Fundstück von Kafka

Auch wenn mir das Zitat von Franz Kafka (1883 – 1924) mit der Axt und dem Meer viel zu dramatisch, einseitig und apodiktisch ist, freue ich mich, den Brief gefunden zu haben, aus dem es stammt.

Kafka schrieb am 27. Januar 1904 an Oskar Pollak (1883 – 1915):

Lieber Oskar!

Du hast mir einen lieben Brief geschrieben, der entweder bald oder überhaupt nicht beantwortet werden wollte, und jetzt sind vierzehn Tage seitdem vorüber, ohne daß ich Dir geschrieben habe, das wäre an sich unverzeihlich, aber ich hatte Gründe. Fürs erste wollte ich nur gut Überlegtes Dir schreiben, weil mir die Antwort auf diesen Brief wichtiger schien als jeder andere frühere Brief an Dich – (geschah leider nicht); und fürs zweite habe ich Hebbels Tagebücher (an 1800 Seiten) in einem Zuge gelesen, während ich früher immer nur kleine Stückchen herausgebissen hatte, die mir ganz geschmacklos vorkamen. Dennoch fing ich es im Zusammenhange an, ganz spielerisch anfangs, bis mir aber endlich so zu Mute wurde wie einem Höhlenmenschen, der zuerst im Scherz und in langer Weile einen Block vor den Eingang seiner Höhle wälzt, dann aber, als der Block die Höhle dunkel macht und von der Luft absperrt, dumpf erschrickt und mit merkwürdigem Eifer den Stein wegzuschieben sucht. Der aber ist jetzt zehnmal schwerer geworden und der Mensch muß in Angst alle Kräfte spannen, ehe wieder Licht und Luft kommt. Ich konnte eben keine Feder in die Hand nehmen während dieser Tage, denn wenn man so ein Leben überblickt, das sich ohne Lücke wieder und wieder höher türmt, so hoch, daß man es kaum mit seinen Fernrohren erreicht, da kann das Gewissen nicht zur Ruhe kommen. Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher für jeden Biß. Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.

Aber Du bist ja glücklich, Dein Brief glänzt förmlich, ich glaube, Du warst früher nur infolge des schlechten Umgangs unglücklich, es war ganz natürlich, im Schatten kann man sich nicht sonnen. Aber daß ich an Deinem Glück schuld bin, das glaubst Du nicht. Höchstens so: Ein Weiser, dessen Weisheit sich vor ihm selbst versteckte, kam mit einem Narren zusammen und redete ein Weilchen mit ihm, über scheinbar fernliegende Sachen. Als nun das Gespräch zu Ende war und der Narr nach Hause gehen wollte – er wohnte in einem Taubenschlag -, fällt ihm da der andere um den Hals, küßt ihn und schreit: danke, danke, danke. Warum? Die Narrheit des Narren war so groß gewesen, daß sich dem Weisen seine Weisheit zeigte.-

Es ist mir, als hätte ich Dir ein großes Unrecht getan und müßte Dich um Verzeihung bitten. Aber ich weiß von keinem Unrecht.

Dein Franz

Zitiert nach: Hans Jürgen Balmes (Hrsg.): Mein Erstes Buch – Autoren erzählen vom Lesen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 139 – 140

Aus: Franz Kafka: Briefe 1900 – 1912. Hg. Von H. G. Koch, Fischer Verlag 1999

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

4 Kommentare zu „Fundstück von Kafka“

  1. Ich mochte das Zitat sehr, auch wenn’s man oft hört, denn es spiegelt das Tolle an Literatur wieder. Dass etwas in Bewegung gerät, dass die eigenen Gedanken und Erinnerungen belebt, dass es eben Leben als dynamisches, fröhliches Aufbegehren ist! Danke für die schöne Stelle.

    1. Entschuldige die unglaublich verspätete Antwort. Dass Literatur etwas in Bewegung bringt, etwas in uns beleben kann, das stimmt und ist das Großartige daran. Leider passiert gerade im Politischen so viel Bewegung, dass ich zurzeit kaum offen bin für Literatur, die etwas bewegt. Wobei es natürlich genau diese Art von Literatur ist, die einem neue Horizonte aufzeigt. So ging mir das sehr stark mit „The Return“ von Hisham Matar. Inzwischen auch ins Deutsche übersetzt. LG Anna

  2. Liebe Anna!
    Irgendwie ist der Brief auch schön. Ich freue mich, den Ursprung der „Kaffkaschen Axt im Zusammenhang gelesen zu haben. Offenbar hat er diese Verhärtungen in sich gespürt, für die er sich so starke, aufbrechende, zerstörende Kräfte wünschte. Ich bin eher auf der Suche nach der anderen Literatur, ddie das Eis nicht aufhackt, die meinen Kopf nicht beschädigt. Literatur kann auch der Frühling sein, der mit dem wärmenden Wind, der durch mein Gemüt streicht, eine verhärtete Stelle meiner Seele wegmassiert. Literatur kann auch wie eine Hand sein, die man ergreift, um über einen Steg zu gehen, der wackelig und brüchig erscheint. Literatur ist mein Sommer, in dem ich wachse, reife, werde. Hier, wo ich lebe, wird gerade eine ganze Birkenalle der Axt überlassen und binne eines Tages wurde aus der stillen Anmut eine wilde Baumwüste. Solche Anblicke machen mich traurig. Ich bin wohl eher der wachstumsfördernde Gärtner draußen, wie in mir drinnen.

    1. Entschuldige die verspätete Antwort. Angesichts der Ereignisse, die uns gerade politisch beschäftigen, bin ich zurzeit auch eher auf der Suche nach Literatur, die nicht gleich mit der Axt dreinschlägt. Gärtnern, das ist schön. In diesem Sinne!

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