Charles Dickens: Great Expectations (1861)

Ich hoffe sehr, dass ihr alle wohl und behütet ins neue Jahr gekommen seid!

Beginnen wir das Blogjahr mal nicht mit dem eigentlich obligatorischen Rückblick, sondern mit etwas anderem. Mir war mal wieder klassisch zumute, also tat ich, was man viel öfter tun sollte, und griff beherzt zum 13. Roman von Charles Dickens (1812 – 1870), der zunächst als Fortsetzungsroman in Dickens eigener Zeitschrift erschien, bevor er dann 1861 als Buch veröffentlicht wurde.

Die Geschichte wird uns von Pip selbst erzählt und beginnt, als er ein ca. siebenjähriger Waisenjunge ist, der bei seiner ständig prügelnden Schwester und deren herzensgutem, aber wenig durchsetzungsfähigen Mann Joe Gargery, einem Schmied aufwächst. Eine Familienkonstellation, deren Wurzeln wie bei so vielen der Dickens‘schen Protagonisten in der katastrophalen Kindheit Dickens liegen.

Mrs. Joe was a very clean housekeeper, but had an exquisite art of making her cleanliness more uncomfortable and unacceptable than dirt itself. Cleanliness is next to Godliness, and some people do the same by their religion. (S. 20, Ausgabe der Everyman’s Library)

Eines Abends, als er auf dem Kirchhof die Gräber seiner Eltern und verstorbenen Geschwister besucht, wird er fast zu Tode erschreckt von einem Sträfling, der von einem der an der Küste liegenden Gefängnisschiffe geflohen ist. Der namenlose Gefangene bringt den verängstigten Jungen dazu, ihn nicht zu verraten und ihm Nahrung und eine Feile aus der Schmiede zu bringen, sodass er sich von den Ketten befreien kann.

Später wird Pip als eine Art Unterhaltungsspielzeug von der durchgeknallten Miss Havisham in ihr Haus eingeladen, die das Verschwinden ihres treulosen Bräutigams am Tag der geplanten Hochzeit nie verwunden hat. Dort lernt er die junge und hinreißend schöne Estella, die Adoptivtochter Miss Havishams, kennen. Er verliebt sich unsterblich in sie, obwohl ihm bewusst ist, dass sie seine Gefühle nicht erwidert und überhaupt seltsam gefühltskalt ist.

I never  had one hour’s happiness in her society, and yet my mind all round the four-and-twenty hours was harping on the happiness of having her with me unto death. (S. 287)

Irgendwann erfährt Pip, dass ihm ein anonymer Gönner  finanziell dazu verhelfen will, ein Gentleman zu werden. Da sein ganzes Trachten danach ausgerichtet ist, Estella für sich zu gewinnen und er sich seiner ärmlichen und ungebildeten Herkunft schämt, nimmt er das Angebot, nach London zu ziehen und dort zum Gentleman zu werden (ohne sich bewusst zu machen, was genau das sein soll), mit Freude an. Er weiß, solange er grobe Arbeitsschuhe trägt und seine Hände von körperlicher Arbeit zeugen, wird Estella ihn niemals ernsthaft als Ehemann in Erwägung ziehen.

Wie er dann in London an echte und falsche Freunde gerät, ein Snob wird, der seinen besten Freund noch fast mit in den Abgrund reißt und trotz allem im Laufe der spannenden Handlung, bei der sich die vielen Fäden allmählich entwirren, doch zu einem verantwortlich handelnden Erwachsenen wird, das ist alles ganz großes Kino. (Über den mehrdeutigen Schluss mit seinem Anklang von Kitsch, den Dickens eigentlich gar nicht geplant hatte, gehen wir jetzt mal großzügig hinweg.)

Also: Trotz aller Übertreibungen und Überspitzungen und mancher Schwarzweißmalerei ist der Roman, der heute als einer der besten Romane Dickens und als ein Meilenstein der englischen Literatur gilt, ein pralles Sittengemälde mit unvergesslichen Charakteren und Szenen, ein Beweis, dass Dickens ein großartiger und oft genug spöttischer Erzähler ist. Wer könnte sich den ersten Seiten und des kindlichen Schreckens erwehren und nicht wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht?

