Alistair MacLeod: No Great Mischief (1999)

And the stars are seldom clearly seen above the pollution of prosperity. (S. 192)

Der einzige Roman des kanadischen Schriftstellers und Englischprofessors Alistair MacLeod (1936-2014) wurde bei seinem Erscheinen 1999 in Kanada als Meisterwerk gefeiert und selbst Alice Munro sagte, dass sich Szenen dieses Buches dem Leser für immer einbrennen würden. Der Autor wurde dafür 1999 mit dem Trillium Book Award und 2001 mit dem International Dublin Literary Award  ausgezeichnet.

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel Land der Bäume, was mit der historischen Anspielung des englischen Titels so gar nichts zu tun hat. Deutsche Kritiker waren in ihrer Meinung verhaltener; manch einer vermisste den Spannungsbogen, andere fanden es betulich oder bemängelten gar, dass die geschichtlichen Details der Besiedlung und Eroberung Kanadas die deutschen Leser doch eher kaltlasse. Doch worum geht es überhaupt?

Der Ich-Erzähler Alexander MacDonald ist um die 50, erfolgreicher Kieferorthopäde, glücklich verheirateter Familienvater. Doch diese äußeren Merkmale treten völlig hinter seiner Geschichte zurück. Viel entscheidender ist seine Herkunft als Nachkomme schottischer Einwanderer auf der Kap-Breton-Insel in der kanadischen Provinz Nova Scotia. Für seinen Clan ist die Geschichte immer gegenwärtig, selbst Aussprüche des 1779 nach Kanada ausgewanderten Patriarchen werden in der Familie immer noch geteilt und kommentiert.

Alte Traditionen sowie die gälische Sprache, ja selbst das Aussehen schweißen die Familie über Ländergrenzen und alle Generationen hinweg zusammen. Familienbande sind heilig, Hilfsbereitschaft untereinander und bedingungslose Solidarität selbstverständlich.

Dabei ist das Leben oft hart. Alexander und seine vier Geschwister verlieren, da ist Alexander gerade einmal drei Jahre alt, ihre Eltern und einen Bruder bei einem schrecklichen Unfall, als diese im trügerischen Märzeis einbrechen. Er und seine Zwillingsschwester kommen daraufhin zu ihren Großeltern väterlicherseits, zu Grandma und Grandpa.

Die etwas älteren Brüder im Teenageralter brechen den Schulbesuch ab und hausen fortan als Selbstversorger auf einer Farm der Familie.

Vieles davon erfahren wir aus den Erinnerungen, die Alexander kommen, während er seinen älteren Bruder Calum, einen in einer Absteige hausenden Alkoholiker, in Toronto  besucht.

Und so mischen sich Erinnerungen an die Familiengeschichte mit der Gegenwart und den historischen Mythen, bis sich allmählich herauskristallisiert, warum die Wege der Brüder so unterschiedlich verlaufen sind.

Es ist kein „perfektes“ Buch, ganz im Gegenteil, der Ich-Erzähler ist oft in der Beobachterposition und seine Gefühle können bestenfalls aus seinen Handlungen erahnt werden, er erschien mir seltsam blaß, ja streckenweise außerordentlich langweilig.

Bei Gesprächen wird vom Erzähler nahezu ausschließlich das Verb „said“ verwendet, das hätte gern etwas weniger nüchtern sein dürfen.

Allerdings verhindert der Autor dadurch auch, in die Kitsch- oder Dramafalle zu tappen. Außerdem fetzen die anderen Familienmitglieder dafür um so mehr. Allein schon die Großelterngeneration ist hinreißend. Auf der einen Seite der scheue, spröde und der Wahrheit der Geschichte verpflichtete Großvater mütterlicherseits, früh verwitwet, keine sexuellen Anspielungen ertragend, aber ein begnadeter Sänger und feiner Mann.

Ihm gegenüber Grandpa, der gerne einen oder lieber gleich mehrere über den Durst trinkt und nur zu gern Anspielungen unter der Gürtellinie macht, zusammen mit seiner geliebten, ganz bodenständigen Frau.

