Walter Kappacher: Rosina (1978/2010)

Viel zu lange stand dieses Buch, das ursprünglich 1978 erschien, für die Ausgabe 2010 im Deuticke Verlag überarbeitet wurde und für das Armin Ayren das lesenswerte Nachwort geschrieben hat, unbeachtet in meinem Regal. Die Erzählung mit ihren 128 Seiten hat mich so angesprochen, dass ich sie gleich zweimal gelesen habe. Und erst beim zweiten Lesen ließen sich die Feinheiten der Charakterzeichnung besser wahrnehmen und die Chronologie der Handlung trotz der zahlreichen Zeitsprünge nachvollziehen.

Die junge und hübsche Rosina aus der österreichischen Provinz träumt vom Leben in der großen Stadt. Die Lehre hat sie noch im heimischen Kaufhaus Perner abgeschlossen, dessen Chef sie gern mal „in den Po gezwickt“ hat. Dagegen aufzubegehren war damals noch außerhalb jeglicher Vorstellungskraft. Doch sie bewirbt sich in Salzburg und ergattert tatsächlich einen Platz in einem kleinen Reiseunternehmen. Dort ist es allerdings trostlos, ganz anders als erhofft, die ältere Mitarbeiterin ist wohl auch über den hübschen Neuzugang nicht begeistert, so dass sie sich kurze Zeit später auf die Stelle einer Bürokraft im Autohaus Fellner bewirbt.

Sie bekommt die Stelle und so beginnt mit Anfang zwanzig ihre Karriere, bei der ihr nicht allein ihr Arbeitseinsatz zugute kommt – meist ist sie die letzte, die die Firma abends verlässt -, sondern auch ihr Aussehen, ihre Naivität und Unerfahrenheit. Fellner, ihr Chef und mindestens 20 Jahre älter als die junge Frau, protegiert sie, hievt sie irgendwann gar auf den lukrativen Posten der Chefsekretärin und mietet ihr schließlich ein Apartement, stellt ihr einen Wagen zur Verfügung und besucht sie einmal die Woche nach seinem Tennisabend. Die Kollegen nennen sie schließlich halb ironisch, halb respektvoll „die Chefin“.

Die große Liebe ist das nicht, obwohl Rosina eine Zeitlang tatsächlich glaubt, dass Fellner sich ihretwegen scheiden lassen würde.

Doch Rosina ist der zunehmenden Arbeitsbelastung im Büro auf Dauer nicht gewachsen. Sie arbeitet die Pausen durch, raucht wie ein Schlot, benötigt Schlaftabletten und zwischendurch immer mal einen entspannenden Schluck aus der Whiskyflasche, versteckt in ihrer Handtasche oder hinter den Aktenordnern.

Schließlich verursacht sie in angetrunkenem Zustand einen Autounfall, nach dem sie einige Monate arbeitsunfähig ist. Niemand aus der Firma besucht sie im Krankenhaus, nur der Bürobote bringt einmal Blumen im Auftrag einiger Kollegen vorbei. Ihr ist klar, dass sie, wenn sie wieder gesund ist, nicht zurück zu Fellner gehen wird.

Erzählt wird das, mit vielen Rückblenden und Zeitsprüngen, als Rosina Anfang dreißig ist und langsam, zumindest äußerlich, wieder Boden unter den Füßen und eine neue Arbeitsstelle gefunden hat, wo sie nun niemand mehr Chefin nennen wird.

Klingt das deprimierend? Nach der Lektüre spürte ich stattdessen eher eine stille Wut. Dieses schmale Werk rechnet ab mit einer Art der Arbeitswelt, in der der Mensch rein auf seine Nützlichkeit – wie eine Maschine – hin beurteilt und benutzt wird. Jeder ist ersetzbar und steht in Konkurrenz zu den KollegInnen. Also versucht Rosina, sich unersetzlich zu machen, bis zur völligen körperlichen und seelischen Überlastung.

Darüber hinaus wird nicht nur der Egoismus des Chefs, der die junge Frau ausnutzt, sondern auch der Wahn mancher Männer vorgeführt, die glauben, jede Frau dürfe berührt, betatscht und angegrabscht werden. Ein Nein wird überhört oder sorgt für Unverständnis und Aggression. Zugehört und sich für sie interessiert hat sich kaum einer der Männer, denen sie begegnet ist.

