Miss Read: Village School (1955)

Mit großem Vergnügen schmökere ich mich gerade durch die Reihe um die Erlebnisse einer englischen Dorfschullehrerin, geschrieben von Dora Jessie Saint (1913 – 2013), deren Künstlername auf dem Geburtsnamen ihrer Mutter beruht. In den Neunzigern wurde diese charmante Reihe auch ins Deutsche übertragen. Der erste Band erschien unter dem Titel Dorfschule.

Saint hat selbst Jahrzehnte lang unterrichtet, was man den Büchern anmerkt. Sie bieten Entspannung, viel Idylle, eine sehr überschaubare und (fast) heile Welt, wobei das Unschöne und menschlich Verwerfliche allerdings nicht völlig ausgespart werden. Es gibt vernachlässigte Kinder, untreue Ehemänner und den Vater, der seine Familie verprügelt und dem Nachbarn die Hühner stiehlt.

Doch meist ist das Aufregendste, dass jemand neu ins Dorf zieht, der Kirchenchor einen Ausflug unternimmt oder sich ein Junge auf dem Schulhof verletzt und die anderen brüllen, er sei bestimmt tot, ganz bestimmt, sich die Verletzung aber glücklicherweise nur als oberflächlicher Kratzer herausstellt. Oder wenn die Katze eine Ratte mit ins Haus bringt, die im Gegensatz dazu leider doch noch nicht tot ist.

Gleichzeitig hat Miss Read aber einen klaren Blick auf eine Gesellschaft im Umbruch: Viele können sich die Reparaturen ihrer Strohdächer, bei denen die Städter immer ins ahnungslose Schwärmen geraten, nicht mehr leisten. Die ersten kleinen Dorfschulen werden bereits geschlossen, mehr und mehr Leute ziehen in die Stadt, wollen keine „schmutzige“ Arbeit mehr verrichten und verlieren so den Bezug zu ihrer Herkunft und ihrer Hände Arbeit.

Und es liest sich durchaus interessant, wie doch vor gar nicht langer Zeit der Unterricht in so einer Dorfschule aussah. Was für ein Rundumpaket die Lehrerinnen liefern mussten, um für ihre Klasse – die ja immer mehrere Jahrgänge umfasste – die Grundlagen im Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturkunde, Religion, Musik und Sport zu legen, und zwar so ganz ohne mediale Unterstützung.

Dazu erledigten sie die komplette Bürokratie, teilten das angelieferte Mittagessen aus und schlugen sich mit Beamten der Schulaufsichtsbehörde herum, die nun ganz dem neuen Zeitgeist folgend der Meinung waren, dass es nicht gut sein könne, wenn einige Kinder schon mit fünf Jahren fließend lesen könnten. Und da erstaunt es dann doch, wie miserabel die Bezahlung und die spätere Höhe der Rente war. Zwischenduch war ich verblüfft, wie aktuell sich manches las.

There has been much discussion recently on the methods of marking compositions. Some hold that the child should be allowed to pour out its thoughts without bothering overmuch about spelling and puntctuation. Others are as vehement in their assurances that each word misspelt and incorrectly used should be put right immediately. (S. 117)

Las sich der erste Band streckenweise noch zu sehr nach sozialem Kommentar, hat sich die Autorin ab dem zweiten Band freigeschrieben. Es macht Spaß, ihre Kämpfe mit der grimmigen Putzfrau der Schule, ihrer dominanten Freundin oder mit der neuen Hilfslehrerin mitzuverfolgen, die sehr theoretische Ideen zur Kindererziehung mitbringt. Neben den Vorkommnissen in der Schule sind der Wechsel der Jahreszeiten, die Dorfgemeinschaft mit ihrem allgegenwärtigen Tratsch und Klatsch und das Eingebettetsein in Traditionen und Feste wichtige Themen.

Die Ich-Erzählerin zeichnet ein bodenständiger, liebevoller, oft auch ironischer und sehr genauer Blick auf sich, die ihr anvertrauten Kinder und ihre Mitmenschen aus, der viel Vergnügen macht. Ihre Bücher sind keine Axt für das angeblich gefrorene Meer in uns, sondern eher eine Einladung zum Innehalten, Teetrinken und Pausemachen. Zum gelasseneren und entspannteren Blick.

Miss Gray and I had spent a long singing lesson picking our choir. This was not an easy task, as all the children were bursting to take part, but Miss Gray, with considerable tact, managed to weed out the real growlers, with no tears shed.

‚A little louder,‘ she said to Eric, ’now once again,‘ and Eric would honk again, in his tuneless, timeless way, while Miss Gray listened solemnly and with the utmost attention. Then, ‚Yes,‘ she said in a considering way, ‚it’s certainly a strong voice, Eric dear, and you do try: but I’m afraid we must leave you out this time. We must have voices that blend well together.‘

‚He really is the Tuneless Wonder!‘ she said to me later, with awe in her voice. ‚I’ve never known a child quite so tone-deaf.‘ I told her that Eric was also quite incapable of keeping in step to music; the two things often going together. Miss Gray had not come across this before and was suitably impressed. (S. 109)

Und wenn die ersten warmen Sommertage kommen, dann ist es ausnahmsweise auch in Ordnung, wenn man den Kindern am Nachmittag The Wind in the Willows vorliest oder Schüler und Lehrerin mal viel mehr tagträumen, als ganz fürchterlich viel zu schaffen. Falls man nicht ohnehin gleich eine spontane Wanderung durch die Felder und Wälder der Umgebung unternimmt, bei der man so schon wieder Anschauungsmaterial für die nächste Naturkundestunde sammeln kann.

Wem das zu viel Schule ist: Die Autorin hat noch eine zweite Reihe um die Bewohner des fiktiven Dorfes Thrushcross Grange geschrieben. Auch die eher nostalgisch geprägt und ziemlich weit weg von den modernen Tendenzen der Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber niemals süßlich, niemals platt, dafür konnte Miss Read viel zu gut, zu witzig und zu anschaulich schreiben. Die Leserinnen danken es ihr bis heute.

The book, of which I had read such glowing reports, I hurled from my bed of pain about 11 a.m., when the heroine – as unpleasant a nymphomaniac as it has been my misfortune to come across – hopped into the seventh man’s bed, under the delusion that this would finally make her (a) happy, (b) noble and altruistic, and (c) interesting to her readers. Could have told the wretched creature by page 6, that, spinster though I am, this is not the recipe for happiness. (Village Diary, S. 22)

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

4 Kommentare zu „Miss Read: Village School (1955)“

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