Graham Greene: Travels with my Aunt (1969)

Mein Versuch, mich mit Hilfe der Biografie von Ulrich Greiwe dem weitgereisten Schriftsteller Graham Greene (1904-1991) und seinem interessanten Leben anzunähern, endete mit Verdruß und vorzeitigem Abbruch der Lektüre, und zwar genau auf Seite 62.

Ich hatte mich die ganze Zeit schon gegrämt, dass Greiwe, weil er halt so originell sein wollte, seine vor Lobeshymnen überschäumende Biografie in der zweiten Lebenshälfte Greenes beginnen lässt.

Das außerordentliche Leben eines starken, intelligenten und gefühlvollen Mannes. Da bedurfte es eines besonderen biografischen Aufbaus. Eine Biografie also nach dem Inspektor-Columbo-Prinzip: der Fall und das Leben Greenes, von hinten aufgerollt. Nachdem seine ‚Schandtaten‘ und die ‚menschlichen Faktoren‘ seines Daseins bekannt sind, bleibt die Frage: wie konnte es dazu kommen? (S. 10)

Außerdem wurden wichtige Reisen des Autors und politische Hintergründe oft nur kurz angerissen und ich drohte, den Faden zu verlieren ob all der Zeitsprünge, Namen und Infoschnipsel. Doch ab Seite 62 wurde es dann endgültig bizarr.

Direkt nachdem Greiwe den Tod des Schriftstellers im Jahre 1991 konstatiert hat, malt er sich aus, wie die Verleihung des Literaturnobelpreises an Greene hätte aussehen können. Hätte er den Preis einem Kloster gespendet, wäre er betrunken gewesen?

Nur die Kurzsichtigkeit des alten Königs Gustav wäre ihm leider nicht zuteil geworden. Statt dem seinerzeitigen Literaturnobelpreisträger hatte dieser die Ehrung aus Versehen dem Saaldiener überreicht. (S. 63)

Bekanntermaßen erhielt Greene nie den Nobelpreis für Literatur, obwohl dies immer wieder erwartet und von seinen Bewunderern erhofft wurde.

Doch egal, nachdem eine halbe Seite zuvor Greene das Zeitliche gesegnet hat, heißt es plötzlich:

Da die weltweite Rebellion der künftigen geistigen Eliten an den Universitäten Greene durchaus entgegenkam, fühlte er sich politisch erfrischt. Der Vietnamkrieg, dessen Eskalation er 1955 romanhaft vorausgesehen hatte, ging in seine entscheidende Phase. (S. 63)

Auch für mich war das eine entscheidende Phase. Ich habe hier so viele lohnende Bücher, dass ich mich nicht länger mit dieser Biografie herumärgern werde.

Gregor Schuhen hatte ebenfalls wenig Freude an Greiwes Werk. Er schrieb 2004 in der FAZ:

Ferner stiftet die unangemessene Kürze der Biographie mehr Verwirrung als erhellende Informationen. Zu viele Figuren, Namen, Ereignisse und Verstrickungen werden auf zu wenigen Seiten so knapp dargestellt, daß man häufiger als gewöhnlich den Faden verliert. Des weiteren gerät die Darstellung wiederholt zur unreflektierten Lobhudelei.

Stattdessen entstaube ich heute mal wieder einen älteren Artikel aus dem Archiv, und zwar den zu Greenes Roman Travels with my Aunt. 

Er wird uns von Henry Pulling erzählt, der auf der Beerdigung seiner Mutter seine Tante Augusta trifft, mit Folgen, die sich dieser spießige Reihenhauslangweiler in seinen schlimmsten Träumen nicht hätte ausmalen können:

I met my Aunt Augusta for the first time in more than half a century at my mother’s funeral. My mother was approaching eighty-six when she died, and my aunt was some eleven or twelve years younger. I had retired from the bank two years before with an adequate pension and a silver handshake. […] Everyone thought me lucky, but I found it difficult to occupy my time. I have never married, I have always lived quietly, and, apart from my interest in dahlias, I have no hobby. For those reasons I found myself agreeably excited by my mother’s funeral.

