.

 

Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

15 Kommentare zu „Anthony Ray Hinton: The Sun Does Shine (2018)“

  1. Das ist eine unglaubliche Geschichte, liebe Anna. Ich habe davon natürlich in den Medien gehört, und finde es erschütternd, was diesem Mann widerfahren ist. Seine Einstellung ist mehr als bewundernswert, und ich glaube nicht, daß es ihm nachmachen könnte.
    Du bist mutiger als ich, denn ich weiß nicht, ob ich es ertragen könnte, dieses Buch zu lesen.

    1. Hallo Tanja,
      normalerweise überlege ich auch sehr genau, ob ich so ein Buch wirklich lesen möchte und kann. Doch hier war es eine rasche Entscheidung auf dem Flughafen, die ich keine Minute bereut habe.
      Zum einen hat Hinton uns vermutlich sogar einiges an Details erspart, zumal wenn man die Länge der Haft bedenkt und die Tatsache, dass er ja auch sein Leben vor dem ersten Prozess schildert, da war er ja auch schon Ende 20.
      Zum andern hat das Buch so eine Erzählerstimme, die einen nicht mehr loslässt, so als würde er uns die Geschichte direkt erzählen, die Dialoge passen.
      Und man weiß ja von Anfang an, wie es ausgeht…
      Für mich war es also ganz und gar nicht unerträglich, zumal das Buch ja auch ganz handfest von der Frage handelt, was einem in einer solch katastrophalen Lage noch Halt, Würde, Hoffnung und Menschlichkeit gibt.
      LG Anna

      1. Das kann ich nachvollziehen, liebe Anna. Ich habe ein Interview mit Hinton gehört, und war zutiefst von seiner Würde beeindruckt, die ihm keiner nehmen konnte. Und von seiner Fähigkeit, zu vergeben. Wie er nach all dem, was ihm widerfahren ist, noch so positiv sein kann, finde ich absolut erstaunlich.

    1. Die guten Wünsche (und finanzielle Unterstützung) sind dringend notwendig, zumal Hinton nicht der einzige ist, andere saßen noch länger unschuldig in der Todeszelle.
      LG Anna

  2. Furchtbar, wenn man näher über die amerikanische Justiz nachdenkt und was eine Politik unter Trump da noch verschärfen wird: Noch mehr Menschen werden aufgrund ihrer Hautfarbe vorverurteilt und kriminalisiert. Danke für die Vorstellung dieses Buches!

    1. Ja, das wird unter Trump nur schlimmer, soweit das überhaupt möglich ist.
      Und andere saßen noch länger unschuldig im Knast.
      Dass das Rechtssystem dort in einigen Bereichen so marode ist, ist ja keine neue Erkenntnis, aber Hinton ist zudem auch ein wunderbarer Erzähler.
      LG Anna

  3. Liebe Anna,
    die Geschichten von den eklatanten juristischen Fehlentscheidungen sind immer erschreckend. Und wenn dann beleuchtet wird, wie sie zustandekommen, durch rassistische Vorurteile in diesem Fall und entsprechend liderliche Ermittlungen, dann schnürt es einem schon beim Lesen – und hier beim Lesen deiner Besprechung – den Hals zu. Und dann sitzt jemand dreizig Jahre im Knast. Und hat noch Glück, weil die Todesstrafe in der Zeit nicht vollstreckt worden ist. Trotzdem: eine unvorstellbare Geschichte!
    Beim Lesen dieser grotesken Fehlurteile entsteht dann auch immer die Idee, wie schnell es gehen kann, dass man selbst in so einer ausweglosen Situation feststeckt. In Margriet de Moors neuem Roman „Von Vögeln und Menschen“ wird auch so eine Geschichte erzählt. Die wohl, so meine ich gelesen zu haben (muss ich noch einmal genauer recherchieren) auf einer wahren Begebenheit beruht. Hier ist es nicht Rassismus, der zu der „gewünschten“ Verurteilung führt, sondern es ist die soziale Stellung einer Haushaltshilfe. In den Niederlanden der 1980er oder 1990er Jahren! Die Mechansimen sind ähnlich denen, die du aus Hintons Biographie beschreibst. Aber in de Moors Roman gibt es jemanden, der Rache übt, der nicht vergibt, wie Hinton es wohl getan hat. Und der Leser – das ist das erstaunliche hier – hat volles Verständnis dafür.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Hallo Claudia,
      und bei dem Buch von Hinton kommt noch hinzu, dass er so ein guter Erzähler ist oder er sich mit seiner Ko-Autorin wunderbar ergänzt haben muss, denn es ist auch eine spannend und gut erzählte Geschichte.
      Danke für den Hinweis auf den Roman „Von Vögeln und Menschen“, da muss ich doch gleich mal nach schauen, der war bisher ganz an mir vorbeigegangen. Allerdings bin ich mit meinen Besprechungen schon jetzt ziemlich im Rückstau, was ich gar nicht so mag, weil ich am liebsten direkt im Anschluss an die Lektüre über ein Buch schreibe 🙂
      Liebe Grüße aus dem heißen Hessen
      Anna

