Grazia Deledda: Schilf im Wind (OA 1913)

Die italienische Insel Sardinien zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist der Schauplatz des Romans Schilf im Wind von Deledda. Die sardische Schriftstellerin lebte von 1871 bis 1936 und blieb, auch wenn sie 1900 mit ihrem Mann schließlich nach Rom zog, ihrer Heimatinsel immer verbunden. 1926 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. In der Rede zur Verleihung des Preises heißt es:

In this town, so little influenced by the Italian mainland, Grazia Deledda grew up surrounded by a savagely beautiful natural setting and by people who possessed a certain primitive grandeur, in a house that had a sort of biblical simplicity about it. «We girls», Grazia Deledda writes, «were never allowed to go out except to go to Mass or to take an occasional walk in the countryside.» She had no chance to get an advanced education, and like the other middle-class children in the area, she went only to the local school. Later she took a few private lessons in French and Italian because her family spoke only the Sardinian dialect at home. Her education, then, was not extensive. However, she was thoroughly acquainted with and delighted in the folk songs of her town with its hymns to the saints, its ballads, and its lullabies. She was also familiar with the legends and traditions of Nuoro. Furthermore, she had an opportunity at home to read a few works of Italian literature and a few novels in translation, since by Sardinian standards her family was relatively well-to-do. But this was all. Yet the young girl took a great liking to her studies, and at only thirteen she wrote a whimsical but tragic short story, (…) which she succeeded in publishing in a Roman newspaper. The people at Nuoro did not at all like this display of audacity, since women were not supposed to concern themselves with anything but domestic duties. But Grazia Deledda did not conform; instead she devoted herself to writing novels (…) with which she made a name for herself. She came to be recognized as one of the best young female writers in Italy. 

Und wenn man den Roman, z. B. in der Neuedition des Manesse Verlags, liest, spürt man auf jeder Seite die Verbundenheit der Autorin mit der Heimat ihrer Jugend. Die Schönheit der Natur, der Wechsel der Jahreszeiten, das Wetter, die Pflanzen, alles wird liebevoll wahrgenommen und besungen. 

Da öffnet sich mit einem Mal das Tal, und hoch oben auf der Kuppe eines Hügels taucht wie ein gewaltiger Trümmerhaufen die Burgruine auf. Aus dem schwarzen Mauerwerk blickt eine leere blaue Fensterhöhle wie das Auge der Vergangenheit selbst auf die melancholische, von der aufgehenden Sonne in rosiges Licht getauchte Landschaft hinaus, auf die geschwungene Ebene mit den grauen Sandtupfern und den blassgelben Binsenflecken, auf die grünliche Ader des Flusslaufs, die weißen Dörfer, aus deren Mitte die Glockentürme emporragen wie die Blütenstempel aus den Blumen, auf die Hügel oberhalb der kleinen Ortschaften und auf die malven- und goldfarbene Wolke der Nuoreser Berge im Hintergrund. (S. 26)

Die Vorgeschichte der Handlung wird auf den ersten Seiten abgehandelt:

Donna Lia, seine dritte Tochter, verschwand eines Tages aus dem väterlichen Haus, und lange Zeit hörte man nichts mehr von ihr. Der Schatten des Todes lastete auf dem Haus. Niemals hatte es in der Gegend einen derartigen Skandal gegeben, niemals zuvor war ein adliges und wohlerzogenes Mädchen wie Lia auf eine solche Weise geflohen. Don Zame schien den Verstand zu verlieren. Auf der Suche nach Lia irrte er in der ganzen Gegend umher und durchkämmte die Küste. Doch niemand konnte ihm Auskunft über sie geben. Endlich schrieb sie ihren Schwestern, dass sie sich an einem sicheren Ort befände und glücklich sei, ihre Ketten gesprengt zu haben. Die Schwestern aber verziehen ihr dies nicht und gaben ihr keine Antwort. (S. 19)

Unterdessen schrieb Lia den Schwestern, die durch ihre Flucht entehrt worden waren und daher keine Ehemänner fanden, einen Brief, in dem sie ihre Heirat ankündigte. Der Ehemann war ein Viehhändler (…) Die Schwestern konnten ihr diesen neuerlichen Fehltritt – die Ehe mit einem Mann aus dem Volk, den sie unter so beschämenden Umständen kennengelernt hatte – nicht verzeihen und gaben ihr keine Antwort. (S. 20)

Jahrzehnte später kommt nun Giacinto, der Sohn der verstorbenen Lia, zu seinen drei Tanten und deren einzigem Knecht Efix. Das herrschaftliche Gut ist nach dem Tod des Vaters so heruntergewirtschaftet und die drei Schwestern so verarmt, dass Efix schon seit Jahren keinen Lohn mehr bekommen hat. Dennoch hängt er mit unverbrüchlicher, man möchte sagen, naiver und zunächst auch unverständlicher Treue an seinen drei „Herrinnen“ und hofft, dass die Ankunft Giacintos den Beginn besserer Zeiten für alle bedeutet. Doch zunächst verursacht der junge Mann im Dorf nur Chaos, Schulden und verstörte Frauenherzen. 

Heidentum vermischt sich mit Aberglauben und tiefer Frömmigkeit. Ein wenig Abwechslung in den kargen und eintönigen Alltag mit seiner Armut und der harten Arbeit bringen die christlichen Feste und Pilgerfahrten. Malaria, Banditentum, die künstliche Kluft zwischen einfachem Volk und dem Adel, die Rolle der Frau; all das wird hingenommen, nicht hinterfragt, und unter Schicksal – das menschliche Leben als Schilf im Wind – wird verbucht, was vielleicht doch einfach Folge menschlicher Irrtümer und zu enger geistiger und menschlicher Horizonte ist.

Der Erzählstrom fließt entspannt dahin. Das Lesen entschleunigt. Die Psychologie der Figuren ist nicht so entscheidend. Die Menschen sind eingeschrieben in die Landschaft, ihre Erinnerungen und ihre archaischen Traditionen, die nur sehr sehr allmählich in Frage gestellt werden. Und deshalb bleiben mir die Figuren allesamt fremd; die Distanz ist für mich als Leserin nicht ohne Weiteres zu überbrücken, auch wenn der melancholische Grundton durchaus reizvoll ist.

Doch darüber wunderte er sich nicht mehr; weit weg gehen, man musste weit weg gehen, in andere Gefilde, wo es größere Dinge gab als die unsrigen. (S. 387)

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

2 Kommentare zu „Grazia Deledda: Schilf im Wind (OA 1913)“

  1. Der Roman wartet hier noch auf meinem Stapel, um gelesen zu werden… ich finde die Manesseausgabe auch optisch sehr schön… aber irgendwie ist mir bis jetzt immer noch andere Lektüre dazwischen gekommen. Danke für die Rezension und die Erinnerung, dass ich das bald mal in Angriff nehme. Herzliche Grüße!

    1. Die Buchhändlerin beklagte, dass der Roman kaum gekauft worden sei. Aber eine Nobelpreisträgerin, von der ich zuvor noch nie gehört hatte, reizte mich dann doch. Bin also gespannt, was du irgendwann zu berichten weißt. Aber dass einem ständig andere Bücher „dazwischen“ kommen, kenne ich nur zu gut 🙂 LG Anna

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