Fred Kaplan: Dickens: A Biography (1988)

Es ist doch erstaunlich, wie wenig zwei drei Wochen später manchmal noch von der Lektüre präsent ist, und das liegt keinesfalls immer am Buch.

An der Biografie zu Charles Dickens von Fed Kaplan (*1937) aus dem Jahr 1988 gibt es nämlich gar nichts zu meckern.

Sie ist, wie sich das gehört, chronologisch aufgebaut, enthält viele Zitate, ist umfassend recherchiert (mit Index über 600 Seiten) und selten langweilig – denn dafür, dass Charles Dickens (1812 – 1870)  ständig in geschäftlichen Verhandlungen unterwegs war und so dermaßen viele wichtige Menschen kannte  und ein äußert geselliger Geist war – kann Kaplan schließlich nichts.

Er zeigt immer wieder die Bezüge auf, die zwischen den Traumata der Kindheit des berühmten Schriftstellers, seinem späteren Leben mit seinem schier unglaublichen Arbeitseifer und seinen Werken bestehen. Vor allem gefiel mir, dass Kaplan sich eine eigene Meinung zugesteht, interpretiert und nicht in Heldenverehrung ertrinkt.

Dickens‘ Erfahrungen, als Junge aus der Schule genommen zu werden, um im Schaufenster einer Schuhfabrik eine als zutiefst demütigend empfundene Arbeit verrichten zu müssen, um damit die klammen Familienfinanzen – sein Vater saß zeitweise im Schuldgefängnis ein – zu entlasten, würden ihn für immer prägen, sowohl in seinem Arbeitsethos, aber auch in seinem Drang, keine Möglichkeit des Geldverdienens ungenutzt verstreichen zu lassen. Ein Leben lang würde er sich über seinen Vater und andere Familienmitglieder ärgern, die nicht mit Geld umgehen konnten und später öfter heimlich auf seinen Namen Schulden machten.

Später geht es um sein ungezügeltes Dominanzstreben Freunden und der Familie gegenüber (die Namen seiner Kinder hat allein er entschieden). Die Verachtung, die er seine Ehefrau immer deutlicher spüren ließ, der er übelnahm, dass sie 10 Kinder gebar und sich nicht gleichzeitig zu einer schlanken, ranken Seelengefährtin entwickeln mochte. Sein hässliches Verhalten im Scheidungskrieg, sein viktorianisch heuchlerisches Doppelleben mit einer Geliebten, da man gerade ihm, dem literarischen Verfechter des trauten Heims, eine Scheidung vermutlich übel genommen hätte.

Und dann seine Unrast, immer laufen zu müssen, kilometerweit, stundenlang, auch nachts, dann gern mit Freunden oder in Begleitung von Polizisten, um in den Slumvierteln der Städte das Leben zu studieren. Die Reiseleidenschaft, als er sich das leisten konnte, mit komplettem Hausstand monatelang in Italien oder Frankreich zu verweilen. Seine Begabung für die neu aufkommende Mode, Menschen zu hypnotisieren. Gern auch hübsche junge Frauen. Und auf seinen ausgedehnten Reisen versuchte er, wann immer möglich, auch die Krankenhäuser und die damals sogenannten Irrenanstalten (lunatic asylums) und Gefängnisse von innen zu sehen, um sich auf diese Weise ein Bild von den gesellschaftlichen Zuständen zu verschaffen.

Ebenfalls zu dieser Seite seines Charakters gehört sein lebenslanges soziales Engagement, mit dem er sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Ärmsten der Armen einsetzte. Er wollte Bildung zugänglicher machen, protestierte gegen die Arbeitsbedingungen in den Kohleminen, in denen Kinderarbeit gang und gäbe war, unterstützte ein Haus,  in dem Frauen aus der Prostitution geholt werden sollten, und sprach sich nicht nur gegen die Sklaverei in Amerika, sondern auch gegen die öffentlichen Hinrichtungen in London aus, aus denen volksfestartige Spektakel gemacht wurden. Besonders erschütterten ihn die Gefängnisse in Amerika, in denen die Täter zu Einzelhaft verurteilt wurden und keinerlei Kontakt zu den Mithäftlingen haben durften. Kaplan schreibt, Dickens zitierend:

At the Eastern Penitentiary near Philadelphia he saw the solitary system in operation. On the one hand, it separated criminals from one another’s contaminating contact. On the other, it tortured long-term prisoners into mental anguish so severe that he felt he ’never in [his] life was more affected by anything which was not strictly [his] own grief‘ than by the ‚indescribable something‘ which he saw in such prisoners, ‚distantly resembling the attentive and sorrowful expression you see in the blind – which is never to be forgotten. … This slow and daily tampering with the mysteries of the brain‘ seemed to him ‚immeasurably worse than any torture of the body.‘ A prisoner in solitary confinement ‚is a man buried alive’… (S. 143)

Dickens‘ Theaterleienschaft ist eine weitere Facette dieses umtriebigen und ständig wie unter Strom stehenden Geistes. Er führte mit Freunden und Familienmitgliedern Stücke auf professionellem Niveau auf, zu denen man nur mit persönlicher Einladung zugelassen wurde. Schließlich seine berühmten Lesereisen, auf denen er mühelos Säle mit 2000 Zuhörern und sein Konto mit Reichtum füllte.

Und dann geht es natürlich auch um Dickens‘ verlegerische Aktivitäten, obwohl ihm ein akademischer Bildungshintergrund fehlte, seine streng geregelte Arbeitsweise; seine Empörung über die ungehobelten Amerikaner, die seine Werke in Raubdrucken nachdruckten und gar nicht verstehen mochten, wieso dem Herrn Dickens die Copyright-Verletzungen so zuwider waren.

Alles in allem ist Kaplans Buch ein überzeugender Begleiter, wenn man Dickens‘ gleichsam kometenhaften Aufstieg zum berühmtesten und erfolgreichsten britischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts nachvollziehen will. Und die ein oder andere Stelle, in der es um öde Gehaltsverhandlungen geht oder in denen man kurzzeitig den Überblick über seinen ausgedehnten Freundeskreis zu verlieren droht, kann man ja querlesen.

 

 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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