Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt? (1987/2015)

Diese 780 Seiten verlangen dem Leser, der Leserin nicht nur einiges in Bezug auf den Umfang des Buches ab, sondern auch inhaltlich.

Die 1925 in Paderborn geborene Lehrerin, Dozentin und Autorin Eva Sternheim-Peters veröffentlichte bereits 1987 Die Zeit der großen Täuschungen. Mädchenleben im Faschismus. Doch niemand interessierte sich so recht dafür. 2015 erschien im Europa Verlag die um zwei Kapitel erweiterte und überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Habe ich denn allein gejubelt? Eine Jugend im Nationalsozialismus, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit erhielt. Der Anspruch:

Habe ich denn allein gejubelt? ist keine Autobiografie, sondern ein subjektives Geschichtsbuch, in dem zwei Jahrzehnte deutscher Innen- und Außenpolitik mit Erinnerungen, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen eines Kindes, einer Heranwachsenden und ihrer Umwelt belegt, politische und menschliche Verhaltensweisen damaliger Zeitgenossen weder gerechtfertigt noch entschuldigt, sondern nachvollziehbar dargestellt werden. (S. 16)

Die in einem Beamtenhaushalt aufgewachsene Sternheim-Peters umkreist ihre ersten zwanzig Lebensjahre und versucht sich Rechenschaft darüber abzulegen, wie es sein konnte, dass sie und Millionen anderer mit Liebe und kritikloser Hingabe an Volk, Führer, Vaterland und Partei glaubten, ohne dabei je den Eindruck gehabt zu haben, einer Diktatur anzuhängen. Selbst der „Heldentod“ der zwei geliebten Brüder im Krieg,  der dem so friedliebenden Deutschland ja nur aufgezwungen worden sei, brachte das ideologische Kartenhaus zunächst nicht zum Einsturz.

Für diesen Jahrgang [1925] und für wenige benachbarte Jahrgänge waren die zwölf Jahre des ‚Tausendjährigen Reiches‘ besonders lang, da sie erlebnisstarke Kindheits- und Jugendeindrücke prägten, die sich nicht ohne Identitätsverlust von der Person abtrennen und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen lassen. (S. 17)

Und so schreibt hier eine, die weder bereit ist, ihre Jugendjahre als begeisterte und gläubige Jungmädelführerin von sich „abzutrennen“, noch die Augen verschließt vor dem, was sie nun als erwachsene Frau über den Nationalsozialismus, seine grauenhaften Verbrechen und nicht zu zählenden Opfer gelernt und verstanden hat. Sowohl die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit als auch das Sich-noch-rasch-zum-Widerstandskämpfer-Stilisieren vieler ihrer Zeitgenossen nach dem Kriegsende widern sie an.

Sie jedoch will verstehen, wie es dazu kommen konnte.

Ich bin nicht mitgelaufen. Ich bin begeistert mitgestürmt.

Und das Traurige: Auch der Leser/die Leserin kann es nach der Lektüre in großen Teilen nachvollziehen und verstehen. Bedrückend, wie schon die frisch Eingeschulte den Abscheu vor „Juden“ verinnerlicht hat, obwohl eine ihrer Tanten sogar einen jüdischen Mann geheiratet hatte.  Wie lange sich die Illusion der Autorin gehalten hat, dass Deutsche grundanständig seien und charakterlich und kulturell himmelweit über anderen Völkern stünden. Beklommen liest man:

Große, unvergessliche Erlebnisse der Heranwachsenden sind nicht von der Hitlerjugend zu trennen: der Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar, das Straßburger Münster, die Wartburg bei Eisenach, das Goethe-Haus in Weimar, der Schleswiger Dom, der Hamburger Hafen, die Brunnen im Oberelsass und die bunten Fachwerkdörfer des Thüringer Waldes, der Gletscherfirn der bayrischen Alpen und die rot glühend vor den kieferbewachsenen Kreidefelsen der Ostsee im Meer versinkende Sonne. (S. 274)

Damit man in der Stofffülle nicht den Überblick verliert, beginnt jedes Kapitel in der Kindheit und geht von dort chronologisch bis zum Kriegsende oder auch darüber hinaus.

