Jürgen Hosemann: Das Meer am 31. August (2020)

Der sehr fein in Blau gestaltete Band aus dem Berenberg Verlag, das Debüt des Lektors und Herausgebers Jürgen Hosemann, gefiel mir von der Grundidee her zunächst sehr.

Der Ich-Erzähler, im Urlaub unterwegs mit Gattin und Tochter, beschließt, in einem kleinen Badeort an der Adriaküste in der Nähe von Triest 24 Stunden lang allein am Meer zu sitzen.

Als die Reinigungsfahrzeuge abrückten, erschien der Strand trotz der langen Reihen von Sonnenschirmen, Liegen und Badekabinen völlig leer. Als müsste man jeden Augenblick damit rechnen, dass sich dort etwas ereignete. Alles schien vorbereitet, aber wofür? Es gab auch keine Zuschauer, außer mir war niemand da, der sich dafür interessierte. Zeit breitete sich vor mir aus, saubere, unbeschriebene Zeit. Der Tag würde sich hier ereignen. (S. 15)

Seine Erwartungen sind alles andere als bescheiden:

Ich hatte die Hoffnung, dass sich in der Leere und Weite die Gedanken und Phantasien besonders gut ausbreiten konnten und dass man, weil nichts den Blick verstellte, hier alles sehen konnte. Dass mit etwas Glück das Meer einer jener Orte war, an denen der Blick, vom Wasserspiegel reflektiert, auf einen selbst zurückfallen würde. (S. 24)

Doch dass er sich dafür ausgerechnet einen belebten Badestrand mitten im Ort aussucht, an dem frühmorgens zwei Radlader den Strand herrichten, unzählige Liegen ausgerichtet und die Sonnenschirme geöffnet werden müssen, fand ich eher bizarr.

Und so lesen wir, wie sich die Farben des Himmels verändern, welche Passanten an ihm vorbeiflanieren oder wie die Menschen aussehen, die eine Runde schwimmen gehen, wie der Tag zunehmend heißer wird und der Erzähler hin und wieder ins nahe gelegene Café geht oder sich ärgert, dass er grauslich bunte und überzuckerte Limonade gegen den Durst gekauft hat. Und abends kommen die Teenager mit ihren Handys.

Zwar gibt es immer wieder zitierenswert traumschön formulierte Sätze und wir wünschen uns sicherlich alle hin und wieder Zeiten und Tage, an denen wir so entschleunigt und behutsam dem Treiben um uns herum zuschauen und – falls nötig – im wahrsten Sinne zur Besinnung kommen könnten:

Der Wind so sachte, als schiebe er ein Mädchen auf einem Kinderfahrrad (S. 55)

Allerdings ist nicht jede Beobachtung automatisch bedeutungsvoll, was den Erzähler aber nicht daran hindert, sie uns mitzuteilen. Und wer nun auf besondere Erinnerungen, tiefe Erkenntnisse oder überhaupt auf irgendetwas hofft, wird enttäuscht. Auch der Erzähler selbst merkt zwischendurch, dass sich nicht alle Erwartungen an seinen Tag am Meer erfüllen. Fast klingt es wie eine Mahnung:

Ich halte es für möglich, am Meer zu sein und es nicht zu sehen.

Manchmal wird ihm langweilig, er weiß nicht, wohin mit all der Zeit, beobachtet die Wolken, die Möwen, kontrolliert, ob seine Armbanduhr oder sein Handy schneller geht, freut sich, als ihm ein kleines Mädchen begegnet, wiegt minutenlang die Limonadenflasche in den Händen und fragt sich, was passiert, wenn nichts passiert.

Langweilte mich mein großartiger Plan, mich einen Tag und eine Nacht ans Meer zu setzen, in dem ich jetzt etwas Verbissenes und Verbohrtes erkannte, eine besonders prätentiöse Weise, mich meiner sozialen Verpflichtungen zu entziehen? (S. 65)

Insgeheim staunte ich darüber, wie lange man am Meer sitzen und wie wenig einem dabei auffallen konnte. (S. 84)

Vielleicht hätte ich lieber gelesen, wie der Erzähler einen Urlaubstag mit seiner Familie verbringt, möglicherweise hätte ich auch gleich Ænglisch von Sarah Kirsch wiederlesen sollen.

Hier eine ganz andere Lesart von Constanze auf Zeichen & Zeiten.

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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