Dieter Wellershoff: Der Ernstfall (1995)

Ursprünglich nur zur Hand genommen, um zu überprüfen, ob das Buch, das jahrelang im Regal der ungelesenen Bücher geschlummert hat, nun das Haus in Richtung öffentlicher Bücherschrank verlassen sollte, habe ich mich doch festgelesen in den autobiografischen Kriegserinnerungen von Dieter Wellershoff, die 1995 unter dem Titel Der Ernstfall: Innenansichten des Krieges veröffentlicht wurden.

Warum wieder zurückblicken nach fast einem halben Jahrhundert? Was suchte ich? Was erwartete ich zu finden, als ich mich Ende März 1994 auf den Weg nach Bad Reichenhall machte, wo ich den Kriegswinter 1944/45 im Lazarett verbracht hatte? Meine chronisch erkrankten Nasennebenhöhlen zu kurieren, war das praktische Ziel meiner Reise. Doch zugleich und vielleicht sogar vor allem war es für mich eine Reise in die Vergangenheit. (S. 11)

Obwohl zum Zeitpunkt des Schreibens die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges schon Jahrzehnte zurückliegt, gelingt es Wellershoff über weite Strecken die Leser mitzunehmen in seine Erinnerungen und Reflexionen. Formuliert in seiner präzisen, manchmal ein wenig spröden Sprache.

Vieles, was heute schwer verständlich ist und deshalb oft rasche, schematische Urteile herausfordert, bedarf genauerer Beschreibung. Zum Beispiel die Tatsache, daß ich, wie die meisten meiner Klassenkameraden, mit siebzehn Jahren als Freiwilliger in den Krieg zog, obwohl, trotz der Schönfärberei der Wehrmachtsberichte, sich seit Stalingrad immer deutlicher abzeichnete, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Kriegsbegeisterung, wie ich sie noch in den ersten Kriegsjahren als Schüler empfunden hatte, war das nicht. Auch keine fanatische Opferbereitschaft, sondern eher eine noch fortbestehende patriotische Konvention, gegen die man, da das zu gefährlich war, auch im Gespräch unter Freunden keine Argumente entwickelt hatte. Man tat es, weil es üblich war, konnte aber die heimlichen Befürchtungen und fatalistischen Perspektiven vor sich selbst nicht mehr dauerhaft verdecken. Ich zog in diesen Krieg mangels einer Alternative und ohne Illusionen, aber mit einem vagen Pflichtgefühl, das im Grunde eine Solidarität gegenüber all jenen war, die es auch getan hatten, und gegenüber den vielen, die gefallen waren. Dieses Zugehörigkeitsgefühl war brüchig. Aber es war noch nicht ganz aufgelöst. Beigemischt war dieser Haltung auch ein jugendliches Bedürfnis nach Bewährung und ein wachsender Überdruß an der Schule, die uns vor dem Hintergrund des Krieges als ein unauthentischer Ort erschien, an dem man nicht erwachsen werden konnte. (S. 22)

So lesen wir nicht nur von Erschießungskommandos in Tegel, für die sich die Soldaten freiwillig meldeten, und dem grauenvollen Alltag und Verrecken der Soldaten an der russischen Front, sondern erfahren auch, wie Wellershoff im Nachhinein das Informationsvakuum einschätzt, in dem sich die deutschen Soldaten befanden.

Als Görings Vorschlag, den militärischen Gruß durch den Hitlergruß zu ersetzen, von Hitler gebilligt und verbindlich angeordnet wurde, fanden das viele Berufsoffiziere ganz schrecklich (als ob es darauf noch angekommen wäre) und der Oberleutnant

machte diesen Gruß in einer Weise vor, als wolle er damit die Bedeutung ausdrücken, die dem Nazigruß im Volksmund untergeschoben wurde: ‚So hoch liegt der Schutt in Berlin.‘

Besonders interessant fand ich die Ausschnitte aus zeitgenössischen Quellen, aus denen Wellershoff zitiert.

