Laura Claridge: Blanche Knopf – The Lady with the Borzoi (2016)

Der hinreißenden Biografie zu Blanche Knopf, dieser wichtigen Frau der amerikanischen Verlagswelt, würde ich eine Übersetzung ins Deutsche sehr wünschen, da Knopf in ihrer Zusammenarbeit mit unzähligen heute weltbekannten Schriftstellern und Schriftstellerinnen den amerikanischen Lesegeschmack in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl wie wenige andere geprägt hat.

Blanche Knopf (1894 – 1966) gründete, da war sie gerade mal 20 Jahre alt, zusammen mit ihrem zwei Jahre Ehemann Alfred Abraham Knopf 1915 in New York den Knopf Verlag. Zunächst verschafften sie sich eine finanzielle Grundlage, indem sie dem amerikanischen Publikum erstmals Übersetzungen bestimmter  französische Romane anboten. Doch Blanche hatte von Anfang an ein untrügliches literarisches Gespür, mit dem sie dem Verlag Schriftstellerinnen wie Willa Cather, Muriel Spark oder Elizabeth Bowen zuführte und oft genug auch selbst betreute.

Sie gab die ersten amerikanischen Übersetzungen vieler europäischer Klassiker in Auftrag und gleichzeitig bot sie neuen, unerfahrenen SchriftstellerInnen eine Publikationsmöglichkeit, wenn sie von deren Qualität überzeugt war. Sie irrte sich selten, scheiterte allerdings ab und an daran, dass ihr Mann, der für den finanziellen Rahmen zuständig war, nicht immer bereit war, die entsprechenden Vorschüsse zu zahlen, wenn sie ihm zu hoch erschienen. Blanche ist es zu verdanken, dass Autoren wie Raymond Chandler, Dashiell Hammett und James M. Cain aus der literarischen Schmuddelecke geholt und durch die Veröffentlichung in ihrem Verlag als ernsthafte Autoren anerkannt wurden.

Dank der ausgezeichneten Verbindungen der Knopfs zu Carl van Vechten fanden auch AutorInnen der Harlem Renaissance bei den Knopfs eine verlegerische Heimat, wie z. B. Langston Hughes, James Baldwin oder Nella Larsen. Dass Schwarze bei ihnen und ihren Freunden ein- und ausgingen, war für Blanche eine Selbstverständlichkeit.

Später betreute sie Größen wie Siegmund Freud, Simone de Beauvoir, Albert Camus und Schriftsteller im Exil wie Thomas Mann, der sie einmal als die „Seele des Verlags“ bezeichnete.

Daneben hatte Blanche einen Blick auf das, was gesellschaftlich relevant war oder werden würde, sodass auch grundlegende journalistische Werke von den Knopfs publiziert wurden. Ihr Leben lang reiste sie durch Europa, aber auch durch Lateinamerika auf der Suche nach neuen Werken für den Verlag.

Allerdings hat diese Erfolgsgeschichte von Anfang an einen dunklen Hintergrund. Blanche und Albert hatten vor der Hochzeit vereinbart, dass der Verlag von ihnen gleichberechtigt geführt werden sollte. Nach der Hochzeit wollte der stockkonservative Albert mit den fadenscheinigsten Begründungen nichts mehr davon wissen. Folglich besaß er 75 Prozent des Verlags, sie die übrigen 25 Prozent. Auch ihr Mädchenname Wolf war auf einmal im Firmennamen nicht mehr unterzubringen. Bei Jubiläen und öffentlichen Würdigungen vergass er schon mal, den Namen seiner Frau zu erwähnen, oder brüstete sich mit „ihren“ AutorInnen.

Ihre Zusammenarbeit war dementsprechend – trotz eigentlich klar getrennter Aufgabenbereiche – stürmisch. Er gaukelte ihr vor, dass sie im Falle einer Scheidung nie wieder eine Anstellung in irgendeinem New Yorker Verlagshaus finden würde. Da Blanche jedoch an dieser Arbeit mit ganzem Herzen hing, blieb sie. Die Vorstandssitzungen waren legendär katastrophal, die beiden Eheleute schrieen sich an und provozierten sich bis aufs Blut. Ihr einziger Sohn Pat meinte später, dass der Vater seine Mutter auch geschlagen habe. Doch derlei sei in der feinen Gesellschaft, zu der die Knopfs sich dank ihres unglaublichen Erfolgs emporgearbeitet hatten, immer totgeschwiegen worden.

