Stella Gibbons: The Swiss Summer (1951)

Das eskapistisch-lockerfluffige The Swiss Summer stand – wie auch die übrigen Werke von Stella Gibbons (1902 – 1989) – immer im Schatten ihres bekanntesten Buches The Cold Comfort Farm. Umso besser vielleicht, dass ich das noch gar nicht kenne. The Swiss Summer jedenfalls macht auch nach über 70 Jahren noch Spaß. Oder wie der Guardian schrieb:

For holiday reading it would be hard to find anything better.

Die 43-jährige Lucy Cottrell lernt zufällig die betagte Lady Dagleish kennen. Deren Gesellschafterin Freda Blandish soll im Auftrag der alten Dame in die Schweiz reisen, um sich dort vor Ort um ein Chalet ihres verstorbenen Mannes zu kümmern. Das hatte die Schweiz vor Jahrzehnten Sir Burton Dagleish in Anerkennung seiner Dienste um die Bergsteigerei geschenkt. Im Grunde soll alles vorbereitet werden, um das Berghaus verkaufen zu können, das nun schon seit Jahren kaum genutzt wird. Nur die alte Utta aus dem Dorf schaut einmal die Woche nach dem Rechten.

Freda wurden von Lady Dagleish Hoffnungen gemacht, dass sie Chalet und Grundstück eines Tages erben werde und sie somit ihren langgehegten Wunsch, dort eine Pension zu eröffnen und dann für immer finanziell unabhängig zu sein, in die Tat umsetzen kann.

Verständlich, dass Freda alles andere als entzückt ist, als Lady Dagleish aus einer Laune heraus und weil sie Lucy Cottrell sympathisch findet, Lucy anbietet, Freda zu begleiten. Lucy ist begeistert, dem schmutzigen und hässlichen London für drei Monate zu entkommen und Urlaub in der bezaubernden Schweizer Bergwelt machen zu dürfen. Auch ihr geliebter Mann gönnt ihr den Aufenthalt von Herzen. Als Gegenleistung soll sie Freda bei der Inventur ein wenig zur Hand gehen, doch diese wittert in ihr eine Nebenbuhlerin auf das erhoffte Erbe.

Die Situation wird nicht einfacher, als Fredas gesellschaftlich unbeholfene Tochter Astra und noch weitere Freunde von Freda im Schweizer Bergdomizil auftauchen und Lucy gebeten wird, in ihren Briefen an Lady Dagleish darüber Stillschweigen zu bewahren. Lucy möchte die alte Dame nicht hintergehen, gleichzeitig mag sie’s harmonisch und geht gern den Weg des geringsten Widerstandes.

Und so nehmen drei erlebnisreiche Monate ihren Lauf, in denen Lucy sich nicht nur mit den halbseidenen Bekannten von Freda herumärgern, sondern sich auch um ihren eigenen Neffen und dessen Freund kümmern muss, die ebenfalls für kurze Zeit auf dem Berghof zu Gast sind. Und über allem wacht Utta, die alte Haushälterin, die sich dem Erbe des verstorbenen Bergsteigers Dagleish verpflichtet fühlt und spürt, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Doch Lucy wäre nicht Lucy, wenn sie trotz der Unbill diese Wochen nicht aus tiefstem Herzen – und die LeserInnen mit ihr – genießen würde. Sie ist in den Bergen am rechten Platz, genießt die Natur auf ihren Wanderungen in vollen Zügen, kann dem oberflächlichen Touristentreiben in den Städten wenig abgewinnen und ist immer froh, wenn es wieder zurück auf den Berg geht. Trotz ihrer scheinbaren Passivität geht Lucy ihren Weg und nutzt ihre Spielräume, selbst wenn die zunächst recht begrenzt erscheinen.

The Swiss Summer ist ohne Frage ein Wohlfühlbuch; bereits bei seiner Erstveröffentlichung konnten sich die britischen LeserInnen damit aus den oft noch schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen nach dem Zweiten Weltkrieg wegträumen. Am Ende ist man/frau mit der Auflösung aller Handlungsfäden einverstanden. Gleichzeitig sorgen Ironie, ein unbestechlicher Blick auf menschliche Eigenheiten – allein wie Utta geschildert wird, ist unvergesslich – und Empathie für die verschiedenen Charaktere dafür, dass das Buch nicht in den Kitsch abstürzt.

So muss sich beispielsweise Astra, gerade weil sie nicht hübsch ist, besonders mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit sie den gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern überhaupt entsprechen will. Nach dem Blättern in den entsprechenden amerikanischen Frauen-Zeitschriften fragt sie sich, ob eine Frau überhaupt noch Zeit für sich habe:

The difficulty of Love: first, with lipstick and foundation cream, permanent wave and nail paint, exercises and hair-brushing, scent and perfectly chosen clothes, you must prepare your body. Next, with a gay, sweet, friendly manner, never showing jealousy or possessiveness, never intruding upon a man‘s private life yet never withdrawing yourself from him so far as to appear cold, and never, oh never, dreaming of hinting that you would welcome the opportunity to perform that task for which Nature had endowed you, you must prepare your personality. And finally, when you had secured a man of your own (but it was quite fatal to believe that you had secured him permanently) you must exercise infinite tolerance, charity, good sportsmanship, intelligence, submission, self-reliance (but not too much of the latter), and tender familiarity combined with wild sweetness in being his wife. It would also help if you could listen, sew, and cook. (S. 95)

Alle menschlichen Wirrungen und kleinen Intrigen sind eingebettet in die beeindruckende Landschaft des Berner Oberlands und nach der Lektüre möchte man – trotz des Kinderbuchcovers der Dean Street Press-Ausgabe – unverzüglich den Koffer packen.

