Kleine Krimi-Tüte mit Wentworth und Cotterill

Colin Cotterill: The Coroner’s Lunch (2004)

Der erste Band The Coroner’s Lunch (2004) aus der Reihe um Dr. Siri Paiboun, den einzigen Rechtsmediziner in Laos, hat mir richtig gut gefallen. 2008 erschien die deutsche Übersetzung von Thomas Mohr unter dem Titel Dr. Siri und seine Toten.

Nicht nur die Hauptfigur, der renitente 72-jährige Arzt Siri Paiboun, ist hinreißend sympathisch gezeichnet. Dieser wird nach der kommunistischen Machtergreifung 1975 als Rechtsmediziner zwangsrekrutiert, obwohl er sich eigentlich nach Studium in Frankreich und Jahrzehnte langen Kämpfen im Dschungel von Vietnam auf seinen Ruhestand gefreut hatte. Stattdessen muss er sich nun in dem kommunistischen Land mit Mangelverwaltung, obereifrigen Vorgesetzten, Behördenwillkür und unliebsamen Erinnerungen herumärgern.

After seventy-two years, he’d seen so many hardships that he’d reached the calmness of an astronaut bobbing about space. Although he wasn’t much better at Buddhism than he was at communism, he seemed able to meditate himself away from anger. Nobody could recall him losing his temper. (S. 13)

Neben dem trockenen Humor, Siris Freunden und einem beachtlich verzwickten Fall um den Tod einer hohen Parteifunktionärin hat mich gerade der Schauplatz überzeugt: Laos, ein Land, von dem ich nun wirklich so nahezu gar nichts wusste.

Auf dem Blog Schöner Schein gibt es einen Artikel zum Autor.

Der Krimi macht Lust, sich über das Buch hinaus mit der Geschichte des Landes und seiner Kultur zu beschäftigen. Dabei lernt man dann nicht nur, dass Laos eines der am heftigsten bombardierten Länder ist, wurde es doch in den Krieg zwischen kommunistischen und antikommunistischen Mächten hineingezogen. Das wiederum hat Auswirkungen bis heute, liegt doch ein großer Teil der Bomben und Minen bis heute im Boden.

Aber daneben gibt es unter anderem auch die Ebene der Steinkrüge. Wie faszinierend.  Hunderte von großen Steinkrügen, zum Teil über 200o Jahre alt und seit 2019 UNESCO-Weltkulturerbe.

Patricia Wentworth: The Case is Closed (1937)

So wie ich von Cotterills Krimi angetan war, so war ich von dem ersten Krimi um die ältere Ermittlerin Miss Silver zunehmend genervt. Dabei fing The Case is closed (1937) von Patricia Wentworth ganz vielversprechend an. Witzig, unterhaltsam. Ein bisschen screwball-comedy-mäßig.

Hilary Carew sat in the wrong train and thought bitterly about Henry. It was Henry’s fault that she was in the wrong train – indisputably, incontrovertibly, and absolutely Henry’s fault, because if she hadn’t seen him stalking  along the platform with that air, so peculiarly Henryish, of having bought it and being firmly  determined to see that it behaved itself, she wouldn’t have lost her nerve and bolted into the nearest carriage. (S. 3)

Hilarys Freundin Marion Grey ist schwer vom Schicksal getroffen. War Marion vor kurzem noch eine bezaubernde glückliche Ehefrau, so muss sie sich allmählich mit dem grauenhaften Gedanken abfinden, dass ihr Mann, der schuldig gesprochen wurde, seinen wohlhabenden Onkel umgebracht zu haben, wohl Jahrzehnte im Gefängnis bleiben wird und dies – wenn überhaupt – nur als gebrochener Mann verlassen wird.

Doch Hilary Carew, die beste Freundin und Mitbwohnerin Marions, trifft zufällig in einem Zug auf eine ältere, verhärmte Frau, die ihr Dinge zuflüstert, die andeuten, dass im Prozess möglicherweise nicht alle Fakten auf den Tisch gekommen sind.

Zum einen hat mich an dem Krimi gestört, dass Miss Silver erst sehr spät ihren Auftritt hat – ist das in den Folgebänden ähnlich? Doch was ich wirklich nicht mehr unterhaltsam finden konnte, sondern mir den letzten Nerv geraubt hat, war Hilary. Ihre hanebüchene Naivität und Selbstverständlichkeit, mit der sie ständig dem möglicherweise wahren Mörder in die Arme läuft, waren auch mit ihrem zarten Alter von 22 Jahren nicht zu entschuldigen. 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

6 Kommentare zu „Kleine Krimi-Tüte mit Wentworth und Cotterill“

  1. Die ganze Dr.-Siri-Reihe finde ich rundum lesenswert. Es gibt auch etliche Bände davon als Hörbuch, gelesen von Jan Josef Liefere – ein Ohrenschmaus für sich.
    LG von der Silberdistel

    1. Liebe Silberdistel,
      danke für deinen Hinweis auf die Hörbücher. Da ist Liefers bestimmt eine prima Besetzung. Die nächsten Bände liegen schon bereit 🙂 Ach, und die Autokorrektur: Ein Kollege schickte mir vor einigen Tagen die „Todesnachricht des Erfinders der Autokorrektur: Er hinterlässt Frau und zwei Rinder.“
      Alles Gute und bleib wohlauf! LG Anna

  2. Schöne Rezension zu einem äußerst kurzweiligen, amüsanten Krimi der ganz anderen Art. Ich hatte ihn mir damals während meiner Zeit an den Schulen des Deutschen Buchhandels in Seckbach als Leseexemplar geschnappt und ihn dann in den Unterrichtspausen geschmökert. Ist mir in äußerst guter Erinnerung geblieben, wie auch ein paar der weiteren Bände.

    Schönes WE und LG aus der kriminellen Gasse
    Stefan

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