Can Merey: Der ewige Gast (2018)

Der deutsche Journalist und Autor Can Merey wurde 1972 in Frankfurt als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Sein Buch Der ewige Gast – Wie mein türkischer Vater versuchte, Deutscher zu werden ist das Interessanteste und Fundierteste, was ich bisher über die Geschichte und Probleme der Deutschtürken gelesen habe.

Can Mereys Vater, Tosun Merey, kam 1958 nicht als Gastarbeiter in die Bundesrepublik, sondern als Student. Doch die nachfolgenden Wirrnisse und Hindernisse, die sich einer erfolgreichen Integration in den Weg stellten, sind familien-, schicht- und generationsübergreifend, und wurden nur wenig durch die besseren beruflichen Chancen abgemildert, die ein erfolgreiches Studium natürlich mit sich brachte.

Ausgehend von der Geschichte seines Vaters, der als alter Mann resigniert feststellt, dass er letztendlich nicht in Deutschland heimisch werden durfte – beispielsweise muss er mehrmals während seines Berufslebens erfahren, dass Deutsche keinen Türken als Vorgesetzten akzeptieren wollen -, packt Merey das Buch randvoll mit Anekdoten, Erlebnissen, Geprächen und Familienerinnerungen.

Dabei bleibt er jedoch nicht im rein Persönlichen, sondern weitet den Blick der LeserInnen, indem er eben auch die geschichtlichen Hintergründe und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die jeweilige Rechtsprechung (beispielsweise zu den Details des Anwerbeabkommens) und die Art der öffentlichen Berichterstattung über die sogenannten Gastarbeiter mitsamt vieler Zitate aus zeitgenössischen Quellen miteinfließen lässt. Bis hin zu den menschenverachtenden Texten rechtsextremer Bands.

Wenig bekannt ist, dass die Türkei zwischen 1933 und 1945 Hunderten deutschen Wissenschaftlern und Künstlern sowie deren Familien Zuflucht bot, die aus dem Dritten Reich fliehen mussten. Die Exilanten bauten wichtige Fakultäten an türkischen Hochschulen auf, sie halfen bei der Modernisierung der Verwaltung – und sie trugen zu den Bestrebungen von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk bei, das Land nach Westen zu orientieren. Zum bekanntesten Vertreter dieser Gruppe wurde Ernst Reuter, der Sozialdemokrat und spätere Regierende Bürgermeister von Berlin lebte von 1935 bis 1946 in der Türkei. […] In Ausweispapieren von Flüchtlingen, denen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden war, trugen die türkischen Behörden den Vermerk ‚haymatloz‘ ein. (S. 20/21)

Dazu gibt es Kapitel, die sich beispielsweise mit den Fragen befassen, ob JournalistInnen mit türkischen Wurzeln die Rolle der Alibitürken in den Redaktionen übernehmen, welche (miesen) Erfahrungen seine KollegInnen mit Rassismus in Deutschland machen und warum genau der türkische Staatspräsident eigentlich so bedeutsam für viele Deutschtürken ist und wo Deutschland in seinen Beziehungen mit der Türkei vielleicht auch eine gewisse Doppelmoral an den Tag legt.

Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man den bürokratischen Wahnsinn und Widersinn bei der Einbürgerung Tosuns Mereys mitverfolgt, wenn ihm, dem erfolgreichen deutschsprachigen Manager, wiederholt Bescheinigungen seiner Deutschkenntnisse abverlangt werden.

Eine weitere Stärke dieses Buches ist es, dass es unaufgeregt möglichst viele Stimmen zu Gehör bringt. Merey nimmt es sogar auf sich, einen ehemaligen Korrespondentenfreund zu besuchen, der inzwischen AfD-Funktionär ist. Genauso interviewt er einen türkischstämmigen Polizisten, der lange hoffte, die AfD wäre eine wirkliche Alternative, und der kein Mitleid mit gesellschaftlich abgehängten „BMW-Murats“ oder  „Kickbox-Hassans“ mit den dicken Goldkettchen hat.

Abgesehen davon, dass das Buch eine interessante Lebensgeschichte schildert, ist es darüber hinaus randvoll mit hilfreichen Hintergrundinformationen, die u.a. den Wechsel in der öffentlichen Akzeptanz der türkischen Mitbürger veranschaulichen. So wurden noch Anfang der Sechziger Tosun und weitere Studenten in seinem Wohnheim von ihnen unbekannten deutschen Familien eingeladen, die Weihnachtsfeiertage bei ihnen zu verbringen, wodurch Tosun eine gastfreundliche Familie in Ulm kennenlernte.