Was mich beim Wiederlesen beeindruckte, war die Feinfühligkeit, mit der Dickens hier seine Hauptfigur gezeichnet hat. Wie Pip sich seiner Herkunft schämt, seinen liebevollen Stiefvater verleugnet, obwohl dieser ihm immer nur Gutes getan hat, wie er vor sich selbst immer wieder Ausreden und Beschönigungen für sein Verhalten findet und zum unsicheren Snob wird, der sich zunächst maßlos verschuldet und nur über einen sehr wackligen inneren Kompass verfügt. Sowohl bei den Schauplätzen als auch bei zahlreichen Nebencharakteren hat man oft schon nach wenigen Sätzen ein Bild vor Augen, da Dickens so bildhaft erzählt:

Bentley Drummle, who was so sulky a fellow that he even took up a book as if its writer had done him an injury, did not take up an acquaintance in a more agreeable spirit. S. 192)

Die bitteren Seitenhiebe auf die gesellschaftlichen Bedingungen sind ebenfalls beeindruckend; mir gefiel zum Beispiel sehr, wie Dickens anhand der Figur des John Wemmick, der für den Anwalt Jaggers arbeitet, zeigt, wie sehr die Arbeitswelt einen zwingt, eine Rolle zu spielen, die mit der Person, die man privat ist, überhaupt nichts mehr zu tun hat.

Daneben geht es aber auch um die Leichtigkeit, mit der man das Recht beugen kann, wenn man die entsprechenden finanziellen Mittel hat, die Unmöglichkeit, als Kind aus einer armen Familie auch nur eine halbwegs vernünftige Bildung zu bekommen, die Heuchelei und Speichelleckerei derjenigen, die Pip, als er als vermögend gilt, hofieren, sich zu seinen besten Freunden erklären und ihn im nächsten Moment, ohne mit der Wimper zu zucken, fallen lassen würden. Und vor allem die Aussichtslosigkeit, sich auf redliche Weise seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn man nie die Chance dazu bekommen hat, sowie die Lässigkeit, mit der England unliebsame Menschen – manchmal reichte schon ein gestohlener Brotlaib – nach Australien deportiert hat, sind mit einer Wucht geschildert, die die Leser damals sicherlich auch emotionalisieren und politisieren sollte.

Eine Facette gibt es allerdings, die an Dickens immer wieder irritiert, seine Unfähigkeit oder Unwilligkeit, glaubhafte Frauengestalten zu entwerfen. Sie sind entweder so überirdisch gut, dass sie als engelhafte und unkörperliche  Wesen den Weg des Mannes erhellen sollen und sind dementsprechend zum Gähnen, oder sie sind ausschließlich rabiate Wüteriche wie Pips Schwester. Eine weitere Variante ist die untüchtige und verwöhnte Ehefrau, die dem wackeren Ehemann nur ein Klotz am Bein ist. Übrigens nur einer der Aspekte, bei denen die Hintergrundinformationen aus Fred Kaplans Biografie von 1988 ganz erhellend sind.

Be that as it may, he [Mrs. Pockets Vater] had directed Mrs. Pocket to be brought up from cradle as one who in the nature of things must marry a title, and who was to be guarded from the aquisition of plebeian domestic knowledge. So successful a watch and ward had been established over the young lady by this judicious parent, that she had grown up highly ornamental, but perfectly helpless and useless. (S. 178)

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

3 Kommentare zu „Charles Dickens: Great Expectations (1861)“

  1. Ich habe Dickens immer nur in der Übersetzung gelesen, aber offenbar in guter. Denn die Figurenzeichnungen und auch den klugen Witz fand ich immer. Nicht umsonst ein Klassiker!
    Viele Grüße und alles Gute fürs Neue!

    1. Ja, eigentlich sollte ich viel öfter einen Klassiker lesen, meist bereut man es ja nicht. Viele Grüße, Freude an deiner künstlerischen Arbeit, lohnende literarische Entdeckungen und ein frohes neues Jahr!
      Anna

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