Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen (2009)

Inge Jens (*1927): Studium, Promotion, Lehraufträge, Mitarbeit bei Verlagen und Rundfunk, Literaturwissenschaftlerin, Mitarbeiterin ihres Mannes, Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns und dessen Briefwechsels mit Ernst Bertram, intensive Beschäftigung mit der Geschichte ihrer Wahlheimat und deren Universität Tübingen, Edition der Aufzeichnungen und Briefe der Geschwister Scholl. Gemeinsame Arbeit mit ihrem Mann Walter Jens (1923 – 2013) an Frau Thomas Mann und Katias Mutter. 

2013 wird Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt veröffentlicht und 2016 erscheint Langsames Entschwinden, das ihre Erfahrungen im Leben mit ihrem an Demenz erkrankten Ehemann zum Thema hat.

2009 schließlich veröffentlicht sie ihre autobiografischen Erinnerungen, die von vornherein nicht auf Vollständigkeit oder gar zu intime Einblicke in ihr Privatleben angelegt sind.

Schon das Vorwort ihrer Unvollständigen Erinnerungen ist typisch für die Autorin.

Es zeigt Inge Jens als reflektiert, nüchtern, rational, präzise, fast ein wenig distanziert, diskret. Zunächst einmal versucht Inge Jens, sich darüber Rechenschaft abzulegen, warum sie dieses Buch, das zunächst eher als ein Zeitvertreib gedacht gewesen sei, geschrieben hat.

Weil ich merkte, dass es mir Spaß machte, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Das war eine unerwartete Erfahrung. Ich bin immerhin 82 Jahre alt und habe mich, soweit ich weiß, noch nie sehr intensiv für mich interessiert. (S. 9)

Bei so einem Lebensrückblick gehe es Menschen darum,

zu versuchen, sich am Ende ihres Daseins der Erlebnisse und Erfahrungen zu erinnern, die sie prägten und die es ihnen wert schienen, aufbewahrt und weitergegeben zu werden. (S. 9)

Ein Auslöser seien außerdem die Diskussionen bei und nach öffentlichen Veranstaltungen gewesen, die oft dazu geführt hätten, dass sie gebeten wurde, das, was sie persönlich erlebt habe, doch auch aufzuschreiben.

Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Nach 57 Jahren nie abreißender Gespräche bin ich allein – ohne den Menschen, mit dem sich über alles auszutauschen mir so selbstverständlich war wie essen und trinken oder atmen. Mein Mann ist seit langer Zeit schwer krank. Seit gut zwei Jahren kann er weder lesen noch schreiben. Eine Unterhaltung mit ihm ist nicht mehr möglich. (S. 11).

Doch dieses Zurückblicken habe erstaunlicherweise Kräfte freigesetzt, die auch ihren Blick auf die Gegenwart verändert hätten.

Die Rückschau auf mein Leben verbietet mir, mit dem Heute zu hadern. Auf die Frage: ‚Warum muss das sein, warum trifft es gerade uns?‘, wüsste ich zwar auch jetzt noch keine Antwort zu geben. Aber – und das wurde mir schlagartig bewusst – diese Frage zöge unweigerlich eine zweite mit sich, die ich ebenso wenig wie die erste beantworten könnte. Denn sie müsste lauten: Warum denn ist es gerade mir – uns – so lange so ungeheuer gut ergangen? Warum war es gerade uns vergönnt, ein so interessantes, erfülltes und – trotz mancher Schwierigkeiten – glückliches Leben zu führen? (S. 12)

Inge und Walter Jens, die beide aus Hamburg stammten, hatten sich während des Studium in Tübingen kennengelernt.

In diesem Dokument der Zeitgeschichte erfahren wir nicht nur, wie Inge Jens den Krieg und die Indoktrination der Nationalsozialisten erlebte. Als sie nach dem Krieg von Konzentrationslagern hört, kann sie das im ersten Moment nur als Feindpropaganda abtun.

Dann die Begeisterung der Studentin, die sich zwar von ihrem Traum eines Medizinstudiums verabschiedet, aber letztendlich völlig in der ihr bisher unbekannten

Vielfalt menschlicher Denk- und Lebensmöglichkeiten [aufgeht und] Vergnügen an dem Versuch [hatte], anderes, teilweise auch Fremdes, zu verstehen und in die eigenen Überlegungen einzubeziehen. (S. 55)

Genauso erinnert sie sich auch daran, wie sich später die Proteste der Studentenbewegung in Tübingen äußerten und wie die einzelnen Professoren damit umgingen.

Inge und Walter Jens teilten ihre pazifistische Grundeinstellung, die bei Inge Jens auf ihre Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges zurückging. Beide waren später in der Friedensbewegung (Stichwort Mutlangen) aktiv und pflegten viele Kontakte in die ehemalige DDR.

Die Fehler, die dann bei der Wiedervereinigung gemacht wurden, konnte man schon erkennen, als Walter Jens nach seiner Emeritierung 1989 die Stelle als Präsident der Akademie der Künste zu Berlin annahm und das Ehepaar aufregende und kulturell bereichernde Jahre in Berlin verlebte.

Ich habe diese Erinnerungen mit Respekt vor der Belesenheit und Ebenbürtigkeit der Ehepartner und ihrer Jahrzehnte langen gegenseitigen Inspiration gelesen. Und auch wenn Inge Jens angeberisches Name Dropping sicherlich zuwider ist, schimmert natürlich durch, dass kluge Menschen eben wieder andere kluge Menschen kennenlernen, sei es durch die Arbeit an den verschiedensten Projekten, sei es durch Walter Jens‘ Kontakte zur Gruppe 47 oder durch das politische Engagement. Stellvertretend und völlig willkürlich seien hier nur Hans Mayer, Ernst Rowohlt, Vicco von Bülow, Dietrich Fischer-Dieskau oder Golo Mann genannt.

Wie ich am Anfang schon schrieb, dies ist ein diskretes Buch, persönliche Katastrophen wie zwei verstorbene Kinder werden kurz erwähnt, reflektiert und dann geht es bereits weiter mit eher beruflich bedingten Fragestellungen. Das ist zum einen sicherlich dem Interesse an der eigenen Arbeit geschuldet, zum anderen scheint Inge Jens nicht das Bedürfnis zu haben, sich unentwegt in den Mittelpunkt stellen zu müssen. Allerdings wirkt das Buch dadurch manchmal ein wenig unpersönlich.

Dennoch hat mich dieser Gang durch über ein halbes Jahrhundert deutsche Geschichte fasziniert. Und mit dem letzten Kapitel, in dem sie über die Erkrankung ihres Mannes schreibt, hat Inge Jens mich dann endgültig für sich und ihr Buch eingenommen. Ehrlich und anrührend.

Ach, und Lust auf nähere oder erneute Beschäftigung mit Katia Mann oder Hans und Sophie Scholl und auf einen Tübingen-Besuch macht das Buch natürlich auch.

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Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

8 Kommentare zu „Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen (2009)“

  1. Das würde mich auch interessieren, um mehr über Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu lernen, aber wann und wie ich die Zeit dazu finden könnte, ist mir ein Rätsel. Danke für diese interessante Zusammenfassung.

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