Rückblick auf das Lesejahr 2019 und den Versuch, ein Buch der Nobelpreisträgerin zu lesen

Auch in diesem Jahr möchte ich noch einmal auf das vergangene Lesejahr schauen, bevor ich mir dann die ewigneue Frage stelle, was ich wohl als nächstes lese.

Wie im vergangenen Jahr greife ich die Anregung von Kerstin Herbert von Frauenleserin auf, die schon 2018 dazu eingeladen hatte, sich einmal die „Frauenquote“ auf unseren Blogs genauer anzuschauen. Das Thema wird uns noch eine Weile beschäftigen, wie Nicole Seifert in ihrem Beitrag auf ihrem Blog Nacht und Tag gezeigt hat. Ich empfehle dazu auch das von Auffermann, Kübler, März und Schmitter herausgegebene Werk Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur (2009).

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wie viele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wie viele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Dieses Jahr las ich 23 Bücher von Frauen und 22 Bücher von Männern. Das bedeutet für mich, dass ich weiterhin nach Lust und Laune auswählen werde, was mir lesenswert und interessant erscheint.

Welches Buch möchtest Du 2019 unbedingt lesen?

Da ich eine hoffnungslose Spontanleserin bin, lässt sich das schwerlich sagen, aber zwei Bücher liegen hier tatsächlich, die ich unbedingt lesen möchte, nämlich Habe ich denn allein gejubelt von Eva Sternheim-Peters. Und immer noch wartet The Lonely Passion of Judith Hearne von Brian Moore darauf, wiedergelesen zu werden.

Welches war das optisch ansprechendste Buch?

Das war nicht nur optisch das ansprechendste, sondern auch gleich das „gewichtigste“ Buch: Little Women von Luisa May Alcott.

Welches Buch hat dich enttäuscht?

War ich zunächst noch guter Dinge, was Gesang der Fledermäuse der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk anging, so beschlich mich je länger, je deutlicher das Gefühl, dass mich die Ich-Erzählerin Janina kein bisschen interessiert. Diese hat sich den Tierschutz und die Lyrik Blakes auf ihre Fahnen geschrieben. Der Originaltitel des Romans, den auch die englische Übersetzung beibehalten hat, stammt aus einem Gedicht William Blakes (1757-1827): „Lenke deinen Wagen und Pflug über die Gebeine der Toten“.

Die ältere Janina, ehemalige Brückenbauingenieurin, lebt in der polnischen Provinz nahe der tschechischen Grenze eigenbrötlerisch vor sich hin. Ihre wenigen Freunde sind mindestens solche Einzelgänger wie sie selbst. Janinas große Leidenschaft gilt der Astrologie. Sie berechnet Horoskope, wobei ihr die Leser leider manchmal seitenlang folgen müssen. Als es zu unerklärlichen Todesfällen unter den Jägern und Wilderern in der Nachbarschaft kommt, versucht Janina alle davon zu überzeugen, dass sich hier die Tiere für die Jagd, die Wilderei, den menschlichen Fleischkonsum und die qualvollen Fallen im Wald am Menschen rächen. Als sie das auch der Polizei mitteilt, zeigt sich diese jedoch nicht besonders offen für Janinas Sichtweise.

Plötzlich war mir klar, warum die Hochsitze, die doch mehr an die Wachtürme eines Konzentrationslagers erinnern, Kanzeln genannt werden. Auf einer Kanzel stellt sich ein Mensch über die anderen Lebewesen und erteilt sich selbst die Macht über ihr Leben und ihren Tod. (S. 273)

Ich wollte die Aufklärung der Mordfälle da schon gar nicht mehr wissen. Schade, denn den ruhigen, manchmal kauzigen Erzählstil mochte ich sehr, obwohl auch der nicht vor Klischees zurückschreckt.

Welches war deine persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Eine Neu-Entdeckung ist für mich jede Autorin, jeder Autor, deren/dessen Buch mir so gut gefallen hat, dass ich mich auf weitere Bücher einlassen würde. Christopher Huang, David Park und Anne Griffin waren solche Entdeckungen.

Gab es Entdeckungen im Krimi-Bereich?

Der Pokal geht ohne Frage an Barbara Neely und ihre vier Bände um die hinreißende Blanche White. Krimis, bei denen man etwas lernen kann.

Welche Bücher haben den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Dazu gehören sicherlich A Different Drummer von William Melvin Kelley.

Aber auch die Autobiografie Benjamin Zephaniahs und Alec Guinness mit seinen Tagebüchern werden mir in Erinnerung bleiben.

Welches Buch willst du unbedingt 2019 lesen und warum?

Das wird grundsätzlich spontan und situativ wendig entschieden.

Gibt es eine Schmökerempfehlung für das nächste verrregnete Wochenende?

Jane Harris hat mit ihrem 2011 erschienenen Roman Gillespie and I, der 1888 in Glasgow und 1933 in London spielt, eine Ich-Erzählerin geschaffen, die einem noch nach der Lektüre beunruhigend im Kopf herumgeistert.

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

6 Kommentare zu „Rückblick auf das Lesejahr 2019 und den Versuch, ein Buch der Nobelpreisträgerin zu lesen“

  1. Liebe Anna,
    hier im Regal steht Olga Tokarczuks „Unrast“, ein Band, an den ich mich noch nicht gewagt habe, obwohl mich das Thema sehr interessiert. Und nun bin ich neugierig, ob die Figuren in „Unrast“ auch so sperrig sind, wie du sie aus dem „Gesang der Fledermäuse“ beschreibst. (Und ja, ich finde diese Hochstände im Wald auch ein bisschen „strange“, genauso das Auftreten der Jäger, wenn ich sie denn mal treffe, und ihre merkwürdig überkommenen Rituale, wenn es denn eine große Treibjagd gab. Dass sich aber die Tiere gegen die Jäger zusammengeschlossen haben und nun Rache nehmen… naja, da kann ich die Reaktion der Polizisten gut verstehen.)
    Jedenfalls wünsche ich dir für dieses Jahr ganz viel Glück dabei, spontan immer das richtige Buch zur richtigen Zeit aus dem Stapel zu ziehen, sodass wir deine Lektüren nachlesen können. Für mich jedenfalls ist das Lesen deiner Beiträge immer eine Bereicherung.
    Einen guten Start wünscht, Claudia

    1. Hallo Claudia,
      da stimme ich dir ganz und gar zu: Man mag sich ganz bestimmt an unserem Umgang mit Tieren (Massentierhaltung etc.) stören, doch als wesentliche Handlungslinie war mir das zu dünn, dazu diese Liebe zur Astrologie… Ich bin also sehr gespannt, was du vielleicht irgendwann zu Unrast zu berichten weißt.
      Danke für deine netten Worte, habe ich doch gerade wieder eine kleine Bloggerkrise, weil ich keine Ahnung habe, wie ich das gerade gelesene Buch „Habe ich denn allein gejubelt“ bloß besprechen soll 🙂
      Auch dir immer ein gutes Buch anbei und liebe Grüße.
      Anna

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