Katja Oskamp: Marzahn Mon Amour – Geschichten einer Fußpflegerin (2019)

Den ZEIT-LeserInnen dürften Katja Oskamps wunderbare Texte, die sie über ihre Kundschaft in einem Berliner Fußpflegesalon schreibt, bereits bekannt sein. Die waren ein wenig an mir vorbeigegangen, doch das Buch dazu lag zufällig bei Freunden auf dem Küchentisch. Zum Glück.

Die Autorin (*1970 in Leipzig) beschließt mit 45 Jahren, als der Partner erkrankt, die Tochter aus dem Haus und die Schriftstellerinnenkarriere gerade etwas unbefriedigend dahindümpelt, noch mal etwas ganz Neues zu beginnen. Auf den Rat einer Freundin belegt sie einen achtwöchigen Kurs für Fußpflege.

Zu Hause lernte ich die Namen der achtundzwanzig Fußknochen auswendig, den Aufbau des Nagels, die Fußdeformitäten und wie eine Thrombose entsteht. Ich prägte mir die Materialien für Fräserknöpfe ein, die Wirkungen pflanzlicher Stoffe, die Hautkrebsarten, den Unterschied zwischen Viren, Bakterien und Pilzsporen. Die Besonderheiten des diabetischen Fußes und die Definition von Fissuren, Rhagaden und Krampfadern. Mein Mann fragte mich ab, wenn wir abends im Bett lagen, begraben unter Zetteln voller Mitschriften und Fußskizzen. (S. 11)

Seitdem arbeitet sie zweimal die Woche in einem Marzahner Salon, hört ihren KundInnen zu, lacht und schäkert mit ihnen und erfährt so im Laufe der Zeit viel über deren Leben. Und all den Witz, die Stille, Einsamkeit und Liebe, die Erinnerungen, das Unsentimentale der meist älteren und oft gebrechlichen Menschen, die da zu ihr, der Kollegin und der Chefin kommen, wird von Oskamp in berührenden, komischen, peppigen, erschreckenden und sehr anschaulichen Kurzporträts verdichtet. Mal schnoddrigaufdenpunkt, mal poetisch und ruhig.

Der Parkfriedhof Marzahn abends um acht, fern des Lärms der Stadt. Am Ende eines heißen, staubigen Tages singen die Vögel ihr Abendlied. Die Sonne steht schräg, letzte Strahlen streichen wie Flügel über einzelne Namen auf Steinen. Geharkte Wege. Gegossene Gräber. Brennende Kerzen. Lärchen, Eichen, Kiefern. Ich streife durch Farne, über Wiesen im Schatten. Kühle, Ruhe und Platz. Eine Birke. Eine Bank. Es ist schön, den Tag auf einem menschenleeren Friedhof zu beenden. (S. 136)

Unglaublich gern gelesen. So mit großzügiger Menschenfreundlichkeit betrachtet, quasi von den Füßen her, wird jedes Leben gewürdigt, wahrgenommen. Und die Tätigkeit der Fußpflegerin ist für mich ab sofort gesellschaftlich bedeutsam, was sich nicht nur in Anerkennung, sondern auch in entsprechender Vergütung niederzuschlagen hätte.

Zwei Fragen, deren Widersprüchlichkeit mir bewusst ist, bleiben:

Ist es eigentlich in Ordnung, so aus den Geschichten, die einem ja im Vertrauen und der Abgeschlossenheit eines Behandlungszimmers erzählt werden, ein Buch zu machen?

Wann erscheint die Fortsetzung? Ich möchte weiterlesen.

Ach, und gegen die Midlifecrisis der Autorin hat die Arbeit als Fußpflegerin übrigens auch geholfen.