Die Kapitelüberschriften lauten

  1. Zwischen den Kriegen
  2. Volksgemeinschaft
  3. Hitlerjugend
  4. Frauen
  5. Antisemitismus
  6. Eugenik – Euthanasie – Rassismus
  7. Terror und Widerstand
  8. Freunde und Feinde [Sicht auf die anderen Länder]
  9. Front und Heimatfront [Kriegsjahre]

Darüberhinaus ist das Buch natürlich doch auch ein Geschichtsbuch: Man bekommt noch einmal eine nachdrückliche Nachhilfestunde darin, wie geschickt die Nationalsozialisten darin waren, weiten Bevölkerungskreisen genau das zu geben und zu sagen, was diese haben und hören wollten. Und wie unproblematisch sie an bereits bestehende Ressentiments gegenüber Juden und Kommunisten anknüpfen konnten, im streng katholischen Paderborn damit zum Teil weit offene Türen einrannten.

Gebet für den Führer

Herrgott, steh dem Führer bei, daß sein Werk das Deine sei.

Daß Dein Werk das Seine sei, Herrgott, steh dem Führer bei!

Herrgott, steh uns allen bei.

(Hermann Claudius)

E. lernte das ‚Gebet für den Führer‘ als 15-Jährige auf einem Singeleiterlehrgang der Obergauführerinnenschule und auch, dass der Text von Hermann Claudius, dem Urenkel des ‚Wandsbeker Boten‘, stammte. Matthias Claudius galt mit seinem ‚Der Mond ist aufgegangen‘ als ein Vetreter der deutschen Innerlichkeit und des deutschen Gemüts. Dass sein Urenkel sich nun ‚zum Führer bekannte‘, erschien der Heranwachsenden ein weiterer Beweis dafür, dass die deutsche Kultur bei der NS-Regierung in besten Händen war. (S. 217)

Aber auch das ist die Wahrheit: Schon die Achtjährige litt schmerzlich darunter, dass der Führer so durchschnittlich, ja eigentlich dämlich aussah. […] Natürlich vertraute sie niemandem an, dass der Führer eigentlich dämlich aussah. Nicht aus Angst! Sie schämte sich dieses Eindrucks. Liebe und Verehrung durften sich doch nicht an Äußerlichkeiten stören! Es kam schließlich auf den Wert des Menschen an. (S. 218/219)

Das Buch hätte – Umfang hin oder her – einen ausführlichen Anmerkungsapparat verdient; beim Recherchieren, wozu einen dieser Wälzer immer wieder verleitet, bin ich auf einige Ungenauigkeiten gestoßen. So wird beispielsweise versäumt anzumerken, dass der Vers in dem ohnehin ziemlich kriegslüsternen Gedicht „Heilig Vaterland“ (1914) von Alexander Rudolf Schröder ursprünglich lautete: ‚Der Kaiser hat gerufen.‘ Die Umdichtung zu ‚Der Führer hat gerufen‘ stammt nicht von Schröder, sondern von Heinrich Spitta (1936).

Auch nennt die Autorin einen in Paderborn aufgewachsenen Kriegsverbrecher Anton Kleer, der eigenhändig „circa 20.000 Menschen mit einer Phenolspritze“ getötet habe. Doch Hinweise auf einen Anton Kleer habe ich bis jetzt nicht gefunden, aber auf einen Josef Klehr.

Aber dieses Manko fällt angesichts der unglaublichen Materialfülle an zeitgenössischen Zitaten, Zeitungsausschnitten und Schilderungen des ganz „normalen“ Alltags nicht wirklich ins Gewicht. Dazu kommen Liedtexte, Hitler-Gedichte, Bekanntmachungen, Familienereignisse, Anekdoten, Kinofilme, Reflexionen und Analysen (denen man nicht immer zustimmen muss) sowie eine schier unfassliche und überaus anschauliche Erinnerungsarbeit der Autorin. Auffällig auch, dass, wenn man vergnügt und überzeugt wie ein Fisch im Wasser im großen Strom mitschwimmen konnte, man alles Unliebsame – war war mit den Kindern des jüdischen Waisenhauses eigentlich passiert? – einfach ausblenden konnte, ja es überhaupt nicht einmal wahrnahm.

Ausnutzung des jugendlichen Idealismus, spürbare materielle Verbesserungen durch Abnahme der Arbeitslosigkeit, Führergläubigkeit, Opferbegeisterung, schöne Reisen, Fahrten, Gesang und organisierte Freitzeitbeschäftigungen und das künstlich erzeugte Bewusstsein, einer auserwählten Gruppe, einem auserwählten Land anzugehören sowie fehlende Gegeninformationen gingen eine nicht mehr aufzulösende Verbindung ein, bis zum bitteren Ende. Dazu kam die Tatsache, dass eben auch alle relevanten Autoritäten im Hause Peters, die Eltern, die Schulbücher, Lehrer, die Priester, Bischöfe und Schriftsteller dem System seinen Segen gaben.

