Uwe Wittstock: Februar 1933 – Der Winter der Literatur (2021)

Ich weiß, ich weiß: I‘m late to the party. Das Buch über Februar und März des Jahres 1933 des Autors und Literaturkritikers Uwe Wittstock (*1955) wurde bereits überall besprochen und gepriesen.

Auch ich bin beeindruckt von der Verdichtung der geschichtlichen Zusammenhänge. Wittstock benötigt nicht mehr als 275 Seiten, um anschaulich zu machen, wie Hitler nach seiner Machtergreifung nur wenige Wochen – oder wie es im Nachwort heißt „nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs“ –  benötigt, um alle notwendigen „rechtlichen“ Grundlagen für ein noch nie dagewesenes Unrechtsregime zu schaffen.

Diese politische und gesellschaftliche Zäsur wird mit dem Tagesgeschäft deutscher Autoren und Autorinnen, Reporter und Theaterschaffender verzahnt. Das Buch beginnt mit dem Kapitel zum 28. Januar 1933. An diesem Abend findet der Presseball in Berlin statt, „das bedeutendste gesellschaftliche Ereignis der Berliner Wintersaison, ein Schaulaufen der Reichen, Mächtigen und Schönen.“ (S. 11). Die Gästeliste ist illuster: Zuckmayer, Wilhelm Furtwängler, Gustaf Gründgens, Josef von Sternberg, Kadidja Wedekind, Erich Maria Remarque u. a. Viele der Gäste kennen sich privat oder beruflich. Ein kulturelles Netzwerk mit vielen feinen Verbindungen und Verästelungen.

Doch in den nächsten Wochen werden sich viele Wege trennen, Freundschaften zerbrechen. Manche werden sich nie wieder sehen. 1936 beschwört der ehemalige Jagdflieger Ernst Udet seinen Freund Zuckmayer, unbedingt Deutschland zu verlassen; Zuckmayer geht ins Exil, Udet bleibt, doch 1941 erschießt sich Udet, da er das Wohlwollen Görings verspielt hat.

Die Nazis geben [Ernst Udets Suizid] als Unfall aus, und Zuckmayer hört davon im Exil auf seiner Farm in Vermont. Die Nachricht beschäftigt ihn, wie er sich später erinnert, lange, bis er sich schließlich an den Schreibtisch setzt und in knapp drei Wochen den ersten Akt seines Stücks Des Teufels General schreibt. Es ist die Geschichte eines charismatischen Luftwaffengenerals, der Hitler verachtet, ihm aber dient aus falsch verstandener Liebe zu Deutschland und zur Fliegerei. Als der Krieg zu Ende ist, ist das Stück fertig. Es wird zu einem der größten Erfolge Zuckmayers. (S. 21)

Wittstock vermittelt in kurzen, aber anschaulichen Abrissen die Eckdaten der Künstler, ihre Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus sowie ihr weiteres Schicksal. Dabei begegnen wir u. a. Brecht, Helene Weigel, Alfred Kerr, Oskar Maria Graf, Alfred Döblin, Ricarda Huch, Carl von Ossietzky, Gabriele Tergit, Egon Erwin Kisch, Gottfried Benn oder den Mitgliedern der Familie Mann.

Wir sehen, wie schwierig es für den einzelnen sein kann, das Gesamtbild in den Blick zu bekommen. Viele können sich lange gar nicht vorstellen, dass ihre ehemals privilegierten Positionen, ihr Ruhm und ihr Erfolg, ihr Können und ihre gesellschaftliche Anerkennung innerhalb weniger Wochen völlig bedeutungslos geworden sind. Die Schauspielerin Therese Giehse, Freundin von Erika Mann, macht sich in einer Probenpause über Hitler lustig und wird prompt denunziert.

Doch Wittstock nimmt genauso den brutalen Straßenterror und die Opfer der Auseinandersetzungen zwischen SA, Kommunisten und SPD-Anhängern in den Blick.