Du bist fast fünfzig und hast begriffen, dass du Dinge, die du tun willst, jetzt tun solltest, nicht später. Alte Ratgeber-Binse, stimmt aber wirklich. Du bist fast fünfzig und noch unsichtbarer geworden, die beste Voraussetzung, diese Dinge zu tun, seien sie schrecklich, wundervoll oder abseitig. (S. 137)

Hier noch ein Interview mit Oskamp aus der Berliner Morgenpost und hier eins auf der Seite des Deutschlandfunk.

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

11 Kommentare zu „Katja Oskamp: Marzahn Mon Amour – Geschichten einer Fußpflegerin (2019)“

  1. Ach, schön, gerade habe ich mir das Buch ganz oben auf meinen Lesestapel gelegt. Deine Rezi macht mir noch mehr Lust anzufangen. Auf deine erste Frage würde ich antworten: Es kommt ganz darauf an, wie solche Geschichten erzählt werden. Anonymisiert natürlich, gern auch etwas verfremdet, aber dazu und vor allem wertschätzend, ohne den anderen vorzuführen… dann ist das für mich grundsätzlich in Ordnung.

    1. Hallo Maren,
      dann viel Freude an und mit diesem Buch. Zu der Frage, ob es in Ordnung ist, so private Dinge über seine KundInnen zu schreiben:
      All die von dir genannten Kriterien treffen vermutlich auf dieses Buch zu. Dennoch: Würden wir es wollen, dass so später über uns oder über unsere Eltern geschrieben wird? Wäre es mir egal oder hätte ich Einwände?
      So auf die Schnelle habe ich nichts dazu gefunden. Möglicherweise hat sich ja auch Oskamp irgendwo dazu geäußert.
      LG Anna

    1. Dann gebe ich zu bedenken, dass die Anmerkungen zur Midlifecrisis nur einen dezenten Rahmen im Buch bilden, viel schreibt die Autorin nicht dazu. Die als sinnvoll erlebte Arbeit trägt sicherlich viel dazu bei, die Krise zu überwinden. Fußpflegerin wäre jetzt auch nicht unbedingt meine erste Wahl 🙂 man benötigt schon ziemlich viel Geduld und muss bestimmt auch mal den ein oder anderen Ekelmoment aushalten.
      Aber ich mochte auch die Geschichten selbst, in denen man kurz, aber gehaltvoll in ein anderes Leben blickt. LG

  2. Liebe Anna,
    was für eine tolle Rezension! Da lässt sich ein Einkauf ja kaum mehr verhindern…
    Das erste Zitat, das du uns zu lesen gibst, ist schon ganz prima. Und hat mir dann doch sehr zu denken (und so wie es formuliert ist: zu schmunzeln) gegeben. Dass nämlich die Arbeit der Fußpfleger eine wichtige und verantwortungsvolle ist, eine medizinische sogar. Ja: gesellschaftlich wichtig – wie du schreibst. Und unbedingt entsprechend zu bezahlen.
    Zur Nacherzählung der Geschichten (ist ja wie beim Friseur) schließe ich mich Marens Meinung an: Wenn die Geschichten anonymisiert sind, vielleicht ein bisschen verfremdet, ist es in Ordnung.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Hallo Claudia,
      entschuldige, dass ich erst jetzt antworte. Dein Kommentar macht mir Spaß. Und falls es bei dir tatsächlich zu einem Kauf dieses Buches kommt/gekommen ist, wünsche ich dir ebenfalls Freude damit. Es ermöglicht schon einen Einblick in gesellschaftliche (Rand-)Gruppen, sodass eines deiner großen literarischen Interessengebiete da sicherlich mit hineinspielt. Und das Buch kann durch seine Geschichtenstruktur auch immer mal zwischendurch zur Hand genommen werden, was für uns ja auch ganz nützlich sein kann.
      Mit der Nacherzählung dessen, was einem da so im Behandlungszimmer erzählt wird, bin ich mir immer noch nicht so recht schlüssig. Würde es mich stören, solcherlei Geschichten über mir nahestehende Personen zu lesen?
      Also, liebe Grüße
      Anna

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