Und von dem Wohnheim am Maßmannplatz in München hatte ich vorher noch nie gehört.

Dann wieder der Hinweis auf einen Vorfall 1985,  der daran erinnert, dass Deutschland nicht erst seit den Möglichkeiten, die das Internet bietet, ein Hetzer- und Rassistenproblem hat. 1985 erschien auch Wallraffs Buch Ganz unten, von dem Can Merey sagt, dass ihn kein Buch tiefer verstört habe. Dass diese ständigen Kränkungen und bedrohlichen Nachrichten, ob selbst erfahren, gehört oder von ihnen gelesen, Auswirkungen auf das eigene Selbstbild und die Ausbildung einer nationalen Identität haben, steht außer Frage. Und da lagen die Angriffe in Hoyerswerda und Mölln sogar noch in der Zukunft.

CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl blieb der Trauerfeier für die Mordopfer von Mölln fern. Sein Sprecher Dieter Vogel sagte zur Begründung: ‚Die schlimme Sache wird nicht besser dadurch, dass wir in einen Beileidstourismus ausbrechen.‘ […] ‚Beileidstourismus‘ kam 1992 in die engere Auswahl bei der Wahl für das ‚Unwort des Jahres‘. (S. 158)

Auch der lakonische Humor des Autors gefiel mir: Um seinen Sprachkurs am Goethe-Institut in Blaubeuren absolvieren zu können, fliegt der junge Tosun Merey 1958 mit Swissair von Istanbul nach Zürich, wo er von einem Geschäftspartner des Vaters abgeholt wird.

Sein erster internationaler Flug beeindruckte ihn so nachhaltig, dass die Airline in unserer Familie noch über ihr Ende im Jahr 2002 hinaus einen hervorragenden Ruf genoss – obwohl außer meinem Vater wohl nie jemand von uns mit ihr geflogen ist. (S. 16)

Vor allem aber macht Can Mereys Buch deutlich: Integration ist keine Einbahnstraße:

Natürlich gibt es Türken, die jede Integration verweigern. Wer als Ausländer die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnt, während er gleichzeitig die Vorzüge der Bundesrepublik genießt, der hat aus meiner Sicht hier nichts verloren. Tosuns Geschichte zeigt aber: Integration scheitert nicht nur an unwilligen Ausländern, sondern auch an der deutschen Mehrheitsgesellschaft. […] Ohne gesellschaftliche Akzeptanz  kann Integration nicht funktionieren. (S. 11)

Dass Bewerber mit nichtdeutschen Namen schlechtere Erfolgsaussichten bei der Suche nach einem Ausbildungs-, Arbeitsplatz oder einer Wohnung haben, haben Studien leider mehrfach bestätigt.

Der Vater des Autors, Tosun Merey, zieht ein ernüchterndes Fazit:

Es ist ja nicht so, dass ich jeden Tag auf der Straße beleidigt worden wäre. Aber ich glaube, dass der Mensch auch eine geistige Heimat benötigt, um sich integrieren zu können. Die kannst du aber nur finden, wenn du auch ein Zugehörigkeitsgefühl hast. Es reicht nicht, die Sprache zu lernen und die Lebensart zu übernehmen. Ein Zugehörigkeitsgefühl kann sich nicht entwickeln, wenn du zu spüren bekommst, dass du nicht willkommen bist. Und das ist das Schlimmste: sich unerwünscht zu fühlen und zu merken, dass man nicht dazugehört. Viele Türken haben das Gefühl, dass die Deutschen sie nicht integrieren wollen. (S. 231)

 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

4 Kommentare zu „Can Merey: Der ewige Gast (2018)“

  1. Das Buch hört sich anregend-deprimierend an. Wenn jemand wie Herr Tosun Merey solche Hindernisse antrifft, dann läßt das wenig Hoffnung zu, was wirkliches Zusammen- und nicht nur Nebeneinanderherleben angeht.

    Ich hatte keine Ahnung, daß die Türkei ein Zufluchtsort vor den Nazis war. Darüber würde ich mich gerne etwas weiterinformieren.

    Danke für diese Vorstellung, liebe Anna. Ganz liebe Grüße zu den Feiertagen.
    Tanja

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