Als Walter Schellenberg, damals Chef des deutschen Geheimdienstes, Göring 1942 ein Dossier über die Produktionskapazität der amerikanischen Stahlerzeugung und der amerikanischen Rüstungsindustrie […] vorlegte, gab ihm Göring das Papier mit der Bemerkung zurück: ‚Alles, was Sie da geschrieben haben, ist Quatsch. Sie lassen sich am besten auf Ihren Geisteszustand untersuchen.‘ […] Der gleiche Vorgang wiederholte sich Anfang April 1945, als General Gehlen […] einen Bericht über die sowjetische Rüstungsindustrie vorlegte. Hitler nannte die ermittelten Produktionszahlen ‚übertrieben, defaitistisch, ja idiotisch‘ und ließ Gehlen ablösen. (S. 149)

Hübsch fand ich auch die Anmerkung, dass

ein von Himmler beautragter Astrologe für das Jahr 1945 eine deutliche Besserung der militärischen Lage Deutschlands vorausgesagt [hatte]… (S. 151)

Gegen Ende des Buches macht Wellershoff sich Gedanken darüber, wie man, wenn überhaupt, aus der Geschichte lernen kann. Selbstgerechte Schuldzuweisungen von moralisch einwandfreier Warte, bei denen man von vornherein unreflektiert davon ausgeht, dass man selbst nie auf Hitler oder irgendwelche anderen mörderischen Ideologien hereingefallen wäre oder hereinfallen würde, gehen laut Wellershoff am Kern der Sache vorbei und sind ihm eher ein Zeichen unbewusster Abwehr.

Nicht jeder ist sicher genug, um sich ungeschützt den Schwindelgefühlen abgründiger Erkenntnisse über die Wirrnisse und Schrecken des Menschenmöglichen auszusetzen.

Heute denke ich, daß es notwendig ist, immer wieder zum Individuellen vorzudringen. Man muß nach den lebensgeschichtlichen Voraussetzungen und Bedingungen des Verhaltens fragen. ‚Wovon bist du ausgegangen? Was hast du gewußt und was hast du gedacht? Was hast du getan und was für Folgen hat es gehabt? (S. 272)

Den Krieg hat Wellershoff als für sein ganzes späteres Leben als prägend erfahren, u. a. dahingehend, dass ihm kollektive Identitäten von nun an suspekt waren, da sie sich doch immer wieder als mörderische Wahngebilde entpuppen. Die daraus resultierende „weltanschauliche Obdachlosigkeit“ habe er als Glück, als „geschenkte Freiheit“ erlebt.

Außerdem verdanke er dem Krieg

die Einsicht in die Zufälligkeit meiner Existenz. (S. 289)

Darüber hinaus blieb eine gewisse Skepsis, was die menschliche Natur angeht:

Ich will daraus nicht ableiten, daß man mit Menschen alles machen kann. Aber ihr Sinn- und Glaubensbedürfnis, ihr Wunsch nach Anerkennung und Zusammengehörigkeit und vor allem ihr Angewiesensein auf den Schutz der Gesellschaft macht sie zu einem extrem formbaren Material. Nicht nur die vergangenen Kriege, auch die terroristischen Fanatismen unserer Tage beweisen es. (S. 280)

Und drittens blieb für Wellershoff, der 2018 in Köln verstarb, eine

unaufhebbare Fassungslosigkeit über das sechs Jahre dauernde Massenschlachten und seinen finstersten und innersten Bereich: die Todesfabriken der deutschen Konzentrationslager.

Der Autor, für den Literatur immer ein Simulationsraum war, in dem die Leser Erfahrungen machen können, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu begeben, wurde zwar 1925 geboren und damit 21 Jahre nach meinem Großvater, dennoch habe ich die Erinnerungen Wellershoffs auch ein bisschen als Ersatz für die nicht stattgefundenen Gespräche in meiner Familie gelesen.

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Autor: buchpost

- lesen: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - blog : inhalt meines buchregals - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

2 Kommentare zu „Dieter Wellershoff: Der Ernstfall (1995)“

  1. Danke dem Autor, Dir für die Besprechung und den wichtigen Hinweis auf nicht stattgefundene Gespräche. Während wir als Kriegskinder oder NS-Enkel versuchen, das Damalige zu ergründen, treffen wir auf aktuelle Kriegsopfer und ihre Kinder.

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