William Melvin Kelley: A Different Drummer (1962)

Neu aufgelegt, von der internationalen Kritik begeistert besprochen, und nun erschien die deutsche Übersetzung des ca. 200-seitigen Debütromans des afroamerikanischen Autors William Melvin Kelley (1937-2017) von Dirk Gunsteren unter dem Titel Ein anderer Takt im Hoffmann und Campe Verlag.

Die Wiederentdeckung dieses Werks, ursprünglich erschienen auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung in Amerika, als der Autor gerade einmal 24 Jahre alt war, ist längst überfällig. Nicht nur, weil Rassismus in Amerika und Europa in einigen Kreisen wieder salonfähig ist, sondern weil es ein großartiges Buch ist.

Doch zunächst einmal kurz zur Geschichte, die in einem fiktiven Staat irgendwo westlich von Alabama spielt.

Im Juni 1957 lässt sich der junge Schwarze Tucker Caliban, der erst kürzlich ein Stück Land der ehemaligen Sklavenplantage der Willsons gekauft hat, eine Ladung Salz kommen, bestreut damit sein Feld, tötet Kuh und Pferd, setzt sein Haus in Brand und verlässt ohne weitere Erklärung zusammen mit Frau und Kind den Ort, an dem er und seine Vorfahren seit Generationen gelebt und geschuftet haben, zunächst als Sklaven, später als Feldarbeiter und Hausmädchen.

Sie machen sich auf Richtung Norden und lösen damit einen Massenexodus aus. In den nächsten Tagen werden nämlich alle Schwarzen ruhig und schweigend mit ihrer spärlichen Habe diesen Bundesstaat verlassen und versuchen, sich im Norden ein neues Leben aufzubauen.

Und der Leser wird Augen- und Ohrenzeuge der Geschichte, in der es nicht nur darum geht, wie die ersten Sklaven nach Sutton kamen, sondern auch wie die Weißen nun mit dem für sie ungeheuerlichen Vorgang umgehen, dass die Schwarzen ihnen und der widersinnigen Rassentrennung wortlos den Rücken kehren, nicht mehr im Ort einkaufen werden  und sie einfach mit der schmutzigen Arbeit sitzen lassen.

Nun erinnern sich Erzählerstimme und verschiedene weiße Protagonisten an möglicherweise bedeutsame Details aus Vergangenheit und Gegenwart, die vielleicht dabei helfen können, das Unbegreifliche zu verstehen. Dabei kommen die Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen, was sich in ihrem Auftreten und Handeln niederschlägt. Und immer wieder kehren wir im Verlauf der Geschichte zur Veranda des Lebensmittelgeschäftes zurück, dort treffen sich die Männer des Ortes, um die neuesten Entwicklungen zu bereden.

Es wäre schade, mehr zum Inhalt zu verraten. Viel zu interessant ist es, wie der Autor es schafft, die verschiedenen Stimmen zum Leben zu erwecken. Die Schwarzen selbst kommen nur indirekt zu Wort, doch dass der Auszug gerechtfertigt ist, kann am Ende von niemandem mehr bezweifelt werden.

Der Stil ist oft poetisch, anschaulich und die Gespräche scheinen den Menschen abgelauscht zu sein, die Bilder wuchtig, ohne dass sie aufdringlich wären, wie z. B. bei der Beschreibung der Standuhr, die der erste Plantagenbesitzer extra aus England kommen lässt und die mit aller Sorgfalt eingepackt und vor Stößen und Kratzern auf der langen Schiffspassage geschützt wurde, während die Sklaven auf demselben Schiff unter unbeschreiblichen Zuständen zusammengepfercht wurden.

Dann gibt es auch geradezu sanfte Passagen, in denen fast so etwas wie spöttische Nachsicht mit den Weißen aufscheint, die trotz bester Vorsätze eben auch geprägt sind von der allgegenwärtigen Rassentrennung im Süden der USA. So schreibt David Willson nach seinem Umzug nach Massachusetts:

Just after I got there and found a seat, a negro came in and sat next to me. That’s something I will have to go into at length one of these nights: the absence of segregation. At first, I was disturbed by it, not that I mind its absence so much as when you sit somewhere you usually do not take too much notice of who sits next to you. If you are sitting on a trolley and someone sits next to you, usually you glance at him, then ignore him, that is, if he does not sit on your coattail. But when a negro sits next to me I find myself distracted from what I was reading, or from looking out of the window because I am not used to being that close to a negro in public. And so when this negro sat next to me, I noticed, and continued to notice it. (S. 155)

Das Buch enthält Szenen, die sich unwillkürlich einprägen, und man wünscht sich so dringend, dass die Welt inzwischen eine andere wäre, dass man den Roman als eine (gelungene) Auseinandersetzung mit dem rassistischen Amerika der Vergangenheit lesen könnte, doch nein, er ist aktuell wie eh und je, zeigt er doch die Mechanismen und Facetten menschlichen Verhaltens auf und macht deutlich: Jeder hat eine Wahl. Jeder trifft die Wahl. Täglich. Im Kleinen. Im Großen.

Lesenwert.

Like I said, nobody’s claiming this story is all truth. It must-a started out that way, but somebody along the way or a whole parcel of somebodies must-a figured they could improve on the truth. And they did.  It’s a damn sight better story for being half lies. Can’t a story be good without some lies. (S. 9)

Der Titel bezieht sich übrigens auf ein Zitat von Henry David Thoreau, das aus Walden stammt:

Why should we be in such desperate haste to succeed and in such desperate enterprises? If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away.

Auch Birgit hat auf Sätze & Schätze den Roman besprochen.

Weitere Rezensionen:

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Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

6 Kommentare zu „William Melvin Kelley: A Different Drummer (1962)“

  1. Liebe Anna,
    erst einmal danke für die Verlinkung. Und jetzt haben wir ja mal ein Buch parallel gelesen und können es gegenseitig kommentieren:-) Mir ging es auch im zweiten Drittel so, vor allem als Dewey die Bühne betritt, befürchtete, jetzt gleitet der Roman etwas ab – aber wie du schreibst, er führt das alles „traumwandlerisch“ zusammen.
    Und es geht ja im Buch selbst auch viel um Träume – von Freiheit, Gleichheit, Liebe. Mir hat das sehr gefallen, wie zugleich unaufdringlich und dabei eben doch mit kraftvollen Bildern – du nennst die Standuhr zu recht oder das Üben beim Fahrradfahren – er erzählt. Im Grunde ein sanfter Mahner.
    Einen schönen (Lese)-abend wünsche ich Dir, Birgit

  2. Liebe Anna,
    danke für die Vorstellung eines mir bisher unbekannten Autoren. James Baldwin erfährt hier in den USA eine Renaissance in den letzten Jahren, aber von William Kelley hatte ich noch nicht gehört. Den Roman werde ich mir mal vornehmen. Wie Du erwähnst sind die Probleme leider noch immer viel zu aktuell!
    Herzlichen Gruß,
    Tanja

    1. Hallo Tanja,
      Baldwin findet man auch wieder verstärkt in den deutschen Buchhandlungen (es gab diverse Neuübersetzungen). Aber dieses Buch von Kelley lohnt sich sehr.
      LG Anna

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