Jürgen Goldstein: Die Entdeckung der Natur (2013)

Dieser Band von Jürgen Goldstein aus der Reihe der Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky, setzt es sich zum Ziel, „Etappen einer Erfahrungsgeschichte“ nachzuzeichnen, also der Frage nachzugehen, wie Menschen im Laufe der europäischen Geschichte Natur betrachtet haben.

Dazu widmet Goldstein (*1962), Professor der Philosophie, den folgenden Männern und leider nur einer Frau jeweils ein Kapitel, in dem er anhand von Briefausschnitten und biografischen Aufzeichnungen entscheidende Momente ihres Lebens nachzeichnet. Schon das arg unübersichtliche Inhaltsverzeichnis, von dem ich hier nur die Untertitel zitiere, klingt verheißungsvoll und weckt lesende Entdeckerlust:

  • Francesco Petrarca besteigt 1336 den Mont Ventoux
  • Christoph Kolumbus erreicht 1492 Amerika
  • Maria Sibylla Merian erreicht 1699 Surinam
  • Georg Forster erreicht 1773 Tahiti
  • Johann Wolfgang von Goethe besteigt 1777 den Brocken
  • Georg Christoph Lichtenberg erreicht 1778 Helgoland
  • Alexander von Humboldt besteigt 1802 fast den Chimborazo
  • François-René de Chateaubriand besteigt 1804 den Vesuv
  • Charles Darwin erreicht 1835 den Galapagos-Archipel
  • Edward Whymper besteigt 1865 das Matterhorn
  • Jean-Henri Fabre besteigt 1865 den Mont Ventoux
  • Wilhelm Weike erreicht 1883 Baffin-Land
  • Fridtjof Nansen erreicht 1895 den 86. Breitengrad der Arktis
  • Claude-Lévi-Strauss erreicht 1938 Amazonien
  • Peter Handke besteigt 1979 die Sainte-Victoire
  • Reinhold Messner besteigt 1980 den Mount Everest
  • Auf der Suche nach der verlorenen Wildnis

Goldsteins unternimmt in seinem Werk den Versuch, die Entwicklung der europäischen Naturerfahrung nachzuzeichnen.

Die Entdeckung der Natur als eine seit dem 14. Jahrhundert einsetzende Erfahrungsgeschichte scheint an ihr Ende gekommen zu sein. […] Dieses Buch handelt von der einsetzenden Entdeckung, der allmählichen Entfaltung und dem drohenden Verlust der Erfahrbarkeit der Natur. (S. 23)

Mein Fazit: Manchmal ist es schön, nicht alles zu wissen, denn umso mehr Spaß macht es, mit so solide und umfangreich recherchierten Büchern wie diesem den Bildungslücken ein klein wenig abzuhelfen.  Goldsteins Entscheidung, die Protagonisten ausführlich selbst durch ihre Reiseaufzeichnungen, Tagebücher und Briefe zu Wort kommen zu lassen, lässt die LeserInnen unmittelbar an Schönheit, Gefahr, Verzweiflung, Todesnähe und überbordender Entdeckerfreude der Akteure teilhaben und sorgt für einen angenehmen Kontrast zur manchmal abstrakt-akademischen Sprache des Professors.

Der Zuwachs an Welterfahrung bei den Reisenden, die von ihren Eindrücken berichten, enthält immer auch eine Erlebnisrendite, die den Daheimgebliebenen zufällt. Das mag ein dürftiger Ersatz sein, wenn man nie in einem tropischen Regenwald gestanden, keinen Vulkan der Anden aus der Nähe gesehen und die Eislandschaften der Pole nicht aus eigener Anschauung kennengelernt hat. Aber wem auch immer diese Erfahrungen fehlen, er wäre ärmer ohne die Lektüre der Berichte über das, was er selbst nicht gesehen hat und nie sehen wird. (S. 272)

Manchmal schien mir die Fragestellung, von der er ausging, etwas aus dem Blick zu geraten, das aber war zu verschmerzen. Manches bleibt offen: War Augustinus, den Goldstein dafür verantwortlich macht, dass die Naturbetrachtung der lohnenderen und spannenderen Seelenbetrachtung untergeordnet worden sei, tatsächlich für die nächsten 1000 Jahre so tonangebend, dass Naturbetrachtung als solche eher gering geschätzt wurde? Was ist mit der Denkrichtung, in der Natur Gottes Wirken wahrzunehmen?

