Charles Dickens: David Copperfield (1850)

Unruhige Zeiten, Bedrückung ob des Angriffskrieges und der unverhohlenen Propagandalügen, dazu viel zu tun, fehlende Konzentration, insgesamt also wenig Ruhe und Muße zum Bloggen. Doch damit mir nicht völlig aus dem Gedächtnis rutscht, was ich gelesen oder auch nur angelesen habe, hier wenigstens ein kurzer und deshalb sicherlich auch unausgewogener Blick auf den über 800 Seiten dicken  Schmöker David Copperfield von Charles Dickens, der 1850 das erste Mal in Buchform erschien und der den Lebensweg Copperfields von der Kindheit bis zu seinen ersten erfolgreichen Gehversuchen als Schriftsteller nachzeichnet. Ähnlichkeiten zu der Biografie des Autors sind dabei kein Zufall und Dickens hat diesen Roman immer das liebste seiner fiktiven Kinder genannt.

Was für ein berührender Anfang, Kinderfiguren sind wirklich eine Stärke des Autors. Die Leiden des jungen David, nachdem seine naive Mutter einen gar gräßlichen Stiefvater ins Haus geholt hat, sind fein beobachtet und erzürnen noch nach 170 Jahren die Leserin. Auch die zunächst fürchterlichen Internatserfahrungen Davids geben einen guten Einblick in mancherlei Untiefen des viktorianischen Schulsystems.

Doch dann wird der Ich-Erzähler immer blasser und nichtssagender, alle anderen Figuren in diesem gesellschaftlichen Panoptikum, die David bei seinem allmählichen sozialen Aufstieg begleiten, sind interessanter. Schließlich verliebt er sich in die süße, leider etwas unerwachsene, dafür aber sehr lebendige Dora. Hier finden sich tatsächlich einige wenige selbstironische Stellen:

If I may so express it, I was steeped in Dora. I was not merely over head and ears in love with her, but I was saturated through and through. Enough love might have been wrung out of me, metaphorically speaking, to drown anybody in; and yet there would have remained enough within in, and all over me, to pervade my entire existence. (S. 474 der Ausgabe der Everyman‘s Library)

Er heiratet Dora und muss nun schmerzhaft erkennen, dass sie niemals seine Seelengefährtin oder wenigstens eine tüchtige Hausfrau werden wird. So wird sie kurzerhand vom Erzähler zu einer tödlichen Krankheit verdonnert, damit David nach angemessener Frist die überirdisch langweilige und unrealistisch brave Agnes, die schon als Zehnjährige den Haushalt des Papas so entzückend im Griff hatte, zum Traualtar führen kann.

Und diese Doppelmoral: Dem schönen und charismatischen Jugendfreund Steerforth, der systematisch eine junge Frau verführt und anschließend an seinen Dienstboten verschachern wollte, trauert Copperfield hinterher, doch die junge Emily muss ihr Leben lang für ihren „Fehltritt“ büßen und emigriert, nachdem ihr Vater sie gerade noch rechtzeitig aus dem Moloch London retten konnte, zusammen mit ihrem Vater nach Australien. Die Frauengestalten bei Dickens sind wirklich nur zum Haareraufen, klischeehaft und von eindimensionalem Wunschdenken geprägt: die schöne Sünderin, die edle Gattin und Hausfrau, die Kindfrau, die treue Dienstbotin, die skurrile Tante.

Letztendlich gab es mir hier von allem ein bisschen zu viel: zu viel Melodramatik, zu viel Sentimentalität und Überzeichnung – man denke nur an Uriah Heep – und zu billige Lösungen: Nachdem Copperfield mit seiner Agnes glücklich der häuslichen Ruhe frönen kann, verschifft der Erzähler, das hat schon Chesterton zu Recht bemängelt, kurzerhand alle, die jetzt noch den ruhigen Lebensgang der Hauptfigur stören könnten, nach Australien.

