Geheime Welten: Deutsche Tagebücher aus den Jahren 1939-1947 (1999)

Der Filmregisseur und Autor Heinrich Breloer (*1942) hat in dem Band 281 aus der Reihe Die Andere Bibliothek Ausschnitte aus zwölf Tagebüchern zusammengestellt, die allesamt aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Wochen und Monaten des Kriegsendes.

Es ist eine intensive und auch spannende Geschichtsstunde, die uns hier vermittelt wird. Da steht die hellsichtige Abneigung eines jungen Schülers gegen den Nationalsozialismus neben den Fronterfahrungen des Soldaten und der Fanatismus einer gläubigen Hitleranhängerin neben der Sehnsucht einer jungen Frau aus sozialdemokratischer Familie nach dem baldigen Untergang des Terrorregimes. Gleichzeitig werden Kinoabende genossen, sich Sorgen um die Familie gemacht, es geht um die Bombardierung Hamburgs, die große Liebe, nervenaufreibende Jahre in heimlichen Verstecken, um nicht in russische Kriegsgefangenschaft zu geraten, um Aufenthalte im Luftschutzbunker sowie um Fluchterfahrungen der Vertriebenen. Daneben Szenen unfassbarer Dämlichkeit und Grausamkeit; noch im allierten Gefangenenlager werden Deutsche von ihren Kameraden totgeschlagen, weil sie nicht mehr an den Endsieg glauben.

Die Tagebücher zeigen: Für viele war Hiter die legitimierte Lichtgestalt, solange die Siegesmeldungen kamen. Alle Propaganda-Begründungen für Krieg und Unrecht hatte man verinnerlicht. Erst die Niederlagen und der endgültige Zusammenbruch des Regimes erschüttern den Glauben vieler Deutscher an die Rechtmäßigkeit des Hitlerterrors. Ausgeblendet wurde alles, was den Kreis des eigenen Lebens überstieg.  So sagt sich manch einer innerlich in dem Moment vom „Führer“ los, als auch die eigene Familie in Deutschland vom Bombenhagel der Allierten getroffen werden konnte.

Wenn der Krieg in dieser Weise verlorengeht und wenn meine Familie dabei leidet, dann hasse ich Hitler von ganzer Seele, denn er hat das große Unglück in dieser Weise heraufbeschworen. (Kurt, S., in seinem Versteck in den Karpaten, S. 209)

Manch einer jammert dann noch über den unfairen Feind und die Unbelehrbaren fantasieren währenddessen bereits von einer neuen Dolchstoßlegende, vom schmählichen Verrat am tapferen deutschen Soldaten.

Die Meldung im Radio vom 1. Mai 1945 zum Tode Hitlers war mehreren der Tagebuch-Schreibenden eine Eintragung wert:

‚Der Führer Adolf Hitler ist heute nachmittag auf seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge kämpfend, für Deutschland gefallen.‘ Tot also. Schade. Er sollte doch noch arbeiten und wenigstens einige der Qualen ausstehen, die er Millionen von Menschen bereitet hat. (Erika S., aus sozialdemokratischem Elternhaus, S. 122)

Eine andere junge Frau, die ganz beglückt war, als das Attentat auf Hitler misslang, hält diesen Moment so fest:

Unser Führer, der uns soviel versprochen hat, hat erreicht, was noch kein deutscher Machthaber fertigbekommen hat, er hat ein völlig zerstörtes Deutschland hinterlassen, alle Menschen um Haus und Hof gebracht, aus ihrer Heimat vertrieben, Millionen sterben lassen, kurz ein entsetzliches Chaos erzielt. Und wieder müssen wir, das arme Volk, die Suppe auslöffeln. (S. 141)

Charlotte L., die noch am 22. April fest an den Endsieg glaubt, schreibt am 5. Mai 1945:

In diesen schwierigen Tagen hat sich unendlich Schweres für Deutschland zugetragen. Unser Führer war in Berlin und kämpfte selbst gegen den größten Feind der Deutschen, den Bolschewismus. Er fiel am 1. Mai für sein Volk. Ich wollte es nicht glauben. Unser geliebter Führer, der alles für uns, für Deutschland getan hat. Werden wir jemals ihm all die Jahren danken können! Wie wenige aber sind ihm noch treu auch über den Tod hinaus. Was ist der Deutsche nur für ein Mensch, daß er so unbeständig in seiner Meinung ist. Mir will es das Herz zerreißen, wenn ich sehe, wie die Menschen die Weltanschauung wechseln.

Hannelore S. schreibt am 30. Mai 1945:

Das Leben ist zu grausam. War all das Beten u. Bangen, das Bitten u. Hoffen, all die Opfer umsonst? […] Kann es einen Gott geben, der das alles so mit ansieht? Gott ist gerecht. Aber ist es gerecht, daß ein Volk, das alles geopfert hat, um zu leben, nur um zu leben und sauber bleiben zu dürfen, auf diese Weise untergehen muß? Es ist schwer, weiter Idealist zu sein u. nicht schlecht zu werden. (S. 269)

Es war aufschlussreich zu lesen, wie die Zivilbevölkerung auf das nahende Kriegsende blickte. Bei der Lektüre wird einem wieder bewusst, welche Illusionen, welch ideologische Verblendung und welcher Größenwahn damit zusammenbrachen, welche Ressentiments nach Kriegsende wohl weiterschwelten, welche Verrohung sich nun nicht mehr austoben durfte, aber auch welches Leid, welche Verluste und Alpträume noch traumatisch in der Generation meiner Großeltern weitergewirkt haben müssen.

Ich dachte im Bette darüber nach, daß ich wirklich nicht mehr leben möchte, wenn dieser Hitler mit seiner mörderischen Bande von Nationalsozialisten  endgültiger Sieger in diesem Ringen bleiben sollte. Ich möchte lieber sterben, als das erleben! (Heinrich S, 9. April 1941)

Am Ende wird aber auch deutlich, dass die schönen Worte aus dem Vorwort nicht stimmen. Auch Tagebuch-Schreibende sind verführbar, standhaft, feige, verblendet, fanatisch, hellsichtig, opferbereit, lernfähig und zur Reue fähig. So wie alle anderen Menschen auch.

Dennoch, wer seine verborgenen Gedanken aufschreibt, der ist für die große Anpassung ungeeignet. (S. 8)

Die große Frage bleibt: Was schützt den Menschen vor Ideologie, Verschwörungsmythen, Größenwahn?

Und Viktor Klemperer müsste man auch dringend mal wieder lesen…

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

4 Kommentare zu „Geheime Welten: Deutsche Tagebücher aus den Jahren 1939-1947 (1999)“

  1. Danke für die Einblicke in die geheimen, privaten Tagebücher aus der Zeit des Endes des Nationalsozialismus. Was aus den Autorinnen und Autoren geworden sein mag?
    „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten.“ Klemperers Tagebücher 1933–1945, Berlin 1995, waren ein fesselnd zu lesendes Zeitdokument.

    1. Den Kapiteln der Tagebuch-VerfasserInnen ist jeweils ein kurzes Interview mit Breloer zugeordnet und im Anhang finden sich kurze biografische Abrisse.
      Klemperers Tagebuch: ein Schatz, ohne Frage, gelesen in bloglosen Zeiten.
      Ein sonniges Wochenende.

  2. Herzlichen Dank für die Vorstellung dieses Tagebuch-Buchs.
    Wir lasen auch Klemperers Tagebücher, die uns bewegt hatten.
    Alles Gute
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

  3. Ja, die Klemperer-Bände las ich in blogloser Zeit. Von ihnen hab ich viel über den Nationalsozialismus und über die menschliche Natur gelernt. Liebe Grüße und einen wunderbaren Frühsommer! Anna

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