Elke Heidenreich: Hier geht‘s lang (2021)

Das ausnehmend schön gestaltete Buch Hier geht‘s lang von Elke Heidenreich (*1943), erschienen im Eisele Verlag, trägt den Untertitel Mit Büchern von Frauen durchs Leben.

Auch Heidenreich geht – wie Nicole Seifert – davon aus, dass der Begriff der Frauenliteratur automatisch eine Abwertung, ein Abstempeln bedeute; er beinhalte, wenn etwas von und für Frauen geschrieben wurde, könne es sich dabei nicht um Kunst handeln. Doch für Heidenreich steht fest, dass erst über die in Büchern verdichtete Erfahrung anderer Frauen ihr ein Zu-Sich-Selbst-Finden möglich gewesen ist. Sie schreibt:

Literatur ist ein Geschenk, Bücher sind ein Glück. Geschichten sind lebensnotwendig, um die eigene Verwirrung zu ordnen. Ob wir Bücher von Männern oder von Frauen lesen, das spielt keine Rolle. Wenn sie denn gut sind, und das heißt: gute Story, sprachlich adäquat umgesetzt. Was aber eine Rolle spielt, ist in den Jahren des Erwachens, Zweifelns, Selbstfindens den richtigen Ton für das eigene Leben zu finden. Und da waren für mich Bücher von Frauen hilfreicher als Bücher von Männern, sehen wir von den fürchterlichen Mädchenbüchern meiner Kindheit ab. (S. 182)

Was sie dabei außer Acht lässt, ist die Gefahr, dass Leserinnen bei der Übermacht männlicher Literatur die Wertvorstellungen und Rollenbilder männlicher Autoren verinnerlichen und dass Jungen und Männern selten zugemutet wird, sich in weibliche Sichtweisen einzufinden, wenn in Schule und Studium überwiegend Autoren gelesen werden.

In den Kapiteln, die sich chronologisch an ihren Lebensstationen entlang hangeln, gibt Heidenreich kurzweilig und lebhaft Einblick in ihre Lesebiografie, in die Bücher, die ihr wichtig geworden sind. Literatur sei ihr immer wie ein Geländer gewesen, an dem sie sich habe festhalten und orientieren können.

In den ersten Kapiteln werden sich vermutlich viele Leserinnen, die ihre Kindheit in den Fünfzigern und Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts erlebt haben, wiederfinden. Die Mädchenbücher, die man verschlungen hat und die ein doch sehr angepasstes, sehr artiges Frauenmodell propagierten. Der didaktische Zeigefinger unüberhörbar. Dann die Bedeutung der Fließbandschreiberin Enid Blyton. Die Entdeckung Karl Mays, den auch ein Mädchen spannend fand. Dass ein Junge wiederum Mädchenbücher gelesen hätte – undenkbar.

Über die Kindheit Heidenreichs erfährt man, ohne dass auf Details eingegangen wird, nur so viel: Das Geld war knapp, die Hand saß locker, der Vater glänzte durch Abwesenheit, das Kind war einsam, aber es las. Dass man sich mit Bildung, Büchern und dem daraus resultierenden gesellschaftlichen Aufstieg der Ursprungsfamilie unwiderruflich entfremdet, ist der Preis, der dafür zu zahlen ist. Die Parallelen zu Ulla Hahns Kindheit sind frappierend, die interessanterweise nirgendwo erwähnt wird.

Kurz vor der Konfirmation kommt die junge Elke in eine Pflegefamilie. Dort gibt es Bücher. Das Abitur. Das Studium, in dem es hauptsächlich um männliche Autoren ging. Die Schriftstellerinnen musste man sich selbst zusammensuchen.