Ständig war Blanche in Machtkämpfe gegen ihren Mann und ihren Schwiegervater, verwickelt, die sie regelmäßig verlor. Alfred verehrte seinen tyrannischen Vater Sam und wagte keinerlei Widerrede, vielleicht als Überkompensation dafür, dass Sam nicht ganz unschuldig am Selbstmord von Alfreds Mutter gewesen war.

Blanche entwickelte eine Essstörung und hatte irgendwann chronisches Untergewicht, das nie wirklich thematisiert wurde. Sie hatte diverse Liebhaber, während Alfred lieber zu Prostituierten ging, zu denen er dann später auch seinen Sohn mitnahm. Und ganz, ganz selten gibt es Momente, bei denen der Leser denkt, dass der eine gänzlich ohne den anderen wohl auch wieder nicht hätte sein wollen. 

Als Blanche gegen Ende ihres Lebens an Krebs erkrankt, nimmt niemand das Wort in den Mund. Das schickte sich nicht. Sie lässt nur wenige Eingeweihte von ihrer Erkrankung wissen und arbeitet buchstäblich bis zum Schluss für ihre SchriftstellerInnen, ihren Verlag.

Blanche Knopfs Leben ist ein eindrückliches Lehrstück darüber, wie Frauen in der öffentlichen Anerkennung hinter dem Mann zurückstehen mussten, selbst wenn sie – wie in diesem Fall – wohl für mindestens 50 Prozent, wenn nicht mehr, für den gemeinsamen Erfolg verantwortlich waren. Dutzende Nobel- und Pulitzerpreisträger wurden bisher von Knopf verlegt.

Doch gleichzeitig tritt einem auf diesen Seiten eine faszinierende Frau entgegen. Stets in teure Designerkleidung gewandet, großzügig, begabt, einsam, hundeverrückt, gesellig, erfolgreich, belesen, mit den kulturellen Größen ihrer Zeit auf Du und Du, lebenshungrig und absolut beeindruckend.

Dass Blanche Knopf kaum eigene Aufzeichnungen oder Tagebücher hinterlassen hat und man ihren Empfindungen nicht immer nahekommt, habe ich an der ein oder anderen Stelle bedauert. Allerdings lässt sich vieles zwischen den Zeilen erschließen und es ändert nichts daran, wie spannend, wie längst überfällig sich diese Biografie liest.

Hier ein Audio-Interview mit Laura Claridge auf YouTube und zwei Fotos von Blanche und Alfred Knopf.

Wer noch weiterstöbern will, dem sei die Biografie The Tastemaker Carl van Vechten and the Birth of Modern America (2014) von Edward White empfohlen. Anhand dieser schillernden, spannenden, aber keinesfalls immer sympathischen Figur lässt sich tatsächlich Amerikas Weg in die Moderne nachzeichnen. Auch van Vechtens Weg als Förderer und Unterstützer der schwarzen AutorInnen der Harlem Renaissance wird in seiner ganzen Zwiespältigkeit nachgezeichnet. 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

4 Kommentare zu „Laura Claridge: Blanche Knopf – The Lady with the Borzoi (2016)“

  1. Liebe Anna,
    danke für diese Vorstellung. Blanches Lebensgeschichte hört sich faszinierend aber auch sehr erschütternd an. Es macht mich immer wütend zu lernen, was sich Männer zu so langen Zeiten erlauben konnten. Es ist gut, daß die eigentlichen Tatsachen ans Licht kommen, wenn auch sehr verspätet.
    Ich hoffe, diese Biographie bald lesen zu können.
    Lieben Gruß,
    Tanja

  2. Hallo Tanja
    ja, manches liest sich hier sehr bedrückend, aber vermutlich ist diese Beziehung recht komplex gewesen. So ganz habe ich nicht verstanden, warum sie sich nicht von ihm getrennt hat… Aber gleichzeitig hat diese Frau so unglaublich viel für die Literatur und „ihre“ Schriftsteller getan. Sie ist wirklich faszinierend.
    LG
    Anna

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