Auf die Kapitel zu Handke und Chris McCandless, der voller Naivität in Alaska in den Tod getrampt ist, hätte ich persönlich verzichten können. Gefreut hätte ich mich stattdessen über Kapitel zu Thoreau und Chatwin, die nur kurz erwähnt werden, außerdem fehlt Edward Abbey und das komplette Genre des sogenannten Nature Writing und statt McCandless wäre mir Everett Ruess lohnender erschienen, zumal der Tagebücher und Hunderte von Briefen hinterlassen hat, aus denen man ebenfalls trefflich hätte zitieren können.

Goldstein sagt ja selbst:

Für die vorgelegte Entdeckung der Natur kann und soll Vollständigkeit kein Ziel sein. Die Beschränkung auf exemplarische Naturerfahrungen erfolgt anhand des Leitfadens der Bergbesteigungen und Seefahrten. [Und wie hat sich dann McCandless in das Buch verirrt?] Von vielem ist daher nicht die Rede: Nicht von der Durchquerung des nordamerikanischen Kontinents durch Meriwether Lewis und William Clark 1804 bis 1806 […], nicht von David Livingstones Entdeckung der Victoria-Wasserfälle im Jahre 1855 bei seiner Durchquerung des afrikanischen Kontinents; nicht von Ludwig Leichhardts Vordringen in das Innere Australiens im Jahre 1848… (S. 23)

Ein Aspekt, der deshalb ebenfalls außen vor bleibt, ist die Eroberung des amerikanischen Kontinents. Dabei wären die theologischen Rechtfertigungen, die man in dem Prozess, sich das Land „untertan“ zu machen, anführte, im Lichte der Fragestellung, wie dort Natur gesehen und interpretiert wurde, sicherlich interessant.

Und wenn man den Bogen bis in die Gegenwart spannen möchte, könnte man noch auf den Selfie-Wahn unserer Tage verweisen, wo der Mensch nun wirklich nur noch sich selbst sieht. Sind doch 259 Menschen zwischen Oktober 2011 und November 2017 beim Erstellen von Selfies tödlich verunglückt (Quelle: Statista). Und nicht nur in Kalifornien zerstören Instagrammer genau das, was sie vorgeblich so mögen.

Zurück zu Goldsteins Werk: Was kann letztlich zufriedenstellender sein, als dass man jetzt auf den Geschmack gekommen ist, sich am liebsten mit mindestens drei der vorgestellten Protagonisten nun näher beschäftigen möchte und sich außerdem wünscht, dass der Autor einen in einem zweiten Band genauso kenntnisreich und belesen durch weitere Stationen der Naturbetrachtung führt?

Dieser zweite Band dürfte dann auch gern noch einige unternehmungslustige Frauen enthalten und in etwas freundlicheren Farben daherkommen.

Mein Lieblingszitat war übrigens das des Gärtners und Hausknechts Wilhelm Weike. Weike begleitete den Sohn des Hauses, Franz Boas, auf dessen Expedition zur Baffininsel im arktischen Teil Kanadas. Goldstein bescheinigt ihm zwar, für derlei Erfahrungen über keine adäquate Sprache zu verfügen, aber ich hatte sofort die Szene und die leicht genervte Ehefrau vor Augen:

Es ist doch sehr schön, wenn man wieder zu Hause ist. Aber die schönen Erinnerungen vom vergangenen Jahr bleiben doch […] Ich denke noch oft an die verlebten Tage bei den lieben Eskimos. Die Erinnerung ist doch schön. Ich habe schon manchen Abend gesessen  und meiner Frau erzählt, die weiß es balde so gut wie ich selbst, wie es da ist. (S. 205)

Also, Petra, vielen Dank für deinen Post zu dem Buch, der mir diesen Band auf die never ending list gesetzt hat.

P1020105

 

 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

5 Kommentare zu „Jürgen Goldstein: Die Entdeckung der Natur (2013)“

    1. Halle Petra, dein Beitrag hat mich ganz offensichtlich nachhaltig beeindruckt, denn ich wusste nach all den Jahren noch, wo ich über diesen Titel gestolpert bin.
      LG in unruhigen Zeiten
      Anna

    1. Hallo Tanja,
      das Buch ist wirklich randvoll mit Informationen und Anregungen. Und zur Seelenschau versus Naturschau: Vielleicht muss man ja auch gar nicht das eine gegen das andere in Stellung bringen. LG Anna

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