Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen (2019)

Bei seinem neuesten Buch Wir Herrenmenschen: Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte ist sich Bartholomäus Grill (*1954) durchaus des möglichen Einwands bewusst,

dass sich schon wieder ein weißer Mann anmaßt, über die koloniale Erfahrung zu schreiben. Natürlich bin auch ich durch europäische Weltbilder geprägt, und ich stelle immer wieder fest, dass ich selbst nach drei Jahrzehnten in Afrika das rassistische Erbe nicht einfach abschütteln kann. Ich habe versucht, die Blickrichtung zu ändern, um Klischees und Zerrbilder zu überwinden. Das ist mir vermutlich nicht immer gelungen. Und die Toten konnte ich auch nicht mehr zum Sprechen bringen. (S. 13)

Ausgehend vom Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen in Europa und der Tatsache, dass rassistisches Vokabular wieder in den allgemeinen Sprachgebrauch zurückkehre, obwohl „eine reiche Nation mit über 80 Millionen Einwohnern diese Herausforderung [die Aufnahme der Flüchtlinge im Jahr 2015] bewältigen können“ müsste, macht sich Grill auf die Suche nach unserer kolonialen Vergangenheit. Die dauerte zwar vergleichsweise kurz und endete bereits mit dem ersten Weltkrieg, doch die mentalen und wirtschaftlichen Folgen dauerten bis heute an.

Die Vorläufer des deutschen Kolonialismus gehen zurück bis auf Friedrich Wilhelm und im Jahr 1681 schaffte es ein brandenburgischer Kapitän erstmals „ein paar Häuptlingen an der Goldküste, dem heutigen Ghana, ein Abkommen aufzunötigen, in dem diese die kurfürstliche Oberhoheit über ihr Gebiet anerkannten.“ (S. 21)

Anschließend widmet sich Grill jeweils den ehemaligen Kolonialgebieten „Deutsch-Westafrika“, Togo, Kamerun, „Deutsch-Südwestafrika“, Kiautschou (in China) und den deutschen Südsee-Kolonien.

Und vor allem stellt er uns das Personal vor, das für die Kolonisierung notwendig war: Sadistische Kommandeure, Forscher, Heuchler, Betrüger und Schwindler, Rassisten, Missionare (in ihrer zweischneidigen Rolle als Vorhut der Kolonialisierung und westlicher Bildung), brutale oder aufgeklärte Aufseher, Erbauer von Stadtvillen und Händler, skrupellose Ausbeuter, Ingenieure und Wirtschaftsunternehmer.

Daneben gibt es ein Kapitel, das sich mit der Frage nach kolonialer Raubkunst beschäftigt, die heute in den deutschen Völkerkundemuseen gezeigt wird.

Auch die Rolle der Askari, der schwarzen Hilfssoldaten, die ihre deutschen Unterdrücker gegen das britische Empire verteidigen durften, wird näher beleuchtet.

Genau so interessant und erschreckend sind die Interviews, die der Autor mit deutschen Nachfahren in Namibia geführt hat und die darüber schwadronieren, dass die dummen Schwarzen ihr schönes Land zugrunderichten.

Außerdem stellt er das umstrittene Projekt des Tansania-Parks in Hamburg vor, dessen Ziel, die kommentarlose Zurschaustellung von Skulpturen aus der Kolonialgeschichte auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne, zu massiven Protesten geführt hat und der bis heute der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.

Spannend auch seine – von vielen Historikern angezweifelten – Rechercheergebnisse bezüglich des Völkermordes an den Herero und Nama im heutigen Namibia, für die der Autor  angefeindet worden ist. Genausowenig entzückt war er allerdings über den Beifall der ewig Gestrigen.

Grill liefert eine interessante, gut lesbare und gleichzeitig bedrückende Nachhilfestunde, denn es ist doch traurig, wie wenig wir oder ich über diese Epoche deutscher Geschichte wissen.  Und überhaupt, schon die afrikanische Landkarte (die von den ehemaligen Kolonialherren mit dem Lineal gezogenen Grenzen, die Völker auseinanderriß und verfeindete Volksgruppen in ein Staatsgebiet zwang) macht mir Mühe.

Abgerundet wird das Ganze mit Literaturempfehlungen, Reiseerinnerungen, Eindrücken und Interviews.