  4. Ich fürchte, dass die Niedertracht der Justiz einen Zorn in mir entfachen könnte, der eine vollständige Lektüre der Autobiografie verhindert. Schon deine excellente Vorstellung des Buches lässt einen Kloss im Hals zurück und appelliert an mein Rachebedürfnis. Das mag sonderbar klingen, drückt aber meinen Gemütszustand aus, auch nach weiterer Recherche zu Hintons Fall.

    Liebe Grüße aus Freiburg

    Achim

    1. Ja, ich kann deinen Zorn verstehen, teile ihn. Ich finde es nicht nur unfassbar, wie so etwas geschehen kann, sondern auch, dass die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen wurden oder werden. Man darf in diesem System dumm, inkompetent und offen rassistisch sein. Sollte man es gar zu doll treiben und Insassen mit Brandeisen quälen, darf man darauf vertrauen, dass einen eine weiße Jury schon für unschuldig erklären wird.
      Der Gedanke, die Lektüre abzubrechen, ist mir allerdings nicht gekommen, da Mr Hinton einem so nahe kommt, als würde er einem ganz persönlich seine Geschichte erzählen, dabei hätte ich ihn – bildlich gesprochen – nicht unterbrechen wollen. Ich hätte mich da nicht mehr abwenden können und wollen. Und mich interessiert schon lange die Frage, was Menschen in solcher Lage Mut und Zuversicht gibt.
      Liebe Grüße aus Hessen
      Anna

  5. Ja, diese Frage beschäftigt mich auch. Ich weiß nicht, ob man es mit Mut und Zuversicht umschreiben kann. Da ist mehr. In gewisser Weise die völlige Absehung von der unverschuldeten Misere der eigenen Existenz. In dieser Absehung verflüchtigen sich Rachegelüste, Scham, Zorn, aber nicht aus der Einsicht heraus, dass man das Schweinesystem des Rassismus nicht schlagen kann, sondern weil man sich in einer Sphäre der Unberührbarkeit befindet, in der die auferlegte Strafe ihre Wirkung verliert und das Verzeihen seine beschämenste Wirkung entfaltet.

    1. Hallo Achim,
      du hast völlig recht, es geht wirklich darüber hinaus. Du nennst es „Absehung von…“, ich denke eher an ein „den Weg bereits bis zum Ende gegangen sein“ und darin eine Freiheit und Würde finden, von der die Peiniger, die sich ja frei wähnen, nichts wissen oder vor der sie unendlich viel Angst haben. Sich auf einen Felsen gerettet haben, obwohl man im Meer der Verzweiflung, der Rache und der Angst und der Trauer hätte ertrinken können. Und dann tatsächlich unberührbar. Bei manchen Opfern des Nationalsozialismus habe ich Ähnliches gelesen, gespürt.
      LG

      1. Hallo Anna,

        ich denke, wir denken in dieser Hinsicht sehr ähnlich. Dein Bild vom rettenden Felsen im Meer der Verzweiflung ist eine aussagekräftige Metapher für die Würde des Menschen, die über alles hinausragt.

        LG Achim

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