Henning Boëtius: Der Insulaner (2017)

Der Insulaner: ein fast eintausend Seiten langer Roman über den Schriftsteller B., dessen wesentliche Lebensdaten eine sicher nicht zufällige Ähnlichkeit mit denen des Autors Henning Boëtius (*1939) aufweisen.

Beinahe hätte ich das Buch schon aufgegeben, bevor ich richtig angefangen hatte. Selten hat mich ein erster Absatz so dermaßen personalpronomenmäßig verwirrt. Aber dann habe ich mich doch weitergewagt, mit eher durchwachsenem Erfolg.

Auf der einen Ebene der Erzählung geht es um den älteren B., bei dem ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Ihm steht eine gefährliche Operation bevor und so befürchtet er, seine Erinnerungen zu verlieren. In einer merkwürdig grauen Zwischenwelt reist er in eine Stadt, mietet sich in einem Hotel ein und sucht nun täglich einen fast gesichtslosen Mann auf, dem er seine Lebensgeschichte erzählt. Es bleibt offen, ob es sich dabei um Narkosefantasien handelt oder ob diese Erinnerungen vor allem der Selbstvergewisserung dienen.

‚Während der Narkose ist das Ich also ein Insulaner, dessen Lebensraum sich über viele voneinander isolierte Inseln erstreckt, über einen ganzen Archipel an Einsamkeiten.‘ (S. 28)

Jedenfalls möchte B. verstehen, was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist. Warum er Schriftsteller geworden ist und nicht, wie es auch eine Zeitlang denkbar schien, Atomphysiker, warum all seine Beziehungen zu Frauen gescheitert sind. Warum er keine Freunde mehr hat.

Einsamkeit ist die größtmögliche Nähe zu sich selbst. Sie erzeugt einen vielstimmigen inneren Monolog, der im Tod in einer grandiosen Formulierung ausklingt. (S. 529)

Ja, falls er die Operation nicht überleben sollte, bittet er darum, nur die Kellnerin aus einem nahe gelegenen Café zu benachrichtigen. Zwischen diesen Sequenzen in der Stadt oder im Hotel erzählt uns der Ich-Erzähler und Schriftsteller seine Lebensgeschichte.

Mein erster Lebensort war der Kopf meiner Mutter. […] Es war ein seltsamer Ort. Seine Einrichtung verriet einen ungewöhnlichen Geschmack. Eine wilde Mischung aus Wünschen, Bedürfnissen, Träumen, Vorurteilen, Ängsten, Lektüre, wobei vor allem die Gedichte Rilkes eine wichtige Rolle spielten. Außerdem waren da einige kreative Fähigkeiten wie eine große zeichnerische Begabung und ein beachtliches Talent, anschaulich zu formulieren, und nicht zuletzt eine fast zwanghafte Neigung zum Inszenieren. (S. 42)

Die Schilderungen der Kindheitserinnerungen waren ungemein anschaulich und anrührend, die Kriegsjahre, die Bombennächte, die schlimmen Bilder, die das Kind sieht.

Wenn einem offensichtlich, wenn auch vergeblich, nach dem Leben getrachtet wird, macht einen das nicht gerade stark. Im Gegenteil, es kann einen für immer verunsichern. Es ist wie eine innere Beschmutzung. (S. 169)

Die komplizierte Familienkonstellation, diverse Verwandte und „Onkelgötter“, die Einsamkeit als Kind; zu seinem zehnten Geburtstag erscheint kein einziges der eingeladenen Kinder. Das Aufwachsen mit einem Kapitänsvater, der selten zu Hause sein konnte, und einer überspannten Mutter, die einen Großteil der Schuld daran trägt, dass ihr Sohn in der Schule als arroganter Außenseiter wahrgenommen wird (und sich oft genug auch so aufgeführt hat). Entscheidende Kinder- und Jugendjahre des Erzählers verbringt die kleine Familie auf Föhr, der Heimatinsel des Vaters.

Die Lehrer können auf die Begabung des Kindes nicht angemessen reagieren und viel zu oft versucht der Junge mit anderen in Kontakt zu treten, indem er ihnen lange Abhandlungen über naturwissenschaftliche Phänomene hält. Hören will das niemand. Als er seinen siebzehnten Geburtstag feiert, kommen zwar die Freunde. Doch er wundert sich, dass sie es nicht witzig finden, als er ihnen mit einer speziellen Konstruktion Stromschläge am Küchentisch verpasst.

Gleichzeitig erwacht auf Föhr die lebenslange Liebe zum Meer, zur Inselnatur und zur Literatur. Kafka, Dostojewski, Tolstoi, Karl Philipp Moritz und später vor allem Lautréamont mit Die Gesänge des Maldoror.