Die Propagandaschlacht eskalierte, als die amerikanische Verfilmung von Im Westen nichts Neues in die deutschen Kinos kam. Am Tag nach der Premiere schickte Goebbels in Berlin und anderen Städten seine SA-Schläger in die Kinos, die Stinkbomben warfen, weiße Mäuse aussetzten, Zuschauer bedrohten oder verprügelten, bis die Vorstellungen abgebrochen werden mussten. Doch anstatt Film und Publikum zu schützen, knickten die Behörden ein und verboten nach fünf Tagen weitere Aufführungen ‚wegen Gefährdung des deutschen Ansehens.‘

Bedrückend auch die Szenen, in denen es um Heinrich Mann und Käthe Kollwitz geht, die aus der Preußischen Akademie der Künste rausgeworfen werden sollten, weil sie den Nazis unliebsame politische Aufrufe unterschrieben hatten. Kollwitz trat freiwillig aus. Mann entschloss sich ebenfalls zum Austritt, um das Fortbestehen der Akademie zu retten. Die Kapitel über das Verhalten der übrigen Mitglieder sowie den wenig subtilen Druck der Nazi-Bonzen lesen sich wie eine Lehrstunde in Demokratie-Demontage.

Die Hoffnungen, Hitler und seine Schergen unter Kontrolle halten und mit ihnen paktieren zu können, erweisen sich als naiv und gefährlich.

Ist der Tyrann samt seinen willfährigen Stiefelleckern erst einmal an der Macht, wird er genau das tun, was er seinen Anhängern versprochen hat (siehe auch die  Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933). Das Unrecht wird zum Gesetz, es gibt keine Instanz mehr, die das Recht durchsetzt, der politische Gegner, der denkende Mensch, der Sündenbock ist vogelfrei, darf bestohlen, gejagt, eingesperrt, gefoltert und schließlich ermordet werden. Das Böse hat freie Bahn.

Bei einer Wahlkampfkundgebung kündigt der preußische Innenminister Hermann Göring an, wie er mit den Möglichkeiten umgehen wird, die ihm die neuen Notverordnungen einräumen: ‚Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt sein durch irgendwelche juristischen Bedenken. Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt sein durch irgendeine Bürokratie. Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten, weiter nichts!‘ (S. 218)

Wittstock hat hier ein verdichtetes, lehrreiches und auch spannendes Stück Zeitgeschichte mit zahllosen Querverbindungen vorgelegt, bei dem die denkbaren Parallelen zur Gegenwart schauderhaft beängstigend sind.

Und hier noch ein Werkstattbericht zur Entstehung des Buches.

Passend dazu wäre jetzt ein Besuch der Frankfurter Schirn. Dort läuft zurzeit die Ausstellung Kunst für keinen: DIE SCHIRN BELEUCH­TET MIT 140 WERKEN KÜNST­LE­RI­SCHE BIOGRA­FIEN ZWISCHEN 1933 UND 1945 ABSEITS DES NS-REGIMES.

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

4 Kommentare zu „Uwe Wittstock: Februar 1933 – Der Winter der Literatur (2021)“

  1. Liebe Anna,
    danke für die Vorstellung dieses Buches, das mir zumindest neu war, da ich hier über dem Teich noch nichts davon gehört hatte.
    Das Werk hört sich fasznierend an, doch kann auch ich mich des Gefühls nicht erwehren, daß es zu viele beängstigende Parallelen mit zeitgenössischen Ereignissen enhält. Ich wünsche mir noch immer, daß es uns vielleicht irgendwann doch noch gelingen wird, von unseren Fehlern der Vergangenheit zu lernen.
    Sei herzlich gegrüßt,
    Tanja

    1. Hallo Tanja,
      ja, die Parallelen zu heute sind in diesem lesenswerten und spannenden Buch leider unübersehbar. Manche lernen sicherlich dazu, andere haben aus der Vergangenheit eben auch gelernt, wie man am besten die Grundrechte der Menschen aushebelt. Man kann ja auch Negatives imitieren. Leider. Ich wünsche euch eine friedliche Vorfrühlingszeit.
      LG
      Anna

      1. Daß manche auch Negatives imitieren, ist natürlich die traurige Kehrseite des Geschichtsunterrichts.
        Und leider hat ja jemand der ganzen Welt einen Strich durch einen friedlichen Vorfrühling gezogen. Ich danke Dir trotzdem für die guten Wünsche und hoffe, daß wir alle vielleicht irgendwann mal wieder tief durchatmen können, ohne täglich die Luft anzuhalten. Die Frühlingszeichen in der Natur sind trotz allem ein großer Trost.
        Alles Gute nach Europa,
        Tanja

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