Paula Byrne: The Adventures of Miss Barbara Pym (2021)

Die Biografie von Paula Byrne zu der britischen Schriftstellerin Barbara Mary Crampton Pym, die durch diverse Neuübersetzungen allmählich auch in Deutschland bekannter wird, ist eine riesengroße Lesefreude. Informativ, unterhaltsam und auch beglückend, da steckt das ganze Leben drin. Die über 600 Seiten lasen sich weg wie nichts. Oder genauer gesagt, wie ein Roman selbst.

Man nimmt an Pyms Leben Anteil, weil es der schwungvollen, aber nicht unkritischen Biografin gelingt, eine für Pym angemessene Form und Sprache zu finden. Hier passt einfach alles: der Stil, die Recherche, die einem – wenn man nicht aufpasst – gleich wieder Bücher auf die Wunschliste setzt, sowie ein interessantes Leben der Hauptperson mit seinen diversen Höhen und Tiefen, eingebettet in sich rasant ändernde gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Dazu kommt, dass Byrne auf viele Briefe und Tagebücher zurückgreifen kann, aus denen man so wunderbar zitieren kann.

Barbara Pym wurde 1913 geboren, ihr Vater war Anwalt. Die Familie kann ihren beiden Töchtern – Barbaras Schwester Hilary wurde 1916 geboren – ein Studium in Oxford finanzieren, wobei damit zunächst nicht zwingend eine berufliche Tätigkeit angestrebt wurde. Barbara träumt jedoch schon als Studentin davon, Schriftstellerin zu werden.

Im Nachhinein kann man vermutlich von Glück sprechen, dass ihr erster Roman Some Tame Gazelle – den sie schon 1934 geschrieben hat – erst 1950 veröffentlicht wird. Bis dahin hatten ihr Freunde, eigene Einsicht und die politische Entwicklung deutlich genug vor Augen geführt, dass die politisch naiven Szenen des Buches, die im Nazi-Deutschland der 1930er Jahre spielten und den Nationalsozialismus eher als drollige Randerscheinung abtaten, restlos gestrichen gehörten.

Ihr Studium der englischen Literatur am Frauen-College St Hilda‘s genießt Pym in vollen Zügen. Schon allein für diese Einblicke in eine ganz andere Welt hätte sich die Lektüre gelohnt.

Rules dated back to ancient times. Black gowns had to be worn, chapel attended, gate hours kept. Most societies remained male preserves. […] Male dining clubs flourished and were riotous events resulting in shattered windows, broken furniture and damaged flowerbeds. […] St Hilda‘s was a particularly strict college, with firm rules about gentlemen callers. Undergraduates were permitted to receive gentlemen friends not related to them on Tuesday afternoons only. The gates closed at 9.10 p.m. As late as the 1990s, students had to write down the name of their gentlemen visitors, and if they stayed the night that information had to be submitted to the porter‘s lodge. […] Punishment was fierce for transgression of rules – particularly so for women. […] As late as 1961, St Hilda‘s expelled a female undergraduate discovered with a man in her room after the gates had closed. (S. 24/25)

Allerdings waren besonders die männlichen Studierenden trotz der strengen Vorschriften wohl auch immer recht gewitzt, wenn es darum ging, sich bei Regelverstößen nicht erwischen zu lassen, und im geradezu aberwitzigen Alkoholkonsum sah man anscheinend ohnehin kein Problem.

Pym jedenfalls ist erst einmal so fasziniert von den Kinos, den Partys, der wunderbaren Architektur und vor allem den Gelegenheiten zum Flirten, dass sie am Ende des ersten Semesters feststellt, dass sie in Zukunft wohl etwas fleißiger würde studieren müssen.

Im Mai 1933 hat sie dann die erste Verabredung mit dem von ihr angebeteten etwas älteren Studenten Henry Harvey. Zusammen mit seinem homosexuellen Freund Robert „Jock“ Liddell werden die drei nahezu unzertrennlich. Für Pym ist die Liebe zu Harvey der Beginn einer jahrelangen Obsession. Fast ein Jahr später schreibt sie in ihr Tagebuch:

I am beginning to feel the wee-est bit hostile towards Henry, and to think that the glamour of being his doormat is wearing off. (S. 100)

Harvey behandelt sie oft miserabel, allerdings dauert es Jahre inclusive diverser Rückfälle, bis sie sich endgültig eingesteht, dass er sie nur als Spielzeug und sexuellen Lückenfüller benutzt hat und sie ihm mit ihrer unkritischen Verehrung vermutlich nur auf die Nerven gefallen war. Er hat keine Skrupel, sie als „common property“ zu beschimpfen oder sie in Begleitung betrunkener Männer zurückzulassen und sich anschließend wieder die Socken von ihr stopfen zu lassen.

Henry‘s dreadful behaviour set the pattern for Pym‘s relationships with other men: the more badly they treated her, the more deeply in love she felt. The worst aspect of it all was that she knew this and was powerless to stop herself. (S. 90)

Dennoch bleiben die drei ein Leben lang in Kontakt und Robert Liddell, der später selbst schreibt, erweist sich später als unfassbar guter Freund, der den Weg Pyms zur Schriftstellerei mit Klugheit und der nötigen Sturheit begleitet.

Ein weiterer Mosaikstein in Barbaras Lebenslauf sind ihre mehrmaligen Besuche im Nazi-Deutschland der dreißiger Jahre. Pym hatte an der Universität Deutsch gelernt und war von deutschen Filmen und der Literatur begeistert. 1934 fährt sie das erste Mal mit einer Studentengruppe aus Oxford nach Deutschland. Tausende taten es ihr gleich; die Bemühungen Goebbels, Deutschland als ein wunderbares Land zu präsentieren, trugen Früchte.

‘Germany Invites You‘ claimed the Thomas Cook & Son posters showing images of beautiful young people in lederhosen and Tyrolean hats, fairyland castles and mountain ranges framing the background. (S. 106)

Pym verliebt sich in die vermeintliche deutsche Ordnung, das Land und den attraktiven SS-Mann Friedbert Glück. Politisch ist und bleibt sie noch längere Zeit völlig unbedarft. Den allgegenwärtigen Judenhass und die Hetze teilt sie nicht, kann sie aber völlig ausblenden. Sie ist am Boden zerstört, als sie nach ihrer Rückkehr von ihrer ersten Deutschlandreise ihre kleine Hakenkreuz-Brosche verliert, die ihr der SS-Mann Glück geschenkt hat. Noch 1938 reist sie gegen den Willen ihrer Familie und ihrer Freunde nach Deutschland und anschließend nach Polen, um dort die Kinder einer jüdischen Familie zu unterrichten. Doch schon wenige Wochen später verschlechtert sich die politische Situation, sie kehrt nach England zurück und ist wie vom Donner gerührt, als es tatsächlich zum Kriegseintritt Großbritanniens kommt.

Während des Krieges tritt sie dem Women‘s Voluntary Service bei und hilft u. a. ihrer Mutter, die evakuierte Kinder in ihrem Haus aufnimmt. Das ist das erste Mal, das Pym in intensiveren Kontakt mit der Arbeiterklasse kommt, was sie durchaus das ein oder andere Mal befremdlich findet. 1941 beginnt sie für die Zensurbehörde in Bristol zu arbeiten, wo ihre Deutschkenntnisse gefragt sind. Dort lebt sie mit ihrer Schwester Hilary, die für die BBC arbeitet, und weiteren Erwachsenen sowie einigen Kindern in einem Haus zusammen.

In ihrer Mitbewohnerin Honor Wyatt findet Pym eine gute Freundin und Mentorin. Mit deren getrennt von Honor lebendem Mann Gordon Glover hat Pym eine weitere unglückliche Liebesaffäre; der charmante Mann teilt ihre Liebe zu Jane Austen und macht sie bekannt mit den Trivia von Logan Pearsall Smith. Doch schon nach zwei Monaten beendet er die Beziehung, im Gegensatz zu Pym hatte er kein Interesse an einer langfristigen Beziehung. Auch diese Affäre hinterlässt tiefe Wunden.

Um ihrer Niedergeschlagenheit zu entkommen, bewirbt sie sich bei dem Women’s Royal Naval Service (Wrens). Sie wird angenommen und so führt sie ihre Arbeit für die Zensurbehörde bis nach Italien, wo sie in Neapel stationiert ist.

1945 ziehen Barbara und Hilary, die sich inzwischen von ihrem Mann getrennt hat, in eine gemeinsame Wohnung in London.

From this time on, Barbara and Hilary Pym would live together in a manner envisaged in the novel Barbara had written when she was twenty-two. The sisters were extremely compatible, shared the same jokes and lived in great harmony together, though each had their own circles of friends. (S. 381)

1946 beginnt sie, für das International Institute of African Languages and Cultures zu arbeiten. Sie findet sich allmählich mit dem Gedanken ab, dass sie wohl nie heiraten und Kinder haben wird.

‚Maybe I shall be able to keep my illusions as it doesn‘t look like I shall ever get married.‘ (S. 380)

Stattdessen wird ihr immer wichtiger, endlich einen Verleger für Some Tame Gazelle zu finden. 1950 ist es so weit und Cape veröffentlicht ihren ersten Roman. Schon 1952 erscheint Excellent Women, der Roman, den viele für ihr Meisterwerk halten. Sie bekommt großartige Kritiken, genießt das Leben als frisch gebackene Autorin und ihre Begegnungen mit Größen wie Elizabeth Taylor oder Elizabeth Bowen. Auch ihre finanzielle Situation entspannt sich zusehends.

Sie veröffentlicht bis 1961 sechs Romane, die alle ihre Leserschaft finden und von den Kritikern und anderen Autoren geschätzt werden. Der Dichter und Schriftsteller Philip Larkin schreibt ihr nach dem Erscheinen von No Fond Return of Love (1961) einen begeisterten Brief, der Beginn einer intensiven und herzlichen (Brief-)Freundschaft. Doch es sollte 15 Jahre dauern, bis sich die beiden das erste Mal begegnen. Die Freundschaft wird bis zu Barbaras Tod 1980 andauern.

1963 entpuppt sich als eines der schlimmsten Jahre für Pym. Der Winter ist nicht nur der kälteste in England seit über 200 Jahren – die Schwestern leben in einem Haus ohne Zentralheizung -, sie werden auch noch zweimal ausgeraubt. In dem Monat, in dem die Beatles Please, Please Me herausbringen, dann der Schock: Pyms Verleger Tom Maschler vom Verlagshaus Cape erklärt ihr brieflich, dass ihre Bücher nicht mehr zeitgemäß, ja altmodisch seien. Er lehne die Veröffentlichung ihrer weiteren Werke ab. Es findet sich auch kein anderes Verlagshaus, das in den Sechzigern glaubt, dass sich diese Bücher über alte Jungfern, die jeden Sonntag zur Kirche gehen, noch verkaufen. Und so bleibt An Unsuitable Attachment in der Schublade liegen und wird erst nach dem Tod der Autorin 1982 veröffentlicht.

She [Barbara Pym] was one of the most liberated, independent women of her time. Ever since Oxford, she had been sexually active and unashamed of being so. One of her friends explained: ‚You see, Barbara liked sex‘. Nor did she feel the need to settle down to a conventional married life, despite several offers. The trouble was, her novels of quiet female independence did not exactly brim with sex, drugs and rock and roll. (S. 487)

Die folgenden 14 Jahre nennt Pym ihre „wilderness years“, Jahre, in denen sie schreibt, ihre Romane überarbeitet und doch keinen Verleger findet. Dazu kommen finanzielle Sorgen. Sie verdient am anthropologischen Institut nicht besonders viel, zudem hatten sie und Hilary ihren Vater finanziell unterstützt, als dieser Bankrott gegangen war.

Larkin ist empört, als er erfährt, dass auch Faber, sein eigener Verlag, nichts von Pym veröffentlichen will. Er schreibt im August 1965 sehr hellsichtig an Charles Monteith:

Personally, too, I feel it is a great shame if ordinary sane novels about ordinary sane people doing ordinary sane things can‘t find a publisher these days. This is in the tradition of Jane Austen & Trollope and I refuse to believe that no one wants its successors today. (S. 521)

I like to read about people who have done nothing spectacular, who aren‘t beautiful or lucky, who try to behave well in the limited field of activity they command, but who can see, in little autumnal moments of vision, that the so-called big experiences of life are going to miss them. […] presented not with self-pity or despair or romanticism, but with realistic firmness & even humour. (S. 521)

Hier klingt auch an, was Pym immer wichtig war: die Bedeutung kleiner, unscheinbarer Details, das Gewöhnliche, das Ausloten innerer Zustände scheinbar uninteressanter Menschen.

Pym‘s interest in trivia, ephemera, the life of ordinary things, roots her novels into specific times and yet they somehow transcend the quotidian and take on a timeless quality. As with Jane Austen, her realism is what enables her readers to inhabit her world, her characters, her sense of place and mood. (S. 578)

1971 wird bei Pym Brustkrebs diagnostiziert. Sie wird unverzüglich operiert. 1973 geht sie in Rente.

Im Januar 1977 passiert dann, womit niemand mehr gerechnet hat. Das Times Literaray Supplement hatte anerkannte Kritiker und Schriftsteller sowohl nach maßlos überschätzten als auch sträflich unterschätzten AutorInnen des 20. Jahrhunderts gefragt. Nur Pym wird zweimal als die am meisten unterschätzte Schriftstellerin genannt, einmal von ihrem Freund Philip Larkin, der sich schon seit Jahren für sie eingesetzt hatte, aber auch von dem Hochschullehrer, Biografen und Schriftsteller Lord David Cecil.

All of a sudden, Pym was hot news. Radio Oxford came for an interview; letters poured in from friends, and the telephone rang constantly. (S. 571)

Macmillan erklärt sich sofort bereit, ihren Roman Quartet in Autumn veröffentlichen. Das Buch schafft es auf Anhieb auf die Shortlist des Booker Prizes. Auch andere lange in der Schublade vor sich hin dämmernde Titel werden nun von ihr veröffentlicht; in Amerika wird ihr Name zum ersten Mal überhaupt wahrgenommen.

Then came another great accolade: she was invited to appear on BBC Radio 4‘s flagship programme Desert Island Discs. (S. 586)

Die Sendung wird im Juli 1978 aufgenommen. Die Frage, was sie auswählen würde, wenn sie nur ein einziges Musikstück auf die Insel mitnehmen dürfe, beantwortet sie mit dem Weihnachtslied „In the bleak midwinter“, gesungen vom Chor des King‘s College, Oxford, denn es vereine Lyrik, Musik und den christlichen Glauben.

Barbara stirbt 1980 im Alter von 66 Jahren, der Krebs war zurückgekehrt. Fortan setzt sich Hilary, ihre Schwester, zusammen mit ihrer beider Freundin Helen Hunt für das Vermächtnis der Autorin ein. Die Grabstätte der beiden Schwestern – Hilary stirbt 2004 – befindet sich in Finstock, ihrem letzten gemeinsamen Wohnort.

Hier eine Interpretation von In the bleak midwinter von Dan Fogelberg.

Und noch ein Satz aus ihrem Tagebuch:

‘Everything seems gloomy and dark when you‘re lying awake in the middle of the night. One day, perhaps soon – it will be better.‘ (S. 352)

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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