Lennie Goodings: A Bite of the Apple (2020)

Wow, hier macht Lennie Goodings, eine wegweisende Frau der britischen Verlagslandschaft – Verlag Virago – nicht nur Lust aufs Lesen, sondern eröffnet mir auch einen vertieften Blick auf die Frage, warum ich lese, was ich lese, oder anders ausgedrückt, warum es wichtiger denn je ist, sich dem Lesen und der Literatur auch aus einem weiblichen Blickwinkel zu nähern. Gilt übrigens auch für Männer.

Zum Hintergrund

Inzwischen dürfte es überall angekommen sein: Frauen wurde es in früheren Jahrhunderten ungleich schwerer oder gleich unmöglich gemacht, sich als Autorinnen zu etablieren. So überrascht es nicht, dass in der älteren Literaturgeschichte die Männer dominieren, das lässt sich trotz der ein oder anderen nachträglichen Wiederentdeckung nun auch nicht mehr rückgängig machen. Doch das Frappierende ist, dass sich diese Benachteiligung und Abwertung weiblicher literarischer Auseinandersetzung mit sich und der Welt – wenn inzwischen meist subtiler – bis in die Gegenwart zieht. Und so sind beispielsweise in Büchern, die sich mit Büchern beschäftigen, männliche Autoren bis in die Gegenwart hinein grundsätzlich in der Überzahl.

Seitdem wir angefangen haben, unser eigenes Leseverhalten genauer in den Blick zu nehmen, stellen wir fest, dass der größte Teil unserer eigenen Schullektüre von Männern geschrieben wurde, dass viele Leserinnen keinerlei Berührungsängste haben, sich auch mit männlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen, doch dies umgekehrt viel seltener der Fall ist. Und eine Entsprechung zu dem meist herablassend-abwertend gemeinten Begriff „Frauenliteratur“ gibt es auch nicht. Im Englischen gibt es ebenfalls zwar „the woman writer“, aber niemals einen „man writer“.

Zum Buch

Erst 1975 wurden der britischen Öffentlichkeit Nachrichtensprecherinnen „zugemutet“; vorher waren Meinungsumfragen (und männliche Sprecher) immer zu dem Ergebnis gekommen, dass weibliche Stimmen nicht „acceptable“ seien (siehe hierzu auch den Artikel im Tagesspiegel, der an Wibke Bruhns erinnert).

In den Siebzigern entstanden in Großbritannien im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen einschließlich der zweiten Welle der Frauenbewegung auch eine Reihe an Zeitschriften und Kleinverlagen, die u. a. dieser Diskriminierung entgegenwirken wollten. Carmen Callil gründete 1973 den Verlag Virago, der fast ausschließlich Autorinnen eine Bühne bietet und in dem sich Leserinnen mit ihren Erfahrungen wiederfinden sollten. 

Virago wanted to address all women and all of women‘s experiences. It challenged the idea of niche publishing from the start. […] The refusal to be seen as marginal; the desire to inspire and educate and entertain all women, and men too; to bring women‘s issues and stories into the mainstream; to demonstrate a female literary tradition: these passions and beliefs were the bedrock of Virago. (S. 13)

Lennie Goodings, eine junge Kanadierin, kam 1977 nach London und ergatterte 1978 einen Teilzeitjob bei Virago.

I am just twenty-five, Canadian, new to Britain, and in awe of this formidable woman [Carmen Callil], but as there are only two of us in the office I feel emboldened to ask: ‘Why did you start Virago?‘ She looks up and, without missing a beat, replies, ‘To change the world, darling. That‘s why.‘ I know I am in the right place. (Vorwort)

Nach einem Jahr wollte Goodings eigentlich zurück nach Kanada, um sich dort einen ordentlichen Job zu suchen. Nun, das hat nicht geklappt, inzwischen ist sie Vorsitzende des Verlags und  hat 2020 A Bite of the Apple (der angebissene Apfel ist das Logo des Verlags) veröffentlicht. Der Untertitel bringt es auf den Punkt: A Life with Books, Writers and Virago.

Dieser Verlag wurde, im Gegensatz zu vielen anderen Projekten der damaligen Zeit, von Anfang an als Unternehmen angelegt, das selbstverständlich Gewinn erwirtschaften sollte. Das Verlagsprogramm besteht bis heute aus Neuauflagen von beinahe in Vergessenheit geratenen Autorinnen, feministischen Grundlagenwerken, Sachbüchern, Romanen, Anthologien, Jugendbüchern, Lyrik, Reiseliteratur und Taschenbuchausgaben bekannter Werke von Frauen. Diese große thematische Bandbreite ist sicherlich eine der Stärken des Verlags, der inzwischen ein Imprint von Little, Brown and Company ist, die wiederum gehören seit 2006 zur Hachette Book Group.

Goodings schreibt mit ansteckender Begeisterung und herzerwärmender Ehrlichkeit über das Engagement der Gründerinnen und die Entwicklung des Verlags, der als kleine Ein-Raum-Klitsche angefangen hat.

We had one loo with a door that didn‘t reach the floor or ceiling. That‘s where we went to have a cry when it was all too much. And, frankly, it often was. (S. 36)

Sie zeichnet nicht nur den Gegenwind aus bestimmten feministischen Kreisen und die finanziellen Erwägungen nach, die zu den diversen Eigentümerwechseln führten, sondern auch die internen Krisen und unterschiedlichen Standpunkte (die natürlich von der Presse begeistert als Zickenkrieg verfolgt wurden).

Aber noch wichtiger: Man bekommt einen Einblick in die Strömungen des Feminismus, die sich auch anhand der Autorinnenauswahl und der Backlist sowie der Diskussionen bei Lesungen verfolgen lassen. Dabei haben sich die Verantwortlichen des Verlags nie für eine Richtung und eine allein gültige Definition von Feminismus vereinnahmen lassen. 

Es gibt immer wieder wunderbare Anekdoten und Einblicke in die Arbeit mit nicht immer unkomplizierten Autorinnen:

Though not every author wants an editor‘s views. One of our Virago editors once asked an author into the office to discuss her manuscript, which she had printed out and carefully annotated with pencilled suggestions and edits. The author looked at it, then took the entire pile of paper, walked to the open window, tossed it all out into the street, and left. (S. 208)

Einige der zum Teil weltberühmten Schriftstellerinnen sind ihr zu Freundinnen geworden, wie Margaret Atwood, Angela Carter und Sarah Waters etc. Maya Angelou wurde in Großbritannien erstmals von Virago verlegt und die Parties mit ihr müssen legendär gewesen sein.

I Know Why the Caged Bird Sings had never been published in the UK despite it being well known in America since its publication in 1969. Maya Angelou told us that her memoir had been sent to British publishers in the 1970s but they had all turned it down, saying no one would be interested in the story of a young black girl growing up in the American South. She loved us for taking a chance on her… (S. 142)

Goodings beschäftigt sich mit den Fragen, warum manche Autorinnen weder bei Virago verlegt werden möchten noch wollen, dass ihre Bücher beim Women’s Prize for Fiction, einem renommierten Literaturpreis, eingereicht werden. Und wie könne man erklären, dass die meisten Männer keine Bücher von Frauen lesen wollen und nur ihren Geschlechtsgenossen zutrauen, welthaltig zu schreiben? Sie zitiert Anne Enright, die unser Wahrnehmungsproblem überspitzt, aber doch zutreffend auf den Punkt bringt:

It is tempting to [… conclude] that men and women are read differently, even when they write the same thing. If a man writes ‘The cat sat on the mat‘ we admire the economy of his prose; if a woman does we find it banal. If a man writes ‘The cat sat on the mat‘ we are taken by the simplicity of his sentence structure, its toughness and precision. […] If, on the other hand, a woman writes ‘The cat sat on the mat‘, her concerns are clearly domestic, and sort of limiting. (S. 241)

Aber Goodings geht auch auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein, in denen sich Verlagsarbeit abspielt. Mitte der neunziger Jahre fiel die Buchpreisbindung in Großbritannien, was maßgeblich dazu beitrug, dass in den folgenden zwei Jahren ca. 500 selbstständige Buchhandlungen schließen mussten.

Gleichzeitig verfolgt Goodings – durchaus selbstkritisch – wie sich das ursprüngliche Anliegen, Bücher von und für Frauen zu veröffentlichen, erweitern und ausdifferenzieren musste: Neue Blickwinkel kommen dazu: der moderne, subtile Sexismus, Rassismuserfahrungen, Migrationserzählungen und Bücher von und für PoC und GLBTQ-LeserInnen. Schon seit Jahrzehnten gibt es in Großbritannien Bestrebungen, mehr PoCs den Zugang zum Verlagswesen zu ermöglichen. Margaret Busby beispielsweise gründete in den Achtzigern die Organisation GAP – Greater Access to Publishing -, zu deren Mitgliedern auch Lennie Goodings gehört. Busby schrieb 1984 in einem Zeitungsartikel:

Is it enough to respond to a demand for books reflecting the presence of ‚ethnic minorities‘ while perpetuating a system which does not actively encourage their involvement at all levels? The reality is that the appearance and circulation of books supposedly produced with these communities in mind is usually dependent on what the dominant white (male) community, which controls schools, libraries, bookshops and publishing houses, will permit.

Die Bereitschaft, bisher ausgegrenzten, unsichtbaren Mitgliedern der Gesellschaft zuzuhören, sie zu veröffentlichen, sorgte allerdings auch für missliche Situationen. In den späten Achtzigern war der Verlag begeistert über das Manuskript einer Rahila Khan, die sich als „British Asian“ bezeichnete. Das Buch wurde gedruckt und ausgeliefert. Dann stellte sich heraus, dass das Ganze nur inszeniert war.  Hinter dem Pseudonym Rahila Khan verbarg sich ein weißer anglikanischer Geistlicher, der wohl hoffte, auf einer vermeintlichen Welle politischer Korrektheit rascher veröffentlicht zu werden. Die Viragos waren not amused und ließen das Buch einstampfen. Der Vorfall sorgte für allerlei Erheiterung und Spott, stieß aber gleichzeitig wichtige Debatten an (siehe zum Beispiel folgenden Artikel How Virago blew up the canon).

A Bite of the Apple ist wahrlich ein Augenöffner; wie wichtig es ist, eine vielseitige Verlagslandschaft zu haben, wie wichtig es ist, sich überhaupt einmal klarzumachen, von welchen Verlagen man etwas kauft/liest, wie viel es noch in der Literaturgeschichte zu entdecken gibt und wie sehr unser Leseverhalten von Männern geprägt worden ist. Über die Frage, die Goodings immer wieder gestellt wird, ob denn heutzutage ein solcher Verlag überhaupt noch vonnöten sei, kann man am Ende nur freundlich lächeln.

Es war höchst spannend, wie Goodings hier den Vorhang gelüftet und uns einen Einblick in ihre Liebe zur Literatur, der sie zutraut, Leben zu verändern, und in vierzig Jahre Verlagsarbeit gegeben hat.

Dass Goodings dabei nicht müde wird, die einflussreiche Liste der Virago Modern Classics zu erwähnen, ist allerdings eine der Gefahren, denen man beim Lesen nicht ausweichen kann. 

The Virago Modern Classics began in 1978 with the idea of blasting this canon [of great literature] wide open: to challenge the narrow notion of ‚great‘ and also to challenge the idea of who gets to decide what is great. (S. 238)

Das Einzige, was ich Virago ein wenig übelnehme, ist der unschöne Ausruf der Virago-Gründerin Carmen Callil „Below the Whipple line I will not go“, mit dem sie Bücher ablehnte, die ihrem Qualitätsstandard nicht entsprachen. Das bezog sich auf den ihrer Meinung nach schrecklichen Stil von Dorothy Whipple, einer in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts sehr populären Autorin. Nun, das finde ich Dorothy Whipple gegenüber doch eher ungerecht. Und ich freue mich, dass die Neuauflagen von Whipples Büchern eine wertschätzendere Heimat im 1998 gegründeten Persephone Verlag gefunden haben – und dort zu den finanziell einträglichsten Titeln gehören.

Hier noch ein informativer Artikel aus dem Guardian zur Entwicklung des Verlagshauses.

PS: Nach der Lektüre war ich neugierig, welche Bücher ich schon hier auf dem Blog vorgestellt habe, die (auch) von Virago verlegt worden sind. 

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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