Henry, pensionierter Bankbeamter in den Fünfzigern, begeht den „Fehler“, Tante Augusta nach der Trauerfeier zu besuchen. Dort lernt er Wordsworth kennen, den aus Sierra Leone stammenden und um Jahrzehnte jüngeren Liebhaber seiner Tante. Wordsworth schmuggelt dem armen Henry Marihuana in die Urne mit der Asche seiner Mutter, um einer Polizeikontrolle zu entgehen. Und so gerät das wohlgeordnete, aber zum Weinen langweilige Leben Henrys kräftig in Unordnung.

Am Anfang eher widerstrebend erklärt er sich bereit, seine Tante auf einer Reise nach Brighton zu begleiten.

We sat down in a shelter. The lights ran out to sea along the Palace Pier and the edge of the water was white with phosphorescence. The waves were continually pulled up along the beach and pulled back as though someone were making a bed and couldn’t get the sheet to lie properly. […] This trip was quite an adventure, I thought to myself, little knowing how small a one it would seem in retrospect. (S. 42)

Schließlich reisen sie sogar im Orient Express von Paris nach Istanbul. Tante Augusta führt ihn an Plätze und lässt ihn mit Menschen zusammentreffen, die für sie sehr wichtig gewesen sind. Henry erfährt dabei auch so einiges über seine eigene Familie, das er sich nicht hätte träumen lassen. Vor allem aber erzählt Tante Augusta aus ihrem abenteuerlichen Leben. Moral und Gesetze haben dabei eine eher nebensächliche Rolle gespielt.

‚I have an impression,‘ my aunt said, ‚that you are really a little shocked by trivial illegalities. When you reach my age you will be more tolerant… (S. 63)

Sie war Prostituierte, was Henry lange als Mitgliedschaft in einer Theatergruppe missverstehen will. Tante Augusta hat jedenfalls eine Menge Gefahren überstanden, Geld gewonnen und verloren, getrunken, viel Spaß gehabt und freizügig geliebt. Dazu ist sie auch weiterhin fest entschlossen, mit dem Unterschied, dass Henry sie von nun an begleiten soll.

Das führt natürlich zu allerlei komischen Situationen, denn Henry ist keineswegs überzeugt davon, dass ihn seine stets gewissenhaft ausgeübte Karriere als Bankbeamter auf so ein halbkriminelles Vagabundenleben, inclusive Gefängnisaufenthalten, CIA-Agenten und ehemaligen Nazi-Kollaborateuren, angemessen vorbereitet hat.

Fazit

Man kann das Buch auf mehrere Arten lesen. Zum einen als eine leichtfüßige Gaunerkomödie, die den Helden aus der Langeweile seiner Vorgartenidylle mit Dahlienzucht und einsamen Nachbarn in die Sphäre seiner lebenslustigen, kriminellen und liebenden Tante bis hin nach Paraguay führt. Dann wäre Tante Augusta der Weckruf, sein Leben mit allen Sinnen zu leben und zu genießen.

Regret your own actions, if you like that kind of wallowing self-pity, but never, never despise. Never presume yours is a better morality. […] But you, I suppose, never cheated in all your little provincial banker’s life because there’s not anything you wanted enough, not even money, not even a woman. You looked after people’s money like a nanny who looks after other people’s children. Can’t I see you in your cage, stacking up the little fivers endlessly before you hand them over to their proper owner? (S. 106)

Aber auch eine andere Lesart ist denkbar. Greene selbst hat Langeweile als eines seiner größten Probleme angesehen. Die Biografen streiten immer noch, ob er nun als junger Mann Russisches Roulette gespielt habe oder nicht.

Und wenn man sich die Hauptfigur näher anschaut, ist unter der Schale des einsamen und braven Bankbeamten von Anfang an etwas verborgen, was ihn zu einem würdigen Sohn seiner echten Mutter macht. Auch Henry Pulling ist froh über alles, was die Langeweile wenigstens kurzzeitig vertreibt. Schon die sensationslüsternen Gedanken, die ihm bei der Einäscherung seiner Stiefmutter durch den Kopf gehen, sind da ganz aufschlussreich.

