Natsume Sōseki: The Gate (OA 1910)

Nun habe ich bestimmt eine halbe Stunde lang das Internet nach einer deutschen Übersetzung dieses erstmals 1910 erschienenen japanischen Klassikers von Natsume Sōseki durchsucht. Unglaublich, gibt es nicht! Ins Englische wurde der Roman von William F. Sibley übersetzt. Die Ausgabe der New York Times Classics enthält außerdem ein hilfreiches Vorwort von Pico Iyer.

Nicht immer finde ich einen Zugang zu japanischer Literatur. Doch hier baute mir der Autor, der nur 49 Jahre alt wurde (1867 – 1916), Brücken, über die ich zwischen der mir fremden Welt der Romanfiguren und meiner eigenen Erfahrungswelt hin und her gehen bzw. lesen konnte. Schon in den ersten Zeilen zeigt sich der ruhige Blick auf die Details, den Verlauf der Jahreszeiten, die kleinen Momente des Alltags.

Sōsuke had been relaxing for some time on the veranda, legs comfortably crossed on a cushion he had sat down in a warm, sunny spot. After a while, however, he let drop the magazine he had been holding and lay down on his side. It was a truly fine autumn day, the sun bright, the air crisp, and the clatter of wooden clogs passing through the quiet neighbourhood echoed in his ears with a heightened clarity.

Ein junges Ehepaar lebt in bescheidenen, finanziell immer etwas angespannten Verhältnissen am Stadtrand von Tokio. Von dort fährt Sōsuke täglich zu seinem Arbeitsplatz in einem nicht näher bezeichneten Regierungsbüro. Seine Frau Oyone hält derweil zusammen mit einem Dienstmädchen die Wohnung in Ordnung, bereitet die Mahlzeiten zu und nimmt ihm bei seiner Rückkehr seine Jacke ab. Sie unterhalten sich, z. B. darüber, dass Sōsukes Schuhe vermutlich keinen weiteren Regenguss überstehen werden.

Unruhe in diesen ritualisierten, gänzlich unaufregenden Tagesablauf bringt die unerwartete Ankunft von Sōsukes 10 Jahre jüngerem Bruder, der – die Eltern der Brüder sind längst verstorben – von der Tante überraschenderweise nicht länger finanziell unterstützt wird, was seine Aussicht, die Universität zu besuchen, in Frage stellt. So nehmen Oyone und ihr Mann den jungen Mann auf, obwohl das nicht nur räumlich und finanziell, sondern auch seelisch eine große Belastung für sie bedeutet.

Spätestens jetzt wird deutlich, dass Sōsuke ein Zauderer ist; klare Worte, Klärungen und Entscheidungen überhaupt sind seine Sache nicht. So wie er andere nicht belästigt, so möchte er in Ruhe gelassen werden. An dieser Eigenschaft dürfte es auch liegen, dass er es damals, beim Tod des durchaus vermögenden Vaters, nicht geschafft hat, sich selbst um das Erbe zu kümmen, mit dem Ergebnis, dass Onkel und Tante sich das Meiste davon in die eigenen Taschen gewirtschaftet haben.

Wir erfahren nun, wie Sōsuke und Oyone in den folgenden Wochen und Monaten mit den Veränderungen umgehen. In Rückblenden, die sich ausbreiten wie Kreise um ins Wasser geworfene Steine, erfahren wir, dass ihre so mühsam erkämpfte Ruhe und ihr unglaublich isoliertes Leben auf Geschehnisse in der Vergangenheit zurückzuführen sind. Auch Sōsuke war einmal Student, doch sein Verhalten machte einen Verbleib an der Universität unmöglich. Es bleibt offen, ob das Paar von nun an von der Gesellschaft und den beiden Familien radikal geschnitten wurde oder ob sich die beiden quasi freiwillig in die gesellschaftliche Isolation begeben haben.

Inzwischen leben die beiden in der Großstadt nur für sich, keineswegs unzufrieden. Miteinander glücklich. Auch wenn der Schmerz über ihre Kinderlosigkeit, die Vergangenheit und die Scham unter der nahezu unbewegten Oberfläche gegenwärtig sind.

Sōsuke and Oyone were without question a loving couple. In the six long years they had been together they had not spent so much as half a day feeling strained by the other’s presence, and they had never once engaged in a truly acrimonious quarrel. They went to the draper to buy cloth for their kimonos and to the rice dealer for their rice, but they had very few expectations of the wider world beyond that. Indeed, apart from provisioning their household with everyday necessities, they did little else that acknowledged the existence of society at large. The only absolute need to be fulfilled for each of them was the need for each other; this was not only a necessary but also a sufficient condition for life. They dwelled in the city as though living deep in the mountains. (S. 132)

Als sich für Sōsuke die Verhältnisse so zuspitzen, dass er sich gar keinen Ausweg mehr weiß, erzählt er seiner Frau nicht, welche Nachrichten ihres Vermieters ihn so tief beunruhigen, stattdessen nimmt er sich, der nie auch nur einen Tag an der Arbeit gefehlt hat, 10 Tage frei, um zum ersten Mal in seinem Leben zu meditieren. Doch auch der Aufenthalt im Kloster, der eher wie eine Flucht vor sehr konkreten Fragen wirkt, bringt ihm nicht die erhoffte Klarheit und Seelenruhe.

Ein wahrlich entschleunigendes Buch, unglaublich reizvoll, keineswegs langweilig, selbst wenn meine Anmerkungen zum Inhalt diesen Eindruck erwecken könnten. Melancholisch, leise, manchmal resignativ, zurückgenommen, doch nicht ohne Humor.

Watching the people all around him intent on making the short winter days even busier with their frantic activity, as if driven by the ebbing year to fill every moment, Sōsuke felt all the more weighed down by this nameless dread of things to come. It even popped into his head that, were it possible, he would choose to linger amid the shadows of the nearly spent year. His turn at a chair [at the hairdresser’s] having come at last, he caught sight of his reflection in the cold mirror, whereupon he asked himself: Who is this person staring out at me? […] When Sōsuke emerged onto the street, his head fragantly anointed and his ears ringing with the barber’s hearty farewell, he felt utterly refreshed. Feeling the cold air against his skin, he had to admit that, as Oyone had claimed, a haircut can go a long way towards improving one’s mood. (S. 118)

Am Ende hat man die beiden ins LeserInnenherz geschlossen, Einblick in eine andere Zeit und in eine Kultur im Umbruch gewonnen und überdies eine zart-diskrete Liebesgeschichte gelesen.

Even when in distress, Oyone generally did not neglect to smile for Sōsuke. (S. 111)

In der NZZ gibt es einen Beitrag zum Autor.

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

3 Kommentare zu „Natsume Sōseki: The Gate (OA 1910)“

    1. Gute Frage, da das Buch schon eine Zeit lang im Regal stand, weiß ich nicht mehr genau, wie ich auf den Titel aufmerksam wurde. Ich vermute, dass es auf einem englischsprachigen Blog vorgestellt wurde. Und ich mag ruhige Bücher.
      LG Anna

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