Molly Keane: Good Behaviour (1981)

Da ersteht man irgendwo – ich weiß schon gar nicht mehr wo – zufällig ein Secondhand-Exemplar eines Romans von einer irischen Schriftstellerin namens Molly Keane, die man bis dahin gar nicht auf dem Schirm hatte, und ehe man sich versieht, hat man ein Buch gelesen, das der kleinen Riege der Lieblingsbücher zugefügt wird.

Es beginnt – scheinbar ganz unspektakulär – damit, dass die Ich-Erzählerin, die 57-jährige Aroon St. Charles, aus vornehmer, aber verarmter anglo-irischer Familie, ihrer bettlägrigen Mutter das Essen bringt, hübsch angerichtet auf liebevoll dekoriertem Tablett.

Rose, schon seit ihrer Jugend Dienstmädchen in der Familie, weist noch darauf hin, dass die sich die alte Dame doch schon immer vor Kaninchenfleisch geekelt habe. Doch Aroon nimmt darauf keine Rücksicht. Und tatsächlich: Aroons Mutter wird übel, sie verstirbt noch während des Essens. Rose macht Aroon daraufhin ganz fürchterliche Vorwürfe, denen wir im Stillen sofort zustimmen.

Es scheint für den Leser also schon nach wenigen Seiten klar zu sein, wie egozentrisch und manipulativ, ja eiskalt Aroon doch ist. Und die merkwürdige Reaktion Aroons auf die wüsten Anschuldigungen von Rose tun ein Übriges.

Yes, she [Rose] stood there across the bed saying all these obscene, unbelievable things. Of course she loved Mummie, all servants did. Of course she was overwrought. I know all that – and she is ignorant to a degree, I allow for that too. Although there was a shocking force in what she said to me, it was beyond all sense or reason. It was so entirely and dreadfully false that it could not touch me. I felt as tall as a tree standing above all that passionate flood of words. I was determined to be kind to Rose. And understanding. And generous. I am her employer,  I thought. I shall raise her wages quite substantially. She will never be able to resist me then, because she is greedy. I can afford to be kind to Rose. She will learn to lean on me. There is nobody in the world who needs me now and I must be kind to somebody. (S. 8/9)

Man spürt, irgendetwas wird hier verdrängt und schöngeredet. Doch was genau?

And I do know how to behave – believe me, because I know. I have always known. All my life so far I have done everything for the best reasons and the most unselfish motives. I have lived for the people dearest to me, and I am at a loss to know why their lives have been at times so perplexingly unhappy. I have given them so much, I have given them everything, all I know how to give – Papa, Hubert, Richard, Mummie. At fifty-seven my brain is fairly bright, brighter than ever I sometimes think, and I have a cast-iron memory. If I look back beyond any shadow into the uncertainties and glories of our youth, perhaps I shall understand more about what became of us. (S. 9/10)

Ja, und genau das tut Aroon. Sie erinnert sich an ihre Kindheit und Jugend und an ihre Zeit als junge Frau.

Ihr Vater ein Verschwender, Liebhaber unzähliger Frauen, ausschließlich interessiert an Pferden, Jagd und gutem Essen, dem es nicht in den Kopf geht, dass einfache Leute wie der Automechaniker oder der Weinlieferant die Dreistigkeit haben, ihn mit unbezahlten Rechnungen die Stimmung zu verderben anstatt dankbar zu sein, ihm zu Diensten sein zu dürfen. Trotzdem schafft er es, eine Art Beziehung zu seinem Sohn Hubert und seiner Tochter Aroon aufzubauen. Zumindest, wenn die Kinder mutig auf ihren Pferden dahinjagen.

Aroons Mutter lebt nur für ihre Kunst; unbezahlte Rechnungen, die spätestens nach dem Tod ihres Ehemannes immer drängender werden, stopft sie einfach in eine Schublade. Problem erledigt. Und obwohl in dieser Familie niemand gewalttätig wird, dürfte „Mummy“ mir als eine der schauderhaftesten Mutterfiguren der Literatur in Erinnerung bleiben.

Die Kinder werden älter, durch ihren Bruder Hubert lernt Aroon den Nachbarssohn Richard näher kennen. Die beiden Familien hatten einst dasselbe liebevolle Kindermädchen, das sich – der Leser weiß warum – eines Tages im See ertränkt hat.

Mehr soll hier zum Inhalt gar nicht gesagt werden, da jede Seite eine neue Facette dieses dysfunktionalen, nur auf den äußeren Schein bedachten Familienlebens offenlegt. Ich weiß jedenfalls nicht, wann ich das letzte Mal eine so unter die Haut gehende und dabei absolut glaubwürdige Charakterschilderung gelesen habe. Und es wird dabei offensichtlich, was passiert, wenn über die wesentlichen Themen nicht geredet werden darf, entweder weil dann die hübschen Lebenslügen der Wohlanständigkeit offenbar würden oder weil man menschlich so verarmt ist, dass man im Grunde tatsächlich nichts mehr zu sagen hat. Alles, sogar die Trauer, wird unter dem Deckmantel des „Good Behaviour“ zugedeckt. Selbst wenn der Mantel dabei ordentlich verrutscht.

Am Ende ist Aroon eine beschädigte Frau, die vieles nicht sehen oder verstehen will und schließlich auch nicht mehr erkennen kann, wo ihr Glück vielleicht hätte liegen können. Man hätte ihr das anders gewünscht.

Darüber hinaus ist der Roman auch spannend, man wird – auch von der intensiven Stimme dieser Ich-Erzählerin, die keinen Hehl aus ihren Sympathien und  Antipathien macht und eine scharfe und bissige Beobachterin ist – vorwärtgetrieben, sodass die Lektüre keineswegs so deprimierend und trostlos ist, wie man anhand des Inhalts vielleicht vermuten könnte, zumal sie schöne Momente wie das Tanzengehen mit ihrem Bruder oder Richard und gutes Essen in vollen Zügen genießen kann.

Und es ist faszinierend zu sehen, wie Aroon, die uns das doch alles erzählt, so selten die richtigen Schlüsse aus dem Erlebten ziehen kann, ohne dass wir sie deswegen verachten oder für dumm halten würden. Ein gelungener Balanceakt.

Molly Keane (1904-1996) hat es mit ihrem Roman Good Behaviour von 1981, der auf Deutsch unter dem Titel Eine böse Geschichte erschien,  auf die Shortlist des Booker Prizes geschafft. Und die mehrmalige Booker Prize-Trägerin Hilary Mantel wünscht dem Buch noch viel mehr Aufmerksamkeit:

A real work of craftmanship, where the heroine is also the narrator, yet has no idea what is going on. You read it with mounting horror and hilarity as you begin to grasp her delusion.

a-Scotland0306

 

 

 

Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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