Not many people attended the service, which took place at a famous crematorium, but there was that slight stirring of excited expectation which is never experienced at a graveside. Will the oven doors open? Will the coffin stick on the way to the flames? (S. 4)

Seine Beschreibung von Tante Augusta bei dieser Trauerfeier ist genauso unverblümt wie später deren eigene Redeweise.

I was surprised by her brilliant red hair, monumentally piled, and her two big front teeth which gave her a vital Neanderthal air. (S. 4)

Henry jedenfalls ähnelt Tante Augusta immer mehr. Schon nach einer kleinen Reise nach Brighton stellt er fest:

I discovered for the first time in myself a streak of anarchy. Had it been perhaps the result of my visit to Brighton or was it possibly my aunt’s influence (and yet I was not a man easily influenced), or some bacteria in the Pulling blood? (S. 47)

Nach einer weiteren Reise, die ihn und seine Tante bis nach Boulogne führte, hat er den Geschmack an seinem bisherigen Leben endgültig verloren.

I was afraid of burglars and Indian thugs and snakes and fires and Jack the Ripper, when I should have been afraid of thirty years in a bank and a take-over bid and a premature retirement and the Deuil du Roy Albert. […] I had lost the taste for dahlias. When weeds swarmed up I was tempted to let them grow. […] As I went upstairs to bed I felt myself to be a ghost returning home, transparent as water. I was almost surprised to see that my image was visible in the glass. (S. 159/160)

Aber er bleibt nicht auf Dauer daheim. Der Sirenenruf der Tante lockt ihn später sogar bis nach Südamerika, wo er nur noch mit milder Toleranz auf sein früheres Leben zurückblickt.

It was as though I had escaped from an open prison, had been snatched away, provided with a rope ladder and a waiting car, into my aunt’s world, the world of the unexpected character and the unforeseen event. (S. 200)

Doch je lebendiger sich Henry fühlt, umso mehr macht er sich gemein mit den Wertvorstellungen seiner Tante. Egal ist dann, woher der Geldsegen kommt, der ihnen Villa und Lebensunterhalt in Paraguay finanziert. Egal ist, dass die Tante ja nicht jünger wird und die Landessprache nicht spricht. Egal, dass um sie herum Korruption, Gewalt und Armut herrschen.

Half ruined huts stood at the very edge of the cliff and naked children with the pot-bellies of malnutrition stared down on us as the boat passed … (S. 210)

Auch Wordsworth, der Tante Augusta treu ergeben ist, taucht wieder auf. Er – der verliebte Narr – wird wie zur Zeit der Rassentrennung zum Essen in die Küche verbannt, weil der zurückgekehrte Liebhaber Augustas ihn, vielleicht aus Eifersucht, nicht in der Nähe haben mag. Schließlich schickt Augusta Wordsworth einfach weg, obwohl er sie über Jahre geliebt und auf ihren Reisen begleitet und beschützt hat. Eiskalt bekennt sie, dass Wordsworth nichts anderes als ein Lückenfüller gewesen sei. Und selbst die Nachricht seines gewaltsamen Todes kommentiert sie nur mit

‚Yes, dear, all in good time, but can’t you see that now I am dancing with Mr Visconti?‘ (S. 261)

Tante Augusta fasst ihre Moral für Henry bündig zusammen: In England

You will think how every day you are getting a little closer to death. It will stand there as close as the bedroom wall. And you’ll become more and more afraid of the wall because nothing can prevent you coming nearer and nearer to it every night while you try to sleep […]

Im Gegensatz dazu steht das Leben in Paraguay.