Das Buch hat mir wesentliche Aspekte dieser Zeit erklärt, nachvollziehbar gemacht, dabei nichts entschuldigt, nichts oder nur wenig beschönigt, auch wenn man an der ein oder anderen Stelle gern mit der Autorin in ein Gespräch eintreten würde. Letztlich ist hier eine Gratwanderung gelungen, die nur durch die radikale Selbstbefragung und Ehrlichkeit der Autorin möglich geworden ist. Diese hat sich im Grunde selbst „entnazifiziert“.

Es hilft wenig…

Es hilft nichts …

Es ist geschehen, im Namen des deutschen Volkes.

Es ist geschehen, im Auftrag des Mannes, den E. verehrt und geliebt hat.

Es ist geschehen, im Namen einer Weltanschauung,

mit der sie sich alle Jahre ihrer Kindheit und Jugend im Einklang fühlte.

Es ist geschehen in ihrem Namen. (S. 279)

Hätte ich dieses Buch vor 30 oder 35 Jahren gelesen, dann wären die Gespräche mit meiner Großmutter, in denen ich sie nach ihrem Erleben der Nazi-Diktatur befragte, vermutlich fruchtbringender gewesen. Dafür ist es jetzt leider zu spät. Doch das Buch Sternheim-Peters bringt in gewisser Weise auch meine Großmutter noch einmal zum Reden. Ich beginne zu ahnen, was sich hinter ihren trotzigen Abwehrreaktionen, ihrem Schweigen, ihrem Sich-Zurückziehen, dem irgendetwas von Autobahnen-Bauen-Stammeln verborgen haben mag. Und ich verstehe, dass ich mit meiner Überheblichkeit und Rechthaberei, die ja oft auch nur dem Nichtbegreifen, der Fassungslosigkeit angesichts des Grauen geschuldet waren, genau jenes Gespräch verunmöglicht habe …

Hier noch ein Artikel, der zeigt, wie sehr dieses Buch von der Öffentlichkeit vernachlässigt und ignoriert wurde. Ich halte es für genauso wichtig wie die Tagebücher Victor Klemperers.

Dieser Artikel beschreibt, dass der Erfolg der Neuauflage zumindest noch zu Lebzeiten der Autorin stattfindet, auch wenn diese sich den Erfolg 30 Jahre früher gewünscht hätte, denn dann hätte sie noch eine große Lesereise unternehmen können.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Thomas Mann, welches Habe ich denn allein gejubelt? vorangestellt ist:

Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, dass der Nationalsozialismus eine enthusiastische, funkensprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren Investierung von Glauben und Begeisterung war.

Tagebucheintrag von Thomas Mann, 17. Juli 1944 (aus: Thomas Mann, Tagebücher 1944-1966, S. Fischer, 2003)

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

9 Kommentare zu „Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt? (1987/2015)“

  1. Ich hatte Verwandte gleichen Alters wie die Autorin. Ich glaube, das ist ein Buch, das ich lesen muss. Unbedingt. Vielen lieben Dank für den Hinweis.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁👍

  2. Liebe Anna, das ist ein großartiger und wichtiger Buchtipp. Ich beschäftige mich ab und an mit dem Thema, z.B. mit dem Schriften von Niklas Frank – weil natürlich die Erfahrungen jener Zeit noch in irgendeiner Weise in uns hineinwirken. Wie du habe ich die Chance verpasst, mit meinen Großeltern „anders“ darüber zu reden – die Gespräche waren eher auf Konfrontation denn auf Begreifenwollen angelegt. Das bedauere ich wie du heute sehr.
    Danke für diese Besprechung!

    1. Hallo Birgit,
      danke für deine Worte. Freut mich sehr, dass dich dieses Buch anspricht. Ein Aspekt, den ich gar nicht mehr erwähnt hatte, natürlich hat dieses Buch auch Bezüge zur Gegenwart, nicht nur, weil die Autorin auch auf unseren Umgang mit der Vergangenheit (nicht nur in Bezug auf die Gespräche, die wir mit der Großelterngeneration eben nicht führen konnten, sondern auch in Bezug auf die gesamtgesellschaftliche Erinnerungskultur) eingeht. Dazu kommt, dass ich mich – jetzt noch stärker als ohnehin – frage, wieso in Deutschland der Protest gegen Neunazis nicht noch viel lauter und entschiedener ausfällt. Wieso wir die Rechten nicht endlich ernst nehmen, in dem was sie sagen, tun und androhen.
      Und vielen Dank, dass du sogar auf deinem Blog auf meinen Beitrag aufmerksam gemacht hast. Das war eine große Freude.
      LG Anna

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s