Das Spannende dabei: Rosina wird dabei keineswegs nur als Opfer der Umstände geschildert. Sie verfolgt zielstrebig ihren Plan, in der großen Stadt zu leben, obwohl sie aufgrund ihrer Sozialisation – die in einem Hotel arbeitende Mutter war allein erziehend und ihren Vater hat Rosina nie kennengelernt – nur sehr ungenaue Vorstellungen davon hat, wie das wohl sein wird. Sie weiß nur oder lässt es sich einreden, dass sie nicht als Ehefrau und berufstätige Mutter im Heimatort enden möchte.

War das ihr Leben? Hatte sie es alles gewollt, wie es verlaufen war? Hätte sie ein anderes Leben haben können? (S. 7/8)

Ihre jugendlichen Vorstellungen von einem idealen Partner, die fast zwangsläufig in Enttäuschung enden müssen, klingen eher nach Hollywood. Gleichzeitig ist sie auch ein kleiner Snob, wenn sie über einen gleichaltrigen Verehrer denkt „Wer war er denn schon?“ (S. 12) oder wenn sie sich schämt, als ihre einfach gekleidete Tante vom Land ihr Äpfel ins Fellnersche Büro bringt.

Als sie bemerkt, wie Fellner sie bevorzugt, scheut sie sich nicht, ihm von ihrem Wunsch nach einem eigenen Auto zu erzählen. Sie kann auch tough sein, so als sie beispielsweise ihren Führerschein macht, obwohl sie wenig Zeit hat.

Und nachdem der Leser/die Leserin weiß, wie sehr Rosina ihre Gesundheit in den letzten Jahren bei Fellner ruiniert hat, rührt es, wenn es nun heißt, dass sie nach Feierabend noch rasch ein paar Äpfel einkauft.

Sie, die vaterlos aufgewachsen ist, versteht jetzt, warum Männer wie Fellner für sie so anziehend sind.

Ist es die Selbstsicherheit, sind es die Umgangsformen, was zeichnete Leute wie Fellner aus, dass man sofort Zutrauen zu ihnen fasste? […] und jedes Mal hatte sie die Macht gespürt, die von diesen Leuten ausging, ein seltsames Gefühl der Geborgenheit auch, als könne ihr jetzt und hier im Dunstkreis dieses Menschen keiner etwas anhaben. (S. 42/43)

Dass dabei ihre Mädchenträume auf der Strecke geblieben sind und sie immer noch keinen wirklichen Gesprächspartner hat, ist wohl der Preis, den sie für ihr Aufwachen zahlen muss.

Die farbige Abbildung des Spiralnebels aus der Illustrierten fiel ihr ein. Sie hatte das doppelseitige Bild ausgeschnitten: Die Erde am Horizont des Mondes aufgehend, eine blaue, stellenweise etwas verschleierte Halbkugel. Sie wollte die Blätter – wenn sie einmal Zeit hätte – auf einen Karton aufziehen und irgendwohin hängen, sie ab und zu anschauen. Beim ersten Aufblättern der Gedanke: Wie unwichtig sind deine Probleme. Und nicht nur deine. Für einen Augenblick eine unerhörte Distanz, eine Befreiung. Und niemand im Raum, um mit ihm darüber zu reden. (S. 6)

Mir gefiel diese spröde, zurückhaltende und assoziative, dabei gleichzeitig präzise Art des Erzählens sehr, die alle Gefahren, ins Kitschige, Vorhersehbare oder Plakative abzurutschen, umgeht.

Keine Frage, das war für mich nicht das letzte Buch von Walter Kappacher (*1948 in Salzburg).

Gab es für sie überhaupt Grund, sich auf etwas zu freuen? Aufs abendliche Fernsehprogramm, wenn ein Spielfilm angezeigt war, der ihr vor Jahren einmal im Kino gut gefallen hatte? […] Manchmal, für Augenblicke, erwachte sie aus ihrer Isolation, in der sie sich eingerichtet hatte, und erschrak darüber, dass sie sich ganz wohl fühlte; nicht wohl, aber es war gut auszuhalten; es hätte schlimmer sein können. Wer war schon glücklich? Man brauchte nur die Gesichter der Leute anzuschauen. (S. 37)

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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