Als der Erzähler älter wird, überrascht das Anspruchsdenken des jungen Mannes, der es als selbstverständlich ansieht, dass ihm die Eltern den Studienort finanzieren, den er wählt. Dass sie ihm die Unterhaltszahlungen erhöhen. Er hat auch kein Problem damit, sich jahrelang bei seinen Freundinnen durchzuschnorren.

Er studiert und promoviert in Frankfurt bei Adorno, dessen Vorlesungen er „Messen des Denkens“ nennt, bei denen auch schon mal „ein Schauer der Bewunderung und der Selbstinfragestellung“ durch die andächtigen Reihen gegangen sei. Da ergeben sich interessante zeitgeschichtliche Einblicke. Marie Luise Kaschnitz und andere protegieren ihn und fördern ihn. Was ihn nicht daran hindert, mehrmals in seiner beruflichen Laufbahn einfach „die Brocken hinzuschmeißen“, Angebote auszuschlagen, Kollegen hängenzulassen, gerne auch mal wenige Stunden vor wichtigen Terminen und Sitzungen.

Seine Beziehungen zu Frauen gestalten sich ebenfalls recht merkwürdig. Beim Scheidungstermin seiner ersten Ehe kommen die beiden händchenhaltend an, bis sie der Scheidungsrichter anrüffelt. Die drei Kinder aus dieser Ehe werden im Buch allerdings nur in wenigen Sätzen gestreift. Einen Tag nach seiner zweiten Eheschließung brennt er mit einer anderen Frau durch. Irgendwann dann sogar ein Tief, das ihn für längere Zeit in die Wohnungslosigkeit führt. Die ersten Schritte als Schriftsteller. Für diesen „Zustand“ müssen seiner Meinung nach fünf Voraussetzungen gegeben sein: existentielle Konflikte wie Einsamkeit und die Erkenntnis der Sinnlosigkeit des Lebens, Naturerfahrung, Bildung, Menschenerfahrung und Protest gegen alle Konventionen.

Aber war Schriftsteller zu sein überhaupt ein Beruf? War es nicht vielmehr eine besondere Spielart der Einsamkeit? Er hatte das Schreiben nie als Arbeit empfunden, eher als eine Art Zeitvertreib. Und zwar im wörtlichen Sinne. Man vertrieb die Zeit, indem man über sie schrieb, über die Dinge und Menschen, die sich in ihr bewegten wie Raupen auf einem Blatt. (S. 86)

Die Zwischensequenzen, die den eigentlichen Lebensrückblick immer wieder unterbrechen und ihn vermutlich literarisch veredeln sollen, interessierten mich wenig. Die Einblicke ins Frankfurter Studentenleben in den Sechzigern fand ich hingegen interessant und besonders die Teile des Romans, in denen es um B.s Kindheit geht, habe ich mit Anteilnahme gelesen. An einer Stelle heißt es:

Um glaubhaft von seiner Kindheit zu reden, muss man ein Kind sein, wenigstens ein künstliches. Außerdem ergaben die einzelnen Erinnerungen kein ganzes Bild. Es war ungefähr so, als ob man die Teile eines Puzzles in die Luft warf und erwartete, dass sie sich von selbst zusammenfügten, wenn sie wieder auf dem Boden landeten. (S. 121)

Hätte Boëtius sich darauf beschränkt, nur die Puzzleteile seiner Kindheit in die Luft zu werfen, ich glaube, dass dabei für den Leser ein wunderbar packendes Bild entstanden wäre. Doch je älter die Hauptperson wird, umso stärker wird zeitlich gerafft, manches wird nur noch referiert. Manchmal gerieten die sprachlichen Bilder sehr schräg:

In dieser doppelten Dunkelheit brütete ich das zerbrechliche Ei der Todesangst aus. (S. 147)

Am Ende überwiegt mein Eindruck, dass hier ein Autor – zumindest in weiten Teilen – ein Buch vor allem für sich selbst geschrieben hat, sagt der Erzähler doch schon ganz früh über sich:

Ortsmenschen wie ich reagieren meistens nur schwach auf ihre Mitmenschen. Alles, was sie interessiert, ist jenes Theaterstück, das sie ihr Leben nennen, das Stück, in dem die Kulissen die Hauptrolle spielen, während die Menschen nur Statisten sind. (S. 40)

Wenn ein „glattes“ Leben in eine langweilige Erzählung mündet, dann hat man vielleicht einfach nicht genau genug hingeschaut. Und genauso wenig denke ich, dass eine auch äußerlich interessante Lebensgeschichte eher das Potential zu einem Kunstwerk hat.

Erinnern kann wie eine unbarmherzige Sonne sein, die schonungslos ihr Licht auf die Vergangenheit wirft. Dabei kommt oft auch Unschönes zu Tage. Wenn ihre Strahlen auf eine glatte Fläche treffen, werden sie nur Langweiliges zu Tage fördern. Ist die Vergangenheit rau bewegt wie das Meer, kommt vielleicht ein Kunstwerk zu Vorschein. (S. 38/39)

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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