Was mir allerdings zu kurz bzw. oberflächlich abgehandelt wurde, war die Frage, inwieweit die heutige ungerechte globalisierte Weltordnung auf die Kolonialzeit zurückgeht. Da hätte ich mir konkrete Beispiele gewünscht sowie mehr Informationen, wie genau sich die einzelnen Länder nach ihrer Unabhängigkeit entwickelt haben.

Sonja Ernst zieht für den Deutschlandfunk folgendes Fazit zu dem Buch:

Bartholomäus Grill berichtet anschaulich von diesen vielen persönlichen Begegnungen und von vielen Orten. Und das ist die Stärke des Buches. Denn vielen Lesern werden Ereignisse und Personen der Kolonialgeschichte nicht ganz neu sein. Aber Bartholomäus Grill liefert eine gute Mischung aus Analyse und Reportage. Er schreibt mitreißend und anschaulich und transportiert immer wieder die Folgen der Kolonialzeit bis ins Jetzt.

Hier zwei Interviews mit Grill:

Und zur Ergänzung kann man – erschreckend aktuell – die Thesen des Oxforder Professors Danny Dorling heranziehen: Dieser ist der Meinung, dass

a British elite drunk on nationalism is responsible for the Brexit disaster. Raised in the traditions of the British Empire, they continue to glorify the crimes committed during colonialism. (Spiegel online)

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

9 Kommentare zu „Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen (2019)“

  1. Danke für die engagierte Besprechung, Hinweise und Fragen. Erinnere mich an den Autor aus der ZEIT, wobei mir der „Tansania-Park“ nicht gewärtig war.
    Zum Themenkreis Namibia und deutsche Kolonialgeschichte könnte Uwe Timms Roman „Morenga“ (1978) interessieren.

    1. Habe gerade noch einen Hinweis auf Danny Dorling eingefügt, dieser Professor zieht eine Verbindung zwischen der Brexit-Kampagne und der Empire-Glorifizierung.
      Vielen Dank auch für den Buchtipp. Das schaue ich mir mal an.
      LG Anna

  2. Mir geht es ähnlich wie Dir, liebe Anna. Ich fand immer, daß über dieses Kapitel der deutschen Vergangenheit viel zu wenig berichtet oder unterrichtet wurde. Und daß viele der heutigen Konflikte in ehemaligen Kolonien auf die willkürlichen Entscheidungen der Kolonialmächte zurückgehen, wird immer noch vornehm verschwiegen.

    1. Ja, so ist es, leider. Habe gerade noch einen Link eingefügt, der eine Verbindung zwischen Brexit-Kampagne und Empire-Glorifizierung herstellt. Es ist schon sehr bedenklich.
      LG Anna

      1. Ja, das ist sehr bedenklich. So wie ich das sehe, bäumen sich die konservativen und rechtsradikalen Kräfte überall auf, weil sie ihre Macht am Zerfließen sehen. Ich hoffe, daß es das letzte Aufbäumen dieser Kräfte ist…

  3. Liebe Anna,
    ein interessantes Buch, das du da vorstellst. Ich dachte mir vor wenigen Tagen angesichts der Demonstrationen in Hongkong, wie im Grunde Staaten immer noch über ihre ehemaligen Kolonien bzw. ehemaligen zugehörigen Landesteile über die Köpfe der Menschen hinweg verfügen.
    Über die deutsche Kolonialpolitik habe ich leider auch nur oberflächliche Kenntnisse, insofern herzlichen Dank für deine Besprechung und den Tipp!
    Liebe Grüße, Birgit

    1. Hallo Birgit,
      das Buch lohnt die Lektüre. Eigentlich müsste ich es gleich noch mal lesen, da man vieles ja gar nicht sofort abspeichern kann. Und durch die Mischung an Fakten, Hintergründen und Reportage ist es kein bisschen staubig.
      LG Anna

    2. Hallo Birgit,
      ich habe gerade noch einen Link auf ein engl.sprachiges Interview mit Danny Dorling eingefügt, dieser Professor ist der Meinung, dass auch die Brexit-Kampagne auf die Kappe vergangenheitsbesoffender Empireverehrer geht. Auf Spiegel plus gibt es den Text auch auf Deutsch.

      1. Ah, danke – das werde ich heute abend in Ruhe lesen. Das ist auf jeden Fall ein bedenkenswerter Anlass: Woher kommt das Wiedererstarken des Nationalismus – davon sind ja nicht nur die Briten betroffen.

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