Tomorrow you may be shot in the street by a policeman […] or a man may knife you in a cantina because you can’t speak Spanish and he thinks you are acting in a superior way […] My dear Henry, if you live with us, you won’t be edging day by day across to any last wall. The wall will find you of its own accord without your help, and every day you live will seem to you a kind of victory. ‚I was too sharp for it that time,‘ you will say, when night comes, and afterwards you’ll sleep well… (S. 222)

Und Henry stellt – kurzzeitig inhaftiert – tatsächlich fest, dass er zwar nicht ganz sicher ist, wie er aus der Bredouille wieder rauskommen soll, doch dass er sich eigentlich ganz wohl dabei befinde, denn sein alter Feind, die Langeweile, ist verschwunden.

I am in a small cell ten feet by six, and I have nothing to sleep on but a piece of sacking. I have no idea what is going to happen next, but I confess I am not altogether unhappy, I am too deeply interested.

Am Ende seiner Entwicklung steht sogar die Aussicht, als fast Sechzigjähriger „a gentle and obedient child“ von 16 Jahren zu heiraten, was ich dann doch reichlich unappetitlich finde. Das Problem der Langeweile ist gelöst, doch um welchen Preis?

Ich habe Travels with my Aunt also eher als eine Charakterstudie gelesen, die im Gewand einer Komödie auftritt. Und diese zwei unterschiedlichen Seiten, das Unterhaltsame, Absurde und Skurrile und die für mich eher ins Negative verlaufende Entwicklung Henrys, konnte ich beim Lesen nicht immer in Einklang bringen. Der trockene Witz war jedoch oft große Klasse:

… and in any case I have a weakness for funerals. People are generally seen at their best on these occasions, serious and sober, and optimistic on the subject of personal immortality. (S. 4)

Anmerkungen

Gern verweise ich auf die Besprechungen auf Philea’s Blog und Durchleser’s Blog.

Die Inspiration zu der Figur der Tante lieferte wohl die 1885 geborene Elizabeth Moor, die 40 Jahre lang als Ärztin auf Capri praktizierte.

 

Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

11 Kommentare zu „Graham Greene: Travels with my Aunt (1969)“

    1. Danke fürs Lob 🙂 und deine Besprechung habe ich sehr gern erwähnt, du hattest mich ja neugierig auf das Buch gemacht und ich werde sicherlich noch mehr von diesem Autor lesen. Ein gutes Wochenende! LG Anna

    1. Freut mich. Und ich selbst bin durch Philea’s Blog auf das Buch aufmerksam geworden und so zieht das seine Kreise. Dann bin ich ja gespannt, ob wir irgendwann eine Besprechung bei dir lesen. LG Anna

  1. Eine gut Besprechung! Sie hat mich wieder an dieses Buch erinnert, das ich vor vielen, vielen Jahren einmal gelesen habe. Dadurch kam ich überhaupt erst zu Graham Greene. In der Folge habe ich noch so einiges von ihm gelesen.
    LG von der Silberdistel

    1. Liebe Silberdistel, auch wenn ich den Roman mit gemischten Gefühlen gelesen habe, fand ich ihn doch so interessant, dass ich sicherlich ebenfalls noch weitere Romane von Greene lesen werde. Hast du einen Favouriten? LG Anna

      1. Ich könnte da mehrere nennen. „Das Herz aller Dinge“ und „Unser Mann in Havanna“, auch die Kurzgeschichten, die einmal bei Volk und Welt unter „Billig im August“ erschienen sind, haben mir sehr gut gefallen.
        Liebe Grüße von der Silberdistel

  2. Ich habe gerade beim Bücherwichteln im Bookclub Graham Greenes „Collected Essays“ erwichtelt auf die ich mich schon sehr freue. Mein Lieblingsbuch von ihm ist „The End of an Affair“ und ansonsten kenne ich noch „The Third Man“ und „Stamboul Train“ (ich liebe Bücher die in Zügen spielen 😉 )

    Eine Biografie würde mich auch sehr interessieren, aber von der von Dir besprochenen lasse ich lieber die Finger und greife stattdessen zu dem mir gänzlich unbekannten „Travels with my Aunt“. Sicherlich gibt es da aus heutiger Sicht einige Augenroller, aber es klingt ausgesprochen interessant. Danke für die spannende Rezension 🙂

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