Constanze Scheib: Der Würger von Hietzing (2021)

Der Kulturbowle verdanke ich den schönen Hinweis auf eine neue Ermittlerin im Krimibereich: Die Wiener Schauspielerin und Autorin Constanze Scheib (*1979) schickt Helene Ehrenstein, eine  32-jährige Dame aus den feinsten Kreisen, im Wien der siebziger Jahren auf Verbrecherjagd.

Helene langweilt sich schon lange in ihrer Ehe mit dem steifen, aber wohlhabenden Oskar. Auch die gelegentlichen Zoo-Besuche mit ihrem Sohn Willi, Shoppingtouren mit ihren zwei Freundinnen und die morgendliche Inspektion des Dienstpersonals lasten sie längst nicht mehr aus. Da erfährt sie von einer Einbruch- und Mordserie, die gar nicht weit von ihrer Villa schon mehrere ältere Frauen das Leben gekostet hat.

Der „Würger von Hietzing“ hat auch die Tante ihres Dienstmädchens Bianca auf dem Gewissen. Also beschließt Helene kurzerhand, ausgestattet mit Stöckelschuhen, Perlenkette, reichlich Naivität und Unternehmungslust sowie der Hilfe ihres bodenständigen zweiten Dienstmädchens Marie den Täter dingfest zu machen.

‘Jemand muss etwas unternehmen! Und was ich auf den Tod nicht leiden kann, sind Leute, die sich nur aufpudeln und sich zu fein sind, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.‘ (S. 40)

Das allerdings erweist sich als schwieriger als gedacht und die Lektüre vieler Krimis und eine Vorliebe für Whisky und Miss Marple ist dabei gar nicht immer so hilfreich. Dass man dabei sogar in Gefahr kommen und – noch viel schlimmer – andere in Gefahr bringen kann, zeigt sich im Laufe der etwas chaotisch geführten Ermittlungen immer deutlicher. 

Als Leserin hat man am Aufeinanderprallen der verschiedenen sozialen Schichten, an Situationskomik und dem Lokalkolorit viel Spaß. So habe ich zum Beispiel gelernt, was eine Bassena ist. Und Marie hat mehr als einmal den berechtigen Eindruck, dass ihre „Gnä’ Frau“ doch weit weg vom Leben der normalen Leute ist. Aber Helene lernt dazu und lässt sich auf neue Milieus mit Begeisterung und echtem Interesse ein, selbst wenn das bedeutet, mal skandalös angeschickert bei ihrer Frisörin aufzutauchen.

Zwar hätte ich mir gewünscht, dass die Autorin ihre Hauptfigur besonders in den ersten Kapiteln etwas ernster genommen hätte und die Schreibung der Anredepronomen vom Kampa Verlag sorgfältiger lektoriert worden wäre. Aber das wurde wieder wettgemacht durch die geschickte Verwendung des Wiener Dialekts, der nicht nur die Personen charakterisiert, sondern mir als Unkundiger einfach auch viel Spaß gemacht hat. Allein das Verb „aufpudeln“ ist doch schon großes Kino. Definitiv ein unterhaltsamer Krimi für ein verregnetes Wochenende. Also, ich würde Frau Ehrenstein auch bei weiteren Ermittlungen begleiten.

 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

2 Kommentare zu „Constanze Scheib: Der Würger von Hietzing (2021)“

  1. Liebe Anna, es freut mich sehr, dass mein Tip bei Dir ins Schwarze getroffen hat. Vielen herzlichen Dank fürs Verlinken und ein schönes Wochenende mit Sonnenschein und guten Büchern wünscht Dir, Barbara

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