Caradog Prichard: one moonlit night (OA 1961)

one moonlit night (1961), der einzige Roman des walisischen Journalisten Prichard (1904 – 1980), wurde erstmals 1995 von Philip Mitchell vollständig ins Englische übersetzt. Auf dieser englischen Version beruht die Übersetzung ins Deutsche von Christel Dormagen (1999 im Piper Verlag erschienen).

Der Roman beginnt mit den Sätzen:

I’ll go and ask Huw’s Mam if he can come out to play. Can Huw come out to play, O Queen of the Black Lake? No, he can’t, he’s in bed and that’s where you should be, you little monkey, instead of going round causing a riot at this time of night. Where were you two yesterday making mischief and driving village folk out of their minds? (S. 1)

Ich geh jetzt Huws Mam fragen, ob er zum Spielen rauskommen darf. Darf Huw rauskommen zum Spielen, o Königin des Schwarzen Sees? Nein, er liegt im Bett, und da solltest du auch längst sein, du kleines Äffchen, statt hier rumzugeistern und so spät noch solchen Lärm zu machen. Wo habt ihr zwei euch denn gestern rumgetrieben? Mit eurem Unfug habt ihr die Leute im Dorf ganz verrückt gemacht. (S. 7)

Ein Junge, das einzige Kind seiner Eltern, lässt uns teilhaben an seinen Erlebnissen und Gedanken seiner Kindheit und Jugendzeit. Erst nach und nach erschließen sich der Ort – Bethesda, ein Kaff im nordwestlichen Wales, geprägt von den harschen Bedingungen des Schieferabbaus – und die ungefähre Zeit der Handlung – um 1915 herum. Der ca. Zehnjährige liebt seine Mutter sehr, die ihm trotz der Armut und des allgegenwärtigen Hungers Geborgenheit und relativ lange so etwas wie die Illusion einer normalen Kindheit ermöglicht. Der Vater ist schon vor Jahren bei einem Grubenunglück gestorben und seitdem lebt er mit seiner Mutter von der Wohlfahrt und dem bisschen, was sich die Mutter mit Waschen und Bügeln für den Pfarrer dazu verdient. Doch als dieser stirbt, verändert sich die Mutter, sie wird nie wieder so wie früher sein.

Zunächst scheint es um typische Kindheitserlebnisse zu gehen: Abendliche Streifzüge mit seinen besten Kumpeln Huw und Moi, die Schule, der Rohrstock des Lehrers, die Freude, wenn er im Pfarrhaus ein dickes Butterbrot vorgesetzt bekommt. Die Panik, als er sich beim Beerensammlen mit Freunden verirrt. Die Nachbarn, eine Prügelei vor der Kneipe. Die Gottesdienste. Ein offizieller Boxkampf.

Weder die Lebensbedingungen noch der Hunger setzen der Kinderunschuld zunächst zu. Doch rasch wird deutlich, dass die Kinder Dinge sehen und hören, die ganz bestimmt nicht zu einer behüteten Kindheit gehören, auch wenn sich ihnen manchmal nicht sofort erschließt, was sie da eigentlich beobachtet haben. Warum verschwindet der Lehrer so lange mit einer Schülerin in einem anderen Raum? Warum bringt sich der Onkel seines Kumpels Huw um?

Besondere Begabungen oder ein Gespür für das Schöne sind in dieser Welt irrelevant.

You’d think the sky would look so near from here, with us having climbed so high. But it didn’t look close at all as I lay flat on my back, seeing nothing but blue sky without a single cloud to spoil it, and the sunhot on my cheeks. Dew, it must be great to be allowed to go to Heaven, I said. It’s strange that I can’t see Heaven from here or see an angel flying somewhere over there. That must be the underneath side of Heaven’s floor and the floor on the other side must be blue too. Dew, it must have needed a lot of blue colour to make it all. Much more than Mam uses on washing day. (S. 39)

Eigentlich hätte ich gedacht, daß der Himmel von hier ganz nah aussieht, wo wir doch so hoch geklettert sind. Aber er sah überhaupt nicht nah aus, als ich auf dem Rücken lag und nichts als blauen Himmel sah. Keine einzige Wolke störte ihn, und die Sonne brannte auf meine Backen. Mensch, es muß toll sein, wenn man in den Himmel kommen darf, sagte ich. Es ist komisch, daß ich Gottes Himmel nicht sehen kann und auch keinen Engel, der irgendwo da oben rumfliegt. Das muß die Unterseite vom Himmelsfußboden sein, und auf der anderen Seite muß der Fußboden auch blau sein. Mensch, da haben die aber eine Menge blaue Farbe für gebraucht. Viel mehr, als Mam am Waschtag benutzt. (S. 55)

Die Kirche und ihre Lieder geben Halt und der Chorgesang und die Jahreszeiten bringen ein wenig Schönheit in diese harten Arbeiterleben, doch wehe, eine Frau bekommt ein uneheliches Baby. Der Schleier des Nichtverstehens, der kindlichen Unschuld, der  über vielen Szenen liegt, wird immer dünner, bis er schließlich zerreißt. Letztlich war diese Kindheit von Anfang an unbehütet. Am Ende führt einen die Geschichte bis hin zu existentieller Einsamkeit und Trauer, die das ganze Buch in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Nun handelt es sich hier aber keineswegs um eine dieser bloßen misery memoirs, denen ich nicht viel abgewinnen kann. one moonlit night strahlt eine Energie, einen Sog und manchmal sogar einen Humor aus, dem man sich beim Lesen kaum entziehen kann. Auch der Stil ist eines Klassikers würdig.

Die Eigenwilligkeit der Gestaltung liegt darin, dass alle Zeitebenen gleichberechtigt nebeneinanderstehen, die Chronologie völlig aufgehoben erscheint und man erst später durch sparsame Andeutungen versteht, dass sich hier ein Mann in einer mondhellen Nacht an seine Kindheit in diesem Dorf erinnert, während er die bekannten Straßen und Wege abschreitet.

2014 erstellte die Wales Arts Review auf der Suche nach dem wichtigsten walisischen Werk eine Longlist mit 25 Titeln. Die Wahl der Öffentlichkeit fiel auf one moonlit night oder Un Nos Una Leaud. Ich kenne die übrigen Titel nicht, bin aber sicher, dass das mal eine sehr verdiente Würdigung war.

Mich jedenfalls hat dieser gleichermaßen poetische wie kompromisslose Roman fasziniert.

Wenn man möchte, kann man sich anschließend noch weiter informieren, sei es zur Biografie des Autors (sinnvollerweise erst NACH der Lektüre) oder zu den Arbeitsbedingungen im damaligen Schieferabbau, und sich fragen, wie damals die Besitzer der Gruben eigentlich ihren Reichtum und die Armut der Arbeiter vor ihren Gewissen rechtfertigen konnten.

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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