Rónán Hession: Leonard and Hungry Paul (2019)

Was für ein feines, außergewöhnliches Buch. Ein klarer Fall für meine Kategorie der freundlichen Bücher.

Das Debüt des irischen Musikers Rónán Hession, der bisher nur Erzählungen veröffentlicht hatte, handelt von Leonhard und Hungry Paul, zwei ledigen Freunden in den Dreißigern, die so ziemlich das Gegenteil dessen verkörpern, was als momentan angesagt gelten könnte. Sie posen nicht auf Instagram – Hungry Paul hat noch nicht einmal ein Handy -, sie hatten weder eine traumatische Kindheit noch hatten sie je eine Freundin. Sie sind im menschlichen Miteinander ein wenig unbeholfen bzw. ungeübt und mögen weder größere Menschenansammlungen noch Smalltalk mit Fremden. Sie sind weder schlagfertig noch in irgendeiner Weise herausragend und im Grunde die, die normalerweise übersehen und überhört, bestenfalls etwas mitleidig belächelt werden. Genau deshalb sind sie aber auch unverbogen, verschwenden keine Energie auf Selbstdarstellung, sondern haben Zeit, sich ihren eigenen Interessen zu widmen und sich ihre eigenen Gedanken zu machen.

Leonhard, der beruflich Nachschlagewerke für Kinder schreibt und langsam die Nase voll hat von den seelenlos wie am Fließband entwickelten Büchern, hat gerade seine Mutter verloren, mit der er zusammengewohnt hat. Über sie heißt es:

She was a person for whom kindness was a very ordinary thing, who believed that the only acceptable excuse for not having a bird feeder in the back garden was that you had one in the front garden. (S. 2)

In der Trauer wird ihm bewusst, wie ruhig und einsam sein Leben ist.

He found book shops to be comforting places and book buying a comforting activity, but he was an absent-minded reader these days, the act of reading that much more solitary without his mother pottering around the house in the background. (S. 4)

Hungry Paul wohnt ebenfalls noch bei seinen Eltern  und ist – abgesehen von seinen Einsätzen als Ersatzbriefträger – im Grunde arbeitslos.

In truth, he never left home because his family was a happy one, and maybe it’s rarer than it ought to be that a person appreciates such things. (S. 6)

Abends besucht Leonhard oft seinen Freund und dessen Familie, dann wird geredet, ferngesehen und es werden Brettspiele gespielt.

Hungry Paul lived on a knife edge between a passion for board games and an aversion to instruction booklets. (S. 14)

Pauls Schwester Grace, die ein klein wenig zur Besserwisserei und zum Helfersysndrom neigt, steht kurz vor der Hochzeit mit Andrew und macht sich Sorgen, dass ihre Eltern sich durch die Fürsorge um Paul vielleicht um die Freiheit bringen, endlich ihren verdienten Ruhestand zu genießen. Hungry Paul wird derweil von seiner Mutter verdonnert, sie in Zukunft bei ihren ehrenamtlichen Besuchen im Krankenhaus zu begleiten. Da würde ich am liebsten gleich spoilern, wie das weitergeht. Aber nein, tue ich nicht.

Heimlich nimmt Paul außerdem an einem Wettbewerb teil, der ausgerufen wurde, um eine zeitgemäßere Schlussformel für die allgegenwärtigen E-Mails zu finden. Das wiederum führt zu einigen unvorhersehbaren Turbulenzen und Bekanntschaften.

Leonhard hingegen lernt zufällig in seinem Großraumbüro eine junge Frau kennen, was allerdings ebenfalls mit diversen Tücken und Fallstricken behaftet ist und ihn mehr als einmal heftig in die Bredouille bringt.

Diesen beiden bedächtigen freiwillig-unfreiwilligen Eigenbrötlern in ihrem unspektakulären Dasein folgen wir nun. Dass das streckenweise eher kunstlos und etwas spröde runtererzählt wird, hat nur selten gestört, da der Autor es durch freundlichen Humor, die Balance zwischen ernsten, leichten und schrägen Szenen und reizende Zwischenbemerkungen schafft, dass ich mir mehr Stellen angestrichen habe, als ich hier zitieren kann. Und vielleicht muss man diese Geschichte ja auch genau so erzählen, da der Stil zu den beiden Männern passt wie der Deckel auf die Dose.

Die beiden Freunde Leonhard und Hungry Paul werden dabei nicht als Freaks vorgeführt, sondern als rundherum glaubwürdige und würdige Charaktere geschildert, die man sofort in seinen Freundeskreis adoptieren möchte.

Paul sagt an einer Stelle über sich:

As you know, I have always been modestly Hippocratic in my instincts: I wish to do no harm. My preference has always been to stand back from the world. Much like the Green Cross Code, I like to stop, look and listen before getting involved in things. It has stood me well and kept me on peaceful terms with my fellow man. […] the trick is to know how much of the world to let in, without becoming overwhelmed. (S. 18/19)

Und dann könnte man sich abends mit ihnen die Zeit vertreiben bei Brettspielen und anregenden Gesprächen über den „Schrei“ von Munch, die Ausdehnung des Universum und den ganzen Rest. Und von ihnen lernen. Mit angemessenen Schweigepausen, versteht sich.

For the two friends, the bleaching of the coral reefs was as current as the latest general election; the discovery of new dwarf planets was as relevant as last night’s penalty shoot-out; and Marco Polo was discussed as others might gossip about the latest red carpet ingénue. (S. 15)

Mary Whipple fasst es auf ihrem Blog treffend zusammen, wenn sie schreibt:

With two main characters who have little to suggest that their stories will become the charming, funny, insightful, and un-put-down-able chronicles that eventually evolve, Irish author Rónán Hession demonstrates his own creativity and his own ideas regarding communication and its importance or lack of it in our lives.  He ignores the generations-old traditions of boisterous Irish writing and non-stop action in favor of a quiet, kindly, and highly original analysis of his characters and their unpretentious and self-contained lives.  In this way, he draws in his readers and makes them identify, however impossible that may seem, with two young men whose enjoyment of the small moments makes them less needful of communicating, especially with more worldly, socially active, and often less thoughtful people.

Hier geht’s lang zur Besprechung von Carrie O’Grady im Guardian.

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

4 Kommentare zu „Rónán Hession: Leonard and Hungry Paul (2019)“

  1. Oh wie schade, dass es dieses Buch nicht auf Deutsch gibt. Das klingt so schön, was Du da schreibst und das Lesen Deines Beitrags hat mir gerade direkt ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert.
    Liebe Grüße,
    Barbara

    1. Hallo Barbara,
      vielen Dank für deine nette Rückmeldung. Ja, es ist ein Buch, das guttut. Ich hoffe sehr, dass es ins Deutsche übersetzt wird.
      LG und noch einen sonnigen Sonntag
      Anna

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