Alan Bradley: The Sweetness at the Bottom of the Pie (2009)

Wie bei meinem letzten Blogbummel schon angedeutet, steht mir der Sinn zurzeit nicht nach „gehobenerer“ Lektüre. Die Korrekturenstapel häuften sich bedenklich und dann die Blogs, auf denen in rasanter Folge neue bummeltaugliche Beiträge erscheinen … Da bleibt also nur der Griff ins Cosy Crime Regal, da das so herrlich entspannt.

Und genau darum geht es heute, um den ersten Band einer Serie, der mir beim Wiederlesen richtig Spaß gemacht hat und den ich deshalb, wenn auch reichlich verspätet, heute vorstellen möchte.

Die Handlung beginnt mitten in einer der zahlreichen Auseinandersetzungen dreier Schwestern:

It was as black in the closet as old blood. They had shoved me in and locked the door. I breathed heavily through my nose, fighting desperately to remain calm. I tried counting to ten on every intake of breath, and to eight as I released each one slowly into the darkness. Luckily for me, they had pulled the gag so tightly into my open mouth that my nostrils were left unobstructed, and I was able to draw in one slow lungful after another of the stale, musty air.

Die elfjährige Flavia, die Ich-Erzählerin, hat bei dem Streit den kürzeren gezogen und wurde im Schrank eingesperrt, doch ihre Rache wird nicht lange auf sich warten lassen.

Der Kanadier Alan Bradley (*1938) hat seine Romane um Flavia im England der fünfziger Jahre angesiedelt. Dort lebt sie mit ihren Schwestern Daphne (Daffy, 13) und Ophelia (Feely, 17) und ihrem Vater Colonel Haviland de Luce in dem großen alten Herrenhaus Buckshaw, das praktischerweise auch ein fantastisch ausgestattetes Chemielabor – eingerichtet von einem der Vorfahren – enthält, denn Flavia ist mit ganzem Herzen Chemikerin. Die Fehden zwischen ihr und den Schwestern enden schon mal damit, dass sie Ophelia ein bisschen Gift des Kletternden Giftsumachs in ihren Lippenstift schmuggelt und sie die allergischen Beschwerden fein säuberlich protokolliert.

Vervollständigt wird die Truppe von Arthur Dogger, einem mal mehr, mal weniger unter seinen Kriegstraumata, dem Zittern und den Gedächtnisaussetzern leidenden Butler, Gärtner, Chauffeur und Mädchen für alles. Im Krieg hat er Flavias Vater das Leben gerettet und ist der Familie der de Luces treu ergeben. Außerdem kommt täglich Mrs Mullet aus dem Dorf, Haushälterin und Klatschbase in einem, deren Kochkünste wohl als unterirdisch zu bezeichnen sind.

Harriet, die Mutter der Mädchen, starb, als Flavia ein Jahr alt war, und der Vater nimmt seine Töchter kaum wahr und kümmert sich stattdessen um seine große Leidenschaft, die Welt der Briefmarken, was wiederum der finanziellen Lage der de Luces nicht unbedingt zuträglich ist.

Im ersten Band der inzwischen auf zehn Bände angewachsenen Reihe gerät Flavias Vater unter Mordverdacht, als einer seiner ehemaligen Mitschüler, Horace Bonepenny, tot im Gurkenbeet der de Luces aufgefunden wird. Zunächst schweigt sich der Vater aus, da er befürchtet, dass Dogger für den Mord verantwortlich sein könnte, denn der hatte, zusammen mit Flavia, heimlich gelauscht, als Bonepenny versucht hatte, Flavias Vater zu erpressen.

So liegt es nun an Flavia, ihren Vater von diesem schrecklichen Verdacht reinzuwaschen und herauszufinden, was wirklich passiert ist.

Dass sie bei der Auflösung des Falles dem sympathischen Inspector Hewitt immer einen Schritt voraus ist und sich auch noch in Lebensgefahr begibt, erfreut den Kommissar nur bedingt.

Das Buch wimmelt von gelehrten Anspielungen, bei denen man sogar das ein oder andere nachschlagen kann, sei es zu Naturwissenschaften oder Büchern. Das zeigt sich schon am englischen Originaltitel, einem Zitat von William King „Unless some sweetness at the bottom lie, who cares for all the crinkling of the pie“ (The Art of Cookery, 1708).

Manchmal wird die Geduld des Lesers schon strapaziert, denn wie glaubwürdig sind die folgenden Sätze aus dem Mund einer Elfjährigen?

As I expected, Father’s room war in near-darkness as I stepped inside. […] From inside, it possessed all the gloom of a museum after hours. The strong scent of Father’s colognes and shaving lotions suggested open sarcophagi and canopic jars that had once been packed with ancient spices. The finely curved legs of a Queen Anne washstand seemed almost indecent beside the gloomy Gothic bed in the corner, as if some sour old chamberlain were looking on dyspeptically as his mistress unfurled silk stockings over her long, youthful legs. (S. 146 – 147)

Zudem weist auch die Handlung selbst, gerade was die Motive des Bösewichts angeht, einige logische Löcher auf.

Allerdings schafft es Bradley, für seine jugendliche Ich-Erzählerin einen ganz eigenen Ton zu finden, frech, altklug und vorlaut, ihren Schwestern in inniger Hassliebe verbunden, aber letztlich mit dem Herz am richtigen Fleck.

Flavias Schwestern verbünden sich ständig gegen sie, bringen sie zum Weinen mit der Geschichte, dass sie adoptiert und so wenig liebenswert sei, dass sie quasi schuld am Tod der Mutter sei.

Dabei scheint immer wieder Flavias Verletzlichkeit, ihre Einsamkeit und den Wunsch nach familiärer Geborgenheit hinter der altklugen und ruppigen Fassade durch.

Here we were, Father and I, shut up in a plain little room, and for the first time in my life having something that might pass for a conversation. We were talking to one another almost like adults; almost like one human being to another; almost like father and daughter. And even though I couldn’t think of anything to say, I felt myself wanting it to go on and on until the last star blinked out. I wished I could hug him, but I couldn’t. For some time now I had been aware that there was something in the de Luce character which discouraged any outward show of affection towards one another; any  spoken statement of love. […] And so we sat, Father and I, primly, like two old women at a parish tea. It was not a perfect way to live one’s life, but it would have to do. (S. 191)

Ganz unverstellt erscheint uns Flavia, wenn sie Dogger in einem seiner schlimmen Momente antrifft. Sie tut und sagt und unternimmt sofort etwas, um ihm behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen dabei zu helfen, sich wieder in der Gegenwart verankern zu können.

Wie schrieb Laura Wilson im Guardian so nett:

The Sweetness at the Bottom of the Pie reads like a cross between Dodie Smith’s I Capture the Castle (posh family fallen on hard times, dead mother, disengaged father, crumbling pile) and the Addams family (Flavia has a well-appointed laboratory where she makes poisons to test on her spiteful elder sisters). A strong plot, involving philately, ornithology and prestidigitation, and a wonderful supporting cast make this Canadian novelist’s debut delightfully entertaining.

Fazit: Preisgekrönte Krimi-Unterhaltung, skurril, frech und spannend, ansprechend, wie gemacht für dunkle Novembertage.

Der zweite Band The Weed that Strings the Hangman’s Bag um den Tod eines Puppenspielers hat mir ebenfalls gefallen.

Die Bücher erscheinen auch auf Deutsch.

Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

7 Kommentare zu „Alan Bradley: The Sweetness at the Bottom of the Pie (2009)“

  1. Also ich liebe Flavia ja und habe alle bisher erschienenen Bände gelesen. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich das Setting mag, ich liebe alte Krimis á la Holmes und Marple und Flavias Art trägt für mich eher zur Unterhaltung bei als ich sie einem elfjährigen Mädchen unangemessen finde. Ich glaube, dass die ganze Geschichte in ihrem Aufbau unrealistisch ist, ist klar. Das ist ein bisschen wie mit den Fünf Freunden, denen man ja auch unwidersprochen glaubt, dass sie all diese Kompetenzen und Möglichkeiten haben, die Bösen zur Strecke zu bringen. In realitas wäre das binnen kürzester Zeit zum Scheitern verurteilt. 😉

    1. Danke für deinen Kommentar, ich werde gleich deine Besprechung verlinken. Eigentlich mag ich auch Agatha Christie etc. und Bradley schafft mit seiner schnoddrig-verletzlichen Flavia wirklich etwas ganz Eigenständiges. Aber irgendwie wurde ich immer wieder daran erinnert, wie unrealistisch das Setting ist, nicht weil die Handlung per se nicht glaubwürdig ist (das ist sie auch bei Harry Potter oder der Serie um Thursday Next nicht), sondern weil mir manche Dinge einfach zu sehr in der Luft hingen. Woher weiß Flavia so viel? Geht sie zur Schule? Warum redet ihr Vater nicht mit ihr, obwohl sie eine Leiche gefunden hat? Wieso wollen die Bösewichte eine Briefmarke, mit der sie gar nichts anfangen können etc. etc. Und die Sprache eines Ich-Erzählers muss für mich schon zur Figur passen. Trotzdem habe ich an keiner Stelle überlegt, das Buch abzubrechen, das sagt ja auch was aus. Und ich freue mich, dass ich auf deinem Blog trotzdem ein bisschen verfolgen kann, was Flavia noch so alles aufklärt. 🙂

  2. Ich habe das Buch schon vor einer Weile gelesen und damals bei mir kurz vorgestellt. Mir hat es gefallen und ich würde es auch durchaus weiterempfehlen. Ich habe inzwischen auch die anderen Bände gelesen und freue mich immer wieder über die durchaus witzige Sprache, vor allem aber über die „chemischen Tipps und Tricks“ in diesem Buch oder über die vielen Bezüge zu irgendwelchen historischen Personen oder Geschehnissen. Das macht das Buch bzw. die Bücher um Flavia im Vergleich zu vielen anderen so einzigartig. Etliche Dinge hängen allerdings auch für mich in der Luft, die Du in Deiner Antwort auf den Kommentar von ‚literaturen‘ ansprichst. Einiges nimmt man einem 11-jährigen Mädchen einfach nicht ab. Dazu fehlt ihm schlichtweg die Lebenserfahrung. Trotz alledem ist das Buch für mich ein vergnüglicher Lesespaß gewesen.
    Grüße von der Silberdistel aus dem Bücherstaub

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