Frank Günther: Unser Shakespeare (2014)

Über dieses alte Buch [Shakespeares Werkausgabe] werden derzeit an jedem Tag, den der Herr Licht werden lässt, weltweit ca. 15 wissenschaftliche Studien veröffentlicht – und 1 Buch. Täglich. Ergibt im Jahr 365 x 15 = 5475 wissenschaftliche Studien und 364 Bücher. (S. 7)

Und nun hat auch noch Frank Günther, der 1947 geborene Shakespeare-Übersetzer, dieser ohnehin nicht zu bewältigenden Menge ein weiteres Buch hinzugefügt. Musste das sein?

Und ob! Das Buch ist überbordend informativ, spöttisch, belesen, meinungsstark und verständlich; es macht Spaß und gleichzeitig Lust, sich die Werke des englischen Nationalheiligen mal wieder aus dem Regal zu holen.

Es macht u. a. den Reiz dieses Buches aus, dass Günther zunächst einmal davon ausgeht, dass uns diese Werke eben nicht automatisch zugänglich sind, da 400 Jahre zwischen uns und diesem erfolgreichen Unterhaltungsschriftsteller liegen und demzufolge einige Hinweise hilfreich sein könnten, die als Brücke zwischen uns und Shakespeares Werken fungieren. Oder anders ausgedrückt: Wir sollten „ihre widerständige historische Fremdheit nicht übersehen.“ (S. 16)

So zeichnet Günther als erstes nach, wie Shakespeare überhaupt nach Deutschland gekommen ist; dass er nämlich von Lessing als großes Vorbild für deutsche Dramen in Stellung gebracht wurde, so ganz im Widerspruch zu Gottsched und dessen pedantischer Nacheiferung französischer Dramen.

Dreißig Jahre lang beherrschte Literaturpapst Gottsched die deutsche Szene. Ein anderer, 30 Jahre jüngerer deutscher Aufklärer fand’s dann gräßlich… (S. 23)

Es folgen Exkurse zu den unterschiedlichen Übersetzungen, die oft genug den Interessen der Übersetzer untergeordnet wurden, indem beispielsweise derbe oder nicht jugendfreie Stellen schlicht übergangen wurden, oder zu der dann zügig einsetzenden Vergöttlichung, die Shakespeare in deutschen Landen erfuhr. Goethe stammelte, als sei ihm ein religiöses Erweckungserlebnis zuteil geworden:

Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein Blindgeborner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt. (Zitat, S. 33)

Shakespeare wird von den Stürmern und Drängern vereinnahmt, als Vorbild gepriesen. Götz von Berlichingen und Schillers Räuber entstehen. Und ehe man sich versieht, versteigt sich August Wilhelm Schlegel – einer der entscheidenden Übersetzer – in einem Brief an Ludwig Tieck zu der Bemerkung:

Ich hoffe, Sie werden in Ihrer Schrift unter anderm beweisen, Shakespeare sey kein Engländer gewesen. Wie kam er nur unter die frostigen, stupiden Seeln auf dieser brutalen Insel? (Zitat, S. 49)

Günther geht aber auch den politischen Vereinahmungen des Dichters nach, bis hin zu der betrüblichen Tatsache, dass auch Adolf Hitler ein großer Shakespeare-Anhänger gewesen sei.

Es ist immer wieder verblüffend zu entdecken, dass man die Liebe zu Shakespeare auch mit den widerwärtigsten Menschen der Welt teilt. (S. 55)

In weiteren Kapiteln untersucht Günther die Sprache und das Menschenbild der damaligen Zeit oder was z. B. Hamlet zu so einer herausragenden und bahnbrechenden Figur am Beginn der Moderne macht.