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

12 Kommentare zu „Charles Dickens: David Copperfield (1850)“

  1. Ich mag diese Besprechungen. Sie sind eine wahre Wohltat – ich habe mich über die Uriah Heep Seitenbemerkung sehr gefreut. Das rückt alles ins rechte Licht. Dickens „Raritätenladen“ liegt noch bei mir auf dem Stapel der zu lesenden Bücher, aber so richtig komme ich meist nicht über die ersten 50 Seiten hinaus. Was aus dem Zitat einem ins Auge springt, ist die wunderbare Selbstreflektiertheit, die Komplexität des eigenen Gefühlsleben, etwas, das ich schon sehr bei Laurence Sterne mochte und mag, und auch bei Chesterton. Wunderbar an diese Autoren wieder erinnert zu werden!! Vielen Dank.

    1. Vielen Dank für deine Worte. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, so einem Klassiker schon aus Zeitgründen nicht die gründliche Beschäftigung angedeihen lassen zu können, die er eigentlich verdient hätte. Aber diese Abstecher ins 19. Jahrhundert sind schon immer lohnend. George Eliot, Sterne etc. Zeit, Zeit wäre gut 🙂 Liebe Grüße, Anna

      1. Ja, wie konnte ich schon George Eliot vergessen! Absolut, und da fällt mir ein, ich will noch die ganze Zeit auch noch „Sturmhöhe“ lesen und kann es nicht fassen, es noch immer nicht geschafft zu haben 😀 Sonnigen Feierabend!

      2. Oh, Sturmhöhe ist der Hammer, meine Examensarbeit handelte davon. Unbedingt ganz nach oben auf den Lesestapel packen 🙂

      3. Ja, ich weiß doch … ich weiß es doch, nun wandert es wieder nach oben, schaut mich voller Verheißung an. Es ist bestimmt phantastisch 😀

  2. So ein Australien ist schon praktisch, vor allem vor der Verbreitung von Telegraph, Telefax und Telefon.

    Ich mag Charles Dickens, seit ich als Jugendlicher eben den Copperfield, die Pickwick Papers und ein paar andere Werke gelesen habe. Copperfield war der Einstieg, und ich erinnere mich noch an meine Begeisterung, dass es in der Stadtbibliothek auch Bücher gab, für die man länger als einen Tag und eine Nacht brauchte. Und mit wohlgeformten Sätzen, die man gerne auch ein zweites Mal las.

    Weil ich mich erinnere, dass mich die Bücher immer in eine wohlige Stimmung versetzt haben, habe ich noch ein paar aufgehoben zur späteren Lektüre. Der „Old Curiosity Shop“ liegt hier irgendwo herum, und ich hoffe, ich komme zügiger darin voran als der Vor- und Mitkommentator Alexander. Auch „Bleak House“ ist noch weitgehend ungelesen. Das sind so Bücher, die ich aufhebe für schwere Wochen, um mich dann ein bisschen aufzumuntern.
    Aber wer weiß, ob die Wirkung 30 Jahre später die gleiche sein wird wie damals die auf einen Jugendlichen.

    1. Ich hab auch noch einiges von Dickens auf dem Stapel, aber Great Expectations hat mir tatsächlich besser gefallen als David Copperfield. Und ja, manchmal ist es verblüffend, wie anders man Bücher nach Jahrzehnten lesen kann, fast als ob es sich um ganz andere Werke handelt…

  3. Die Überzeichnung ist Dickens‘ Markenzeichen 😉 Funktioniert nicht immer und nicht für jeden (das mit den Frauenfiguren stimmt natürlich) aber es sind auch ein paar herrliche Charaktere dabei herausgekommen (Tante Betsy, Montague Tick aus Martin Chuzzlewit).

    1. Grundsätzlich bin ich wohl nicht so der Freund dieser massiven Überzeichnung. Aber die Tante gefiel mir auch sehr 🙂 Manchmal ist es auch die Frage, in welcher Zeit und Verfassung einen so ein Buch erwischt… Aber insgesamt bin ich mit Great Expectations doch wesentlich besser gefahren. Und einige Dickens-Romane warten ja noch geduldig im Regal. Wünsche dir ein schönes Wochenende, ob mit oder ohne Dickens. LG Anna

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