Nachtrag

Bei allem Unterhaltungswert ihrer Werke sollte man nicht übersehen, dass Stella Gibbons in ihren Romanen gesellschaftliche Veränderungen in Großbritannien nachzeichnet und dabei Standesdünkel, Egoismus und Ressentiments, sei es gegen Ausländer oder Angehörige der „niederen Klassen“ mit Witz und Verve aufs Korn nimmt.

Vor allem aber werden Möglichkeiten weiblicher Selbstbestimmung erkundet. Manchmal „nur“ in der Schilderung interessanter Nebenfiguren wie Katy aus A Pink Front Door (1959), einer begabten Chemikerin, die aber nach ihrer Heirat rasch hintereinander drei Kinder bekommen hat und die sich nun wohl alles weitere wissenschaftliche Arbeiten abschminken kann. Als sie sich an ihre Studienzeit erinnert, heißt es:

How they had theorised! Every contemporary problem and every timeless one had been brought out, dissected and prescribed for by herself and the young men whom she had known. Yes, every problem except one – What does a young woman with brains do when she gets caught in a trap? […]

She drank some beer and tried to control this despairing desire for revenge on something or someone. […] she ought to be thankful. She was thankful … only, she didn‘t feel it. She only felt the unceasing aching in her limbs and the unending procession through her tired mind of minute domestic details, and she thirsted for solitude and the pleasures of the intellect. (S. 162)

Angela hingegen, eine Figur aus The Woods in Winter (1970), hat ihren Verlobten im Ersten Weltkrieg verloren und alle gehen wie selbstverständlich davon aus, dass sie ihr restliches Leben nun selbstlos ihrer dominanten Mutter widmen wird. Als ihr ein nicht „standesgemäßer“ Farmarbeiter den Hof macht, wird ihr klar:

It occurred to her that all her life she had been taught to be truthful, but never to be truthful to herself about what she felt and wanted. (S. 170)

In The Woods in Winter (1970), Gibbons letztem zu Lebzeiten veröffentlichten Roman, spielt Ivy Gover, eine fast fünfzigjährige Witwe, die Hauptrolle. Trotz diverser Anträge will sie nicht mehr heiraten und kommt nach der Erbschaft eines kleinen Häuschens auf dem Land so recht in ihr Element. Sie hat schwarze Augen und eine ungewöhnlich enge Beziehung zu Tieren, das wird auf einen Großvater zurückgeführt, der angeblich den Roma angehörte. Gleich zu Beginn des Buches erfahren wir, wie sie einen Collie stiehlt, der von seinen Besitzern nur an der Kette gehalten wurde.

Häusliche Sauberkeit, Smalltalk, regelmäßige Mahlzeiten und gute Manieren werden ihr zunehmend unwichtig und eigentlich will sie nur ihre Ruhe haben und wirkt doch immer wieder, vielleicht gerade deshalb, positiv auf ihre Nachbarn und Nachbarinnen ein.

for the first time in her life, she was living as she had always unknowingly wanted to live: in freedom and solitude, with an animal for close companion. (S. 72)

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

7 Kommentare zu „Stella Gibbons: The Swiss Summer (1951)“

  1. Wunderbare Zitate, besonders komödiantisch „Difficulty of love“ – die Ansprüche sind so überzogen, verrückt, dass das Aussprechen derselben wie Kabarett wirkt. Im Grunde glaube ich, dass die meisten dieser Form von Ansprüchen unhaltbar, grotesk erscheinen, sobald sie geradeheraus und in einem fort ausgesprochen werden, also die Gedanken direkt aufs Papier und dann sehen, wie es sich zusammenreimt, nämlich gar nicht: Distanziert genug, um interessant zu bleiben, nah genug, um zuvorkommend zu sein, vielversprechend und abweisend zugleich, selbstbewusst und untertänig. Ich habe am Ende vom Zitat nur noch Lachen können.

    1. Freut mich, dass dich das Zitat zum Lachen brachte. Ich denke, genau das wollte Gibbons verdeutlichen. Sie hat immer wieder solche Stellen, wo das „einfach schreiben, wie es ist“ urkomisch, weil entlarvend ist, ohne dass ihre Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben. LG Anna

  2. Ach, herrlich! Danke Anna, für diese herzerfrischende Empfehlung! Da beginnt das Wochenende doch schon mal mit guter Laune und einem Lächeln. Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende! Barbara

  3. Liebe Anna,
    alle Charaktere, die Du hier aus den verschiedenen Werken der Schriftstellerin vorstellst, hören sich interessant an. Und ich bin wieder mal erstaunt bzw. erschrocken, noch nie von Stella Gibbons gehört zu haben. Eine weitere Bildungslücke hat sich mir offenbart. 😊
    Danke für diese Rezension.
    Lieben Gruß,
    Tanja

    1. Hallo Tanja,
      im Bereich der Literatur ist es wohl ganz unmöglