Nicole Seifert: FRAUENLITERATUR – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt (2021)

Die Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert greift gleich zu Beginn ihrer lesenswerten Abhandlung ein Zitat von Margaret Atwood auf:

Könnte es sein, dass Frauen furchtlos Bücher lesen, die unter Umständen als ‚Männerromane‘ gelten könnten, während Männer immer noch glauben, ihnen fiele etwas ab, wenn sie ein paar Sekunden zu lange auf bestimmte, von Frauen sicher hinterlistig miteinander kombinierte Wörter blicken? (S. 11)

Nun, es ist längst erwiesen, Männer lesen viel viel seltener Literatur, wenn diese von Frauen verfasst wurde, während Frauen umgekehrt wesentlich seltener Berührungsängste haben. Selbst die Leserschaft weltbekannter Autorinnen wie Margaret Atwood besteht nur zu 20 % Prozent aus Männern (siehe den Artikel von MA Sieghart im Guardian). Dies Missverhältnis findet sich übrigens auch bei  Sachbüchern.

Neben dieser fehlenden Bereitschaft, Autorinnen wahrzunehmen, gibt es auch aktive Abwertung, wie sie schon in der Tatsache zum Ausdruck komme, dass es kein Äquivalent zu dem Begriff ‚Frauenliteratur‘ gibt. Seifert würde lieber von einem „weiblichen Schreiben“ sprechen, da Autorinnen über Jahrhunderte von  eingrenzenden Lebensbedingungen beeinflusst waren, daraus ergeben sich bestimmte Themen und Motive, die überdurchschnittlich oft verwendet werden:

Zum Beispiel das Ausgeschlossensein aus der Gesellschaft, das Eingeschlossensein im Haus und die Erwartungen, die an Frauen gestellt wurden und werden. Autorinnen beschreiben über Jahrzehnte und Jahrhunderte, wie ­Prota­gonistinnen krank werden, weil sie versuchen diese Erwartungen zu erfüllen. Und das zieht sich bis heute durch. (Interview mit der taz am 2.10.2021)

Und damit ist Seifert auch schon mitten in ihrem Thema und ich habe mich durch die verschiedenen Kapitel nur so durchgefräst.

Seifert geht den Gründen nach, wie es dazu kommen konnte, dass sich in ihrem Bücherregal lange Zeit mehr Autoren als Autorinnen getummelt haben, was man ja gern mal bei sich persönlich überprüfen kann. In diesem Zusammenhang wird untersucht, wie Autorinnen in der Geschichte behindert wurden, lächerlich gemacht oder eingeschränkt wurden.

Wie ihre Werke anders beurteilt wurden und werden, sobald herauskam, dass eine Frau das Buch geschrieben hatte. Wie sie – bis heute – seltener im Feuilleton rezensiert werden und wie andere Maßstäbe, zum Teil gänzlich unliterarischer Art, an ihr Schreiben gestellt werden (siehe den Artikel auf der Seite des Deutschlandfunk von Samira El Quassil).

Die amerikanische Autorin Catherine Nichols 

schickte einen Probetext an Literaturagenturen – fünfzigmal mit ihrem eigenen Namen und fünfzigmal mit einem männlichen Pseudonym. Der vermeintliche Autor wurde siebzehnmal um das vollständige Manuskript gebeten, die Autorin ganze zweimal. (S. 155/156)

Zudem wird beleuchtet, wie die Inhalte ihrer Werke für Männer als uninteressant und irrelevant dargestellt wurden und werden, während die Interessen der Männer als allgemeingültig und universell verstanden werden.

Diese Linien ziehen sich bis in die Gegenwart. Man untersuche nur einmal die Leselisten für die Oberstufe oder untersuche das Geschlechterverhältnis in diversen Literaturgeschichten, Lesebiografien oder Kanones. 

Es geht aber auch u. a. um „Autorinnen und die Literaturgeschichte“, weibliches Schreiben und das fadenscheinige Argument, dass ausschließlich die Qualität darüber entscheide, ob ein Werk besprochen oder in einen Kanon aufgenommen werde.

Darüber hinaus wird in dem Kapitel „Von Klassikern und vom Vergessen“ auf weitere Beispiele und die Kanondiskussion eingegangen (Effie Briest von Fontane im Vergleich zu Aus guter Familie von Gabriele Reuter). Dazu gehört auch die Überlegung des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Todd McGowan, der die Theorie aufgestellt hat, dass Werke von Frauen, Schwarzen und PoC eigentlich nicht vergessen, sondern eher aktiv ignoriert und verdrängt wurden, da sie sich nicht „in die Weltsicht des bestehenden Kanons integrieren ließen.“ (S. 96)

… weil andernfalls eine Auseinandersetzung mit diesen Bereichen der Geschichte hätte stattfinden müssen. Und das wiederum hätte bedeutet, dass eine ethische Verantwortung hätte übernommen werden müssen. Vor dem Hintergrund der Sklaverei, der Kolonialgeschichte und der jahrhundertelangen Unterdrückung der Frau war der Ausschluss dieser ‚anderen‘ Stimmen demnach immer schon politisch begründet, ist die ästhetische Begründung stets eine politische. (S. 97)

Spannend – und darüber hätte ich gern noch mehr gelesen – waren auch die Ausführungen zu den historischen Wurzeln des Problems, die Ansicht, dass die Frau dem Mann grundsätzlich unterlegen und ihre natürliche Sphäre ausschließlich Haus, Hof und Kindererziehung, Gefühl und Sorge für den Ehegatten sei.

Und selbstverständlich haben auch Reich-Ranicki, Denis Scheck, Karl Ove Knausgård, Harald Martenstein und der Begriff des „Fräuleinwunders“ ihren nicht immer rühmlichen Auftritt.

Fazit: Das Buch ist erhellend, allerdings auch ein wenig deprimierend, wenn man gehofft hatte, dass wir eigentlich schon weiter wären. Aber es gibt Hoffnung. Das Problembewusstsein nimmt zu, es gibt tolle Initiativen und die Freude an Neuentdeckungen sowie an Wiederentdeckungen weiblicher Autorinnen wächst.

Meinetwegen hätte das Buch auch gern länger als die 178 Textseiten (dazu kommt ein ausführliches Quellenverzeichnis) sein dürfen. Auf einige Appelle hätte ich verzichten können und weniges ist mir – vielleicht aufgrund der Kürze – auch zu plakativ dargestellt. Als ein Beispiel dafür sei der Absatz über die einigen Trubel auslösende Besprechung von Martin Ebel zu Sally Rooneys Roman Gespräche unter Freunden genannt.  Da wird dann für die Pointe, den Vorwurf des Sexismus, eben verschwiegen, dass Ebel sich bei seiner Äußerung, dass Rooney auf einem Foto aussehe wie ein aufgescheuchtes Reh, auf die Vermarktungsmaschinerie bezog, bei der AutorInnenfotos natürlich auf eine Wirkung hin inszeniert werden.

Da scheint mir das zweite Beispiel, das Seifert aufgreift, doch wesentlich überzeugender: So schreibt – und ich reibe mir verstört die Augen – Peter Lückemeier in der FAZ allen Ernstes über Laura Karasek:

Das Gesicht mit dem Näschen, dem gepflegten Mund, den regelmäßigen Zügen hätte beinahe etwas Puppenhaftes, wären da nicht diese Augen: hellgrün und hellwach. Überhaupt scheint Laura Karasek viele Gegensätze in sich zu vereinigen. Sie sieht aus wie ein Mädchen, ist aber gerade 37 geworden und verheiratete Mutter vierjähriger Zwillinge. Sie wird manchmal für eine Spielerfrau oder Charity-Lady gehalten, schaute aber bis vor kurzem als Anwältin bei der Frankfurter Großkanzlei Clifford Chance aus dem 36. Stock auf die Frankfurter Skyline.

Was ich nun nicht so witzig finde: Ich möchte mir jetzt eine Leseliste anlegen und ein Sabbatical beantragen, um selbst der ein oder anderen Spur zu folgen und Wissenslücken zu schließen. Sponsoren also gern und unverzüglich bei mir melden.

Und das Thema ist sicherlich in einen größeren Zusammenhang eingebettet, da muss die Leserin – so sie die Zeit hat – dann mal selber ran. Ich denke zum Beispiel an die Bücher:

  • Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert (2020)
  • Carel van Schaik, Kai Michel: Die Wahrheit über Eva (2020)
  • Mary Ann Sieghart: The Authority Gap (2021)

Hier kann weitergestöbert werden – Ergänzungen nehme ich gern auf:

Interviews mit der Autorin

Deutschsprachige Verlage

Englischsprachige Verlage

Deutsch

  • Barbara Becker-Cantarino: Der lange Weg zur Mündigkeit – Frauen und Literatur in Deutschland von 1500 bis 1800 (1989)
  • Stefan Bollmann: Frauen und Bücher (2013)
  • Hiltrud Gnüg, Renate Möhrmann (Hg.): Frauen Literatur Geschichte – Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart (1999)
  • Ruth Klüger: Frauen lesen anders (1996)
  • Isabelle Lehn: Weibliches Schreiben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Englisch

  • Mary Beard: Women and Power (2017)
  • Nicola Beaumann: A Very Great Profession: The Womans’ Novel 1914-39, Persephone Books (2008)
  • Lennie Goodings: A Bite of the Apple: A Life with Books, Writers and Virago, Oxford University Press (2020)
  • Joanna Russ: How to Suppress Women‘s Writing (1983)

Anthologien 

  • Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur, Bertelsmann (2009)
  • Gisela Brinker-Gabler: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart – Gedichte – Lebensläufe (1978)
  • Lyndall Gordon: Five Women Writers who Changed the World (2017)
  • Katharina Herrmann: Dichterinnen & Denkerinnen: Frauen, die trotzdem geschrieben haben (2020)

Lesebiografien

  • Maureen Corrigan: Leave me alone, I‘m reading, Vintage Books (2005)
  • Samantha Ellis: How to be a Heroine – or what I‘ve learned from reading too much, Vintage Books (2014)
  • Deborah G. Felder: A Bookshelf of Our Own (2005)
  • Brenda Knight: Wild Women and Books (2006)
  • Nina Sankovitch: Tolstoy and the Purple Chair, Harper (2011)

Biografien

  • Laura Claridge: The Lady with the Borzoi: Blance Knopf – Literary Tastemaker Extraordinaire, Farrar, Strauss & Giroux (2017)
  • Daniela Strigl: Berühmt sein ist nichts – Marie von Ebner-Eschenbach (2016)

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

4 Kommentare zu „Nicole Seifert: FRAUENLITERATUR – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt (2021)“

  1. Das Buch will ich auch lesen. Hab auf der Buchmesse eine Diskussion mit der Autorin verfolgt. Konnte es vor allem nicht fassen, das Knausgard sinngemäß wirklich gesagt haben soll, dass es keine Literatur von Frauen gibt, die für ihn eine Konkurrenz sei. Na ja, den fand ich vorher schon unsympathisch.

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