Und so flaniert Heidenreich an den Regalen ihrer Vergangenheit entlang, oft ist es nur ein freundliches und dankbares Name Dropping, dann wieder gibt es kurze Einblicke in die Texte und Biografien der von ihr verehrten DichterInnen und SchriftstellerInnen. Sie bleibt dabei immer in der Tonlage, die man von ihr kennt: zutiefst bewegt und begeistert von dem, was Bücher können, von dem, was man aus ihnen lernen kann, dabei aber auch manchmal fürchterlich oberflächlich: Bei vom Vom Winde verweht kein Wort davon, dass man das Buch als Erwachsene heute doch anders lesen sollte als damals als Teenager. Es wird abgefrühstückt mit dem Satz:

… aber unterschwellig bekam ich eine Menge mit von den politischen Gegebenheiten jener Zeit und begriff, dass Literatur auch Zeitgeschichte sein kann. (S. 74)

Da fiel mir spontan der Beitrag Birgit Böllingers auf ihrem Blog ein, die sich die Mühe gemacht hat, Margaret Mitchell noch einmal zu lesen.

Die Gestaltung des Buches ist fein, mit vielen Fotos aus ihrem eigenen Bücherbestand oder Porträts der von ihr verehrten Dichterinnen und Schriftstellerinnen. Auch die Fotos von Heidenreich selbst veranschaulichen sehr schön den Gang eines Leserinnenlebens, vom Schulkind zur alten Frau. Dazu kommen zahlreiche Zitate zum Lesen.

Heidenreichs Stärke liegt in ihrer Authentizität, ihrem Selbstverständnis, sich nicht als Kritikerin zu verstehen, sondern stets als Literaturvermittlerin, die Menschen ans Lesen bringen will. Das schimmert immer durch. Und wer wollte ihrer Feststellung widersprechen, dass in der Literaturkritik oft Hochmut stecke und eine Verachtung der LeserInnen, die Bestseller lesen.

Im Hinterkopf hatte ich bei der Lektüre Heidenreichs Äußerungen zu Sarah-Lee Heinrich und zum Gendern. Die haben ihr einen Shitstorm und viel Kritik eingetragen. Dabei hat sie – und das fand ich fast noch betrüblicher als ihre wenig reflektierten Aussagen – die Chance aufs Zuhören und Dazulernen abgeschmettert und auf alle Kritik, alle berechtigten Einwände nur mit Trotz, Widerwillen und einer Ist-mir-egal-Haltung reagiert. Da misst sie, was Lernfähigkeit und Hochmut angeht, mit zweierlei Maß.

Das Charmanteste des Buches war für mich die implizite Einladung, selbst mal innezuhalten und zu überlegen, wie das so gelaufen ist mit der eigenen Lesebiografie in Schule, Studium und Privatleben. Leider weiß ich so viele Titel nicht mehr, aber sich auf die Suche zu machen, das wäre eine schöne Beschäftigung. Und wie könnte es anders sein: Man möchte sich sofort den ein oder anderen von Heidenreich gerühmten Titel wieder vornehmen.

Ich erinnere mich an ein Regalbrett über dem Sofa, darauf ein Lexikon, ein Buch mit ärztlichen Ratschlägen […], der Roman Brot von Heinrich Waggerl, 1930 erschienen und dem Geist der Blut-und-Boden-Ideologie durchaus nahe, und Die Feuerzangenbowle von Heinrich Spoerl aus dem Jahr 1933, elf Jahre später mit Heinz Rühmann verfilmt. Dann gab es noch Gute Nacht, Jakob. Ein heiterer Roman aus verklungenen Tagen von Hans-G. Bentz, ein liebenswerter Roman über einen Jungen und seine zahme Dohle, die Memoiren des Arztes Ferdinand Sauerbruch, Das war mein Leben, und zwei Bände Trygve Gulbranssen, Und ewig singen die Wälder und Das Erbe von Björndal. Das war‘s schon beinahe zu Hause auf dem Regal überm Sofa. (S. 70)

Dazu kamen noch Mein Kampf von Hitler, das Geschenk des Standesbeamten für Heidenreichs Eltern zur Hochzeit 1934, und ein Band “mit Shakespeares Sonetten, weiß der Himmel, wo die herkamen.“ (S. 70)

 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

3 Kommentare zu „Elke Heidenreich: Hier geht‘s lang (2021)“

    1. Nun, Hitlers Buch stand wohl in nahezu jeder Wohnung. Gelesen haben es sicherlich nicht alle und Kinder wohl gar nicht. Ja, ich bedauere sehr, dass ich meine Kinderbücher aus den Siebzigern so sang- und klanglos damals weggeben habe. Ein schönes Wochenende.

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