Maile Meloy: Bewahren Sie Ruhe (OA 2017)

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel Do not become alarmed. Ich bin überrascht über die vielen positiven Besprechungen, die mir – freundlich ausgedrückt – etwas einseitig vorkommen.

Der Roman über die völlig aus dem Ruder laufende Kreuzfahrt zweier befreundeter amerikanischer Familien in Südamerika – die Frauen sind Cousinen – ist zwar spannend, keine Frage. Aber gleichzeitig ist er überfrachtet mit Unwahrscheinlichkeiten und Thrillerelementen.

Während die zwei Mütter mit ihren Kindern an einem Landausflug teilnehmen, die Väter sich beim Golfspielen vergnügen, passiert das Unglück: Die eine Mutter döst ein, die andere spaziert mit dem attraktiven Reiseführer ein paar Meter in den Wald. Niemand bemerkt, dass die spielenden Kinder, die auf dem Fluss mit einem selbst gebastelten Floß spielen, mit der Flut ins Landesinnere getrieben werden. Nachdem sich die Kinder an Land gerettet haben, beschließt der älteste Junge zurückzuschwimmen. Das Krokodil am Flussufer sieht er nicht.

Die anderen Kinder, eines davon Diabetiker, machen sich auf den Weg ins Landesinnere und hoffen, jemanden zu treffen, der sie zu ihren Eltern und zum Schiff zurückbringt. Dummerweise begegnen sie dabei Drogenhändlern, die einen ihrer Kuriere im Urwald verscharren. Und so entspinnt sich zum einen die Odyssee der Kinder, die um ihr Überleben kämpfen, und zum anderen die verzweifelte Suche der Eltern, die mit Bürokratie, fremder Kultur, Schuldgefühlen, Vorwürfen und bodenloser Verzweiflung zu kämpfen haben. Spannend, wie gesagt, man will wissen, wie dieses Drama ausgeht, und immer wieder schimmert das ernsthafte Anliegen des Erzählers durch, uns zu zeigen, wie fragil unser so vermeintlich sicherer Alltag ist. Ein einziger Moment auf einer Kreuzfahrt, die doch gerade der Luxus-Erholung und dem Vergnügen dienen sollte, reicht aus und nichts mehr ist so, wie es war und wie es sein sollte.

‚Weißt du, ich hab den Eindruck, wir haben die ganze Zeit in so einer komischen Blase gelebt, in der es völlig undenkbar war, dass man sein Kind verliert. In Wirklichkeit passiert das allerdings ständig, jeden Tag, überall auf der Welt, schon seit Menschengedenken, und die Leute leben einfach weiter. Sie können sich ja schlecht auf den Boden legen und einfach nur noch schreien.‘

Aber was neben den überflüssigen Thriller-Mätzchen die Lektüre streckenweise zu einer Last gemacht hat, war die Sprache. Das klang nicht rund, nicht geschmeidig, eher so, als ob sich die Autorin dauernd überlegt hätte, was ihre Hauptfiguren jetzt wohl mal denken und sagen könnten. Es stellt sich die Frage, wie viel davon möglicherweise auch auf das Konto der Übersetzerinnen geht, denen beispielsweise der Unterschied zwischen Reliquie und Überbleibsel nicht klar zu sein scheint. Als einer der Väter sich Vorwürfe macht, heißt es in der Übersetzung:

Aber so war es nicht gewesen. Stattdessen war er mit Gunthers Freund, dieser Kolonialismusreliquie, zum Golfplatz gefahren. Benjamin hatte sich im Auto mit Sonnencreme eingeschmiert, Raymond hatte dankend abgelehnt und sich einen Sonnenbrand geholt. Dämlich. (S. 175)

Im Original steht aber:

But that wasn’t what had happened. Instead, he’d gone golfing with Gunther’s friend, that colonial relic, Benjamin had slathered up with sunscreen in the car, smearing it over his face. He’d offered the bottle, but Raymond had turned it down, and wound up getting a black man’s sunburn. Dumb.

Zusammenfassend würde ich sagen: Unterhaltungsliteratur mit reizvoller Grundidee und maximal hölzernen Dialogen.

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

3 Kommentare zu „Maile Meloy: Bewahren Sie Ruhe (OA 2017)“

  1. Hallo,

    die Geschichte klingt eigentlich sehr interessant, aber deine Kritikpunkte klingen sehr plausibel. Bei dem kurzen Ausschnitt und der Übersetzung ist mir aufgefallen, dass zum Beispiel beim „black man’s sunburn“ das „black“ einfach unter den Tisch gefallen ist. Das verändert für mich den Tonfall des Satzes. Ist dieser Charakter rassistisch oder ein Redneck?

    LG,
    Mikka

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