Kathrin Weßling: Nix passiert (2020)

Manchmal überrasche ich mich selbst. Das Cover gefällt mir nicht und wenn das ZEIT-Magazin schreibt, dass Kathrin Weßling (*1985) hier den Roman ihrer Generation geschrieben habe, empfinde ich das nicht unbedingt als Kompliment. Keine Ahnung also, warum ich das Buch gekauft habe. Vielleicht weil ich mich vergewissern wollte, dass aktuelle deutschsprachige Bücher nach wie vor meist hinter meinen Erwartungen zurückbleiben?

Und nun muss ich alles revidieren: Ich konnte überhaupt nicht mehr aufhören zu lesen. Was für ein unglaublich tolles Buch.

Aus der Ich-Perspektive erzählt der ca. 30-jährige Alex, dass Jenny, seine große Liebe, ihn verlassen habe. Der Liebeskummer ist so schlimm, dass er sich krankschreiben lässt, sich besäuft und am liebsten nur noch im Bett verkriechen möchte. Er hält es im lauten Berlin nicht mehr aus, redet sich ein, dass er da ja auch dauernd Jenny begegnen könne, deshalb will er sich für unbestimmte Zeit in seiner angeblich so spießigen Heimatstadt bei seinen Eltern einquartieren. Die sind überrascht, hatte Alex doch die letzten Jahre seine familiären Beziehungen nicht unbedingt gepflegt und sich als Heranwachsender ganz klischeehaft geschworen, möglichst weit wegzugehen und nie wie sie werden zu wollen. Auch Bruder Timo hält wenig davon, dass der kommunikationsmäßig eher unbeholfene Alex, der auf mich oft jünger wirkte, nun wieder bei seinen Eltern unterkriechen will, zumal Alex erst mal nicht erzählt, dass er wieder Single ist.

Mein Vater lacht zusammen mit Anni laut und ausgelassen und ich weiß nicht, ob ich ihn je so glücklich gesehen habe wie in diesem Moment. Sein ganzes Gesicht ist eine einzige, sorglose Freude darüber, hinter Anni herzulaufen und so zu tun, als könner er sie nicht fangen. […] Es ist so banal. Es ist so unbedeutend. Es passiert tausend Mal an tausend Orten: Großeltern, die mit ihren Enkeln spielen. Und doch berührt mich der Anblick sehr und ich laufe zur Terrasse, laufe zu Anni, zu meinem Vater, zu Marina, zu meiner Mutter. Als ich vor ihnen stehe, blickt niemand auf und niemand mich an. ‚Hey, lustiges Spiel!‘, sage ich wie so ein Trottel und es interessiert niemanden. (S. 89)

Alex trifft ehemalige Freunde, erinnert sich, trauert, schimpft, weint und hadert, versucht Boden unter den Füßen zu gewinnen und sein Durcheinander im Kopf zu entwirren.

Nach und nach erschließt sich dem Leser, der Leserin, warum Jennys Beziehungsabbruch Alex so aus der Bahn tragen konnte, wie tief die Wurzeln für den Cocktail aus Selbstmitleid, Ängsten, Überheblichkeit, falschen Zielen und Selbstbetrug reichen.

Das ist nicht nur unglaublich spannend konstruiert, klug und einfühlsam beobachtet, sondern menschlich so nachvollziehbar, ja geradezu dringlich und berührend, als hätte man Alex im Wohnzimmer sitzen, den man dann abwechselnd schütteln und dann wieder in den Arm nehmen möchte.

Und man erkennt, dass Alex einem möglicherweise näher ist, als man dachte. Ihm fliegt alles um die Ohren. Will er weiterleben, muss er etwas ändern und erwachsen werden, ob er will oder nicht. Die meisten von uns hingegen haben es sich vermutlich eher gemütlich in ihrem ja auch nicht immer befriedigenden Leben eingerichtet. Wer ist da am Ende eigentlich besser dran?

Ich glaube, das ist der ganze Sinn von Trennungen, wenn sie denn einen haben können: Sie sind wie eine Zwangsvollstreckung des eigenen Lebens, alles wird bewertet und bekommt Aufkleber, das hier ist gut, das ist nix wert, das hier kann man jemand anderem überlassen, der damit mehr anfangen kann. Am Ende steht man da und hat nur noch das Nötigste und kann und darf noch mal anfangen, darf noch mal versuchen, etwas aus dem eigenen Leben zu machen, das sich wertvoll anfühlt. (S. 214)

Ja, natürlich ist es auch – aber eben nicht ausschließlich – ein Buch für Jüngere, für die, denen die unzähligen Entscheidungsmöglichkeiten, wie man sich nach außen hin darstellen möchte, wo und warum man leben, wen man lieben und was man arbeiten will, auch mal über den Kopf wachsen. Und natürlich für alle, die gerade Liebeskummer haben. Und für alle, die die Schreibe von Weßling mögen.

Ach, eine Frage noch, sind die anderen Bücher von ihr genauso gut?

Hier noch ein Link zu einem Beitrag auf dem Deutschlandfunk.

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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