Ein Individuum, das sich seiner selbst bewusst wird, wir schauen dabei zu – man denke auch an die Theaterszenen im Hamlet -, wie sich dieses Individuum nach außen anders gibt, verstellt, als es innen empfindet. Und da sind wir plötzlich mitten im Selfie-Wahn unserer Tage, in dem die Außenwahrnehmung des einzelnen die Innenwahrnehmung beeinflusst, vielleicht gar mit ihr verwechselt wird…

Natürlich erfahren wir auch eine Menge über die elisabethanische Gesellschaft, die Wertvorstellungen und das gesellschaftlich Anrüchige der Theater, ihre (räumliche) Nähe zu Tierkampf und Bordellen, ihre Beliebtheit bei Adel und unteren Bevölkerungsschichten. Theater – übrigens wurden alle Frauenrollen grundsätzlich von Knaben gespielt -,  das war nichts Edles, im Gegenteil, Hunderte von Menschen, dichtgedrängt, keine Toiletten, gönnten sich ein günstiges Nachmittagsvergnügen, anstatt ordentlicher Arbeit nachzugehen.

Für Verfechter des gewaltfreien Bildschirms ist Shakespeares Trivialliteratur nicht das Richtige. So waren die Theater auch keine Feierstätten für ein bildungsbürgerliches Publikum. Sie wurden im Gegenteil vom protestantisch-puritanischen Bürgertum, das den Londoner Magistrat stellte, nach besten Kräften verfolgt – als Stätten des gottlosen Müßiggangs, als Brutstätten der Unzucht und als Herde des Aufruhrs und der Anarchie… (S. 120)

So kann Günther die erfolgreichen Theater der damaligen Zeit mit den Musical-Produzenten von heute vergleichen. Es ging ums Geschäft.

Interessant auch die Kapitel zu Shakespeares Schulbildung, den sehr unterschiedlich gewichtenden Shakespeare-Biografien oder zu dem Stück Othello. Ist das nun rassistisch oder eher nicht und was ist eigentlich mit dem Untertitel „Moor von Venedig“ und der Frage, ob ausschließlich PoC (people of colour) diese Rolle spielen dürfen?

Den anscheinend unausrottbaren Fragen, ob Shakespeare schwul war (Sonette), ob Shakespeare gebildet genug war und ob die Stücke deshalb wirklich von ihm geschrieben wurden, werden weitere, sehr unterhaltsame und immer lehrreiche Kapitel gewidmet.

Manche dieser Leute weihen dem Thema ihr ganzes Leben. Und das alles, obwohl es kein einziges Fitzelchen, kein klitzekleines Zettelchen eines auch nur andeutenden historischen Hinweises auf eine andere Verfasserschaft gibt. Es ist eine rein aus Luft konstruierte Wahnwelt. Aber mit Methode, geradezu hamletisch: Hinter dem Schein der Weltoberfläche liegt eine tief verborgene andere Wahrheit. Es ist faszinierend: Was treibt diese Leute an? Warum machen die so was? Könnte es ein bislang unbekanntes Virus sein? (S. 291)

Also, wer seine Bekanntschaft mit Shakespeare vertiefen will, hat mit Frank Günther einen kompetenten und erfrischend unstaubigen Reiseführer an der Hand.

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

5 Kommentare zu „Frank Günther: Unser Shakespeare (2014)“

  1. Hört sich toll an, liebe Anna, obwohl ich mir immer wieder vornehme, mehr ursprüngliche Werke von Shakespeare zu lesen, als Werke über ihn. Wenn ich das schon immer so gehalten hätte, wäre ich vielleicht mit allen Bänden durch. Da ich es nicht getan habe, bleibt es leider nur bei guten Vorsätzen.

    1. Ja, die Gefahr besteht, dass man vor lauter Sekundärliteratur die Werke, um die es ja eigentlich geht, etwas aus dem Blick verliert. Aber da das Englisch Shakespeares und seine Welt doch nicht mehr immer unmittelbar zugänglich sind, finde ich es schön, so ein Geländer, z. B. in Form eines solches Buches, zu haben. Aber du hast natürlich recht, wenn man dann nicht wieder zu Shakespeare selbst greift, nützt auch das schönste Geländer nichts. LG Anna

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