Eduard von Keyserling: Abendliche Häuser (1914)

Im Klappentext des Steidl Verlags zu Abendliche Häuser (1914) von Eduard von Keyserling heißt es:

Alles beginnt damit, daß der einzige Sohn des baltisch-deutschen Schloßherrn von Paduren bei einem Duell ums Leben kommt. Und so kehrt seine Schwester, die junge Baronesse mit dem aparten Vornamen Fastrade, aus dem fernen Hamburg heim. Hier setzt sie ihre Verlobung mit Dietz Egloff durch, der wegen seiner Affären verrufen ist.

Beim Lesen des Romans von Keyserling (1855-1918) las ich noch einmal Petras Würdigung dieses Autors.

Petra schafft es, in wenigen Sätzen das zu sagen, wofür ich wieder drei Seiten benötigen würde, deshalb hier nur einige meiner Lieblingsstellen aus den Abendlichen Häusern.

Fastrade, die Tochter des alten Barons, fügt sich nach ihrer Zeit als Krankenschwester in Hamburg nach ihrer Rückkehr ins väterliche Schloss nicht mehr ganz so unbedarft in ihr altes Zuhause ein. Schon am ersten Abend stellt sie fest, dass sich etwas für sie verändert hat.

Fastrade saß ruhig da und ließ ihre Blicke im Zimmer umherschweifen, suchte die Sachen an ihren gewohnten Plätzen auf. Es stand alles dort, wo es einst gestanden, alles war unverändert, und dennoch schien es ihr, als sei es verblaßter, farbloser als das Bild, welches sie die ganze Zeit über in ihrer Erinnerung herumgetragen, das Getäfel schien dunkler, die Seide der Möbel verschossener, die Kristalle des Kronleuchters undurchsichtiger. All das erschien Fastrade wie eine Sache, die wir sorgsam verschließen, und wenn wir sie endlich wieder hervorholen, wundern wir uns, daß sie in ihrer Verborgenheit alt und blaß geworden ist. (S. 21)

Und so erstickt Fastrade nach ihrer Heimkehr fast an der Leblosigkeit, Langeweile und der erzwungenen Untätigkeit auf dem heimischen Schloss, wo nach dem Tod ihres Bruders noch mehr Melancholie und Tristesse herrschen als früher. Nur in der Natur, im Park oder tief verschneiten Wald, beim Spazierengehen oder auf einer Kutschfahrt spürt sie sich.

So kommt es, dass sie nur mit Dietz von Egloff, einem Spieler und Schürzenjäger, den sie seit Kindesbeinen kennt, ehrlich sprechen kann. Und obwohl Vater und Tante an Traditionen, Konventionen und dem Wahren des Scheins festhalten möchten, bekommt Fastrade die Erlaubnis, sich mit von Egloff zu verloben.

Mein Gott, dachte Fastrade, man lebt doch hier, als ob man gleich erwachen müßte, um dann erst mit der Wirklichkeit zu beginnen. (S. 74)

Und kennen wir nicht alle so einen Menschen, der mit untrüglichem Gespür etwas Negatives findet, das er sagen kann und muss?

So heißt es von Baronin Port, sie sei eine Frau,

die es nicht liebte, die Schattenseiten an Menschen und Sachen zu übersehen. (S. 11)

Dem Autor gelingt es, mit nur wenigen Sätzen eine Person so zu charakterisieren, dass sie rund und lebensecht ist. Und wie er dabei einfache Schubladen und Schwarzweiß-Zuordnungen vermeidet und mit feinem Pinselstrich nicht nur eine längst vergangene Welt und Gesellschaftsschicht vor unseren Augen entstehen lässt, sondern auch die Vorboten einer veränderten Zeit sowie die Folgen misslungener Erziehung und elterlicher Fehler veranschaulicht: großartig.

Und wenn man bedenkt, dass das Buch 1914 erschien, dann wirken die Worte der alten Baronesse, Fastrades Tante, fast prophetisch:

‚Ja, Kind‘, sagte die Baronesse, ‚ wir haben nichts anderes zu tun, als zu sitzen und zu warten, bis eines nach dem anderen abbröckelt.‘

 

 

Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

4 Kommentare zu „Eduard von Keyserling: Abendliche Häuser (1914)“

    1. Hallo Petra,
      ja, diese Erzählungen/Romane haben so etwas an sich, dass man danach erst mal nichts anderes lesen mag, zum Glück liegen hier noch die „Wellen“ parat. Und na klar habe ich deinen Beitrag verlinkt, ich bewundere das bei dir ja schon seit Jahren, die Dinge auf den Punkt bringen zu können 🙂 Liebe Grüße und eine entspannende, stärkende und wunderschöne Adventszeit!
      Anna

  1. Liebe Anna,

    Keyserling habe ich das erste Mal im Sommer gelesen und dann gleich drei Bücher in Folge. Die Figuren, die er in Dumala zum Leben erweckt hat, fand ich auch sehr gelungen, eingebettet in dieser Winterlandschaft. Also von Keyserling werd ich auf jeden Fall noch was lesen.

    Liebe Grüße
    Tobi

    1. Hallo Tobi,
      das ging mir auch so, dass ich nach den „Abendlichen Häusern“ Lust hatte, gleich noch ein weiteres Werk von Keyserling zu lesen. „Dumala“ hat mir allerdings nicht so gut gefallen, da ich die Personen doch eher schablonenhaft fand. Der ganze Schnee erinnerte mich irgendwie an Tolstoi 🙂 Aber „Wellen“ liegt hier schon bereit 🙂
      Liebe Grüße und einen schönen Advent!
      Anna

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