Als Alexanders Schwester sich an ihre Grandma erinnert, hat man sofort ein Bild dieser Frau vor Augen:

When we had to do our work, cleaning our rooms or doing the dishes or scrubbing the floor, I used to say sometimes, ‚But I’m tired.‘ She used to say, ‚Everybody’s tired, dear. I’m tired. The world doesn’t stop because we’re tired. So hurry up and it will be done in a minute.‘ And sometimes if her own tiredness were showing she would say, ‚I bet if your brother Collin were alive he wouldn’t be whining about cleaning his room. You’ve already passed him  in age, and he will never grow older. Poor little soul. He was so happy the last time I saw him in his new coat. We should all be grateful that we’re alive and have each other, so hurry up and make your bed.‘ (S. 238)

Die ganze Familie liebt ihre Heimat Kap Breton und ist den Franzosen, die zunächst diese Insel erobert hatten, noch immer in heftiger Abneigung verbunden.

Dass zwei seiner Brüder nie mit Namen genannt werden und auch als Personen nicht greifbar werden, obwohl Alexander mit ihnen lange Zeit unter Tage im Bergbau verbringt, befremdet. Oder sehen sie sich so sehr als eine Einheit, dass Namen als Zeichen der Individualität unwichtig sind? Mir erschien es ein bisschen gekünstelt, genauso wie seitenlange Aufzählungen zur Geschichte und zu politischen Ereignissen in Form von name dropping. Und manche Metaphern waren zu deutlich ausgeleuchtet.

Und dass Alexander als Student der Zahnmedizin so gar keine Probleme hat, zusammen mit seinen Brüdern in den Bergminen zu arbeiten und dann doch noch als Kieferortopäde in einer Zahnartzpraxis für Wohlbetuchte landet, lässt für mich einige Fragen offen.

Und doch und doch: Die Geschichte ist eine unsentimentale Darstellung des Clan-Zusammenhalts; eine Liebeserklärung an die „neue“ Heimat, diese raue, schöne und unberechenbare, manchmal auch tödliche Natur. Das Ganze gepaart mit einer großen Selbstverständlichkeit, dass die MacDonalds die eigenen Wurzeln und Lieder nicht vergessen können und daraus einen Großteil ihrer Identität beziehen. Im Positiven wie im Negativen.

Und vor allem ist es eine spannende, manchmal witzige, oft melancholische und auch wuchtige und lebenspralle Geschichte, die ich so noch nicht gelesen habe. Alice Munro hat recht, es gibt Szenen, die haben sich bereits eingebrannt, und eigentlich müsste man das Buch sofort von vorn beginnen.

Wer noch eine fundierte Kritik lesen möchte, dem empfehle ich die Besprechung von Thomas Mellon in der New York Times. Auch wenn Mellon die Unebenheiten des Romans wahrnimmt, kommt er zu einem Ergebnis, das sich ein Autor nicht wertschätzender wünschen kann:

A month ago, the fiction of Alistair MacLeod was entirely unknown to me. The 64-year-old Canadian writer has published just three books, and “No Great Mischief,“ his only novel, is the first of them to be widely available in the United States. Having spent the last few weeks reading, in avid succession, volumes that his Canadian devotees have been given after long intervals of anticipation, I can report that MacLeod’s world of Cape Breton — with its Scottish fishermen and their displaced heirs, the miners and young professionals it has mournfully sent to the rest of the nation — has become a permanent part of my own inner library.

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Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

7 Kommentare zu „Alistair MacLeod: No Great Mischief (1999)“

  1. Danke für die Empfehlung und die ausgewählten Fotos dazu. Was für eine Familiengeschichte. Welche Lieder haben sie denn aus Schottland nach Nova Scotia mitgenommen und behalten? Schöne Grüße

  2. Ich habe von diesem Autor die Kurzgeschichtensammlung „As Birds Bring Forth the Sun and Other Stories“ gelesen und geliebt. Kennst du die schon? Sprachlich und inhaltlich großartig. Seinen Roman will ich auf jeden Fall auch noch lesen.

    1. Nein, ich habe diesen Roman ganz zufällig irgendwo in Kanada entdeckt und dabei erst erfahren, dass MacLeod eigentlich vor allem durch seine zwei Kurzgeschichtensammlungen bekannt geworden ist. Aber jetzt bin ich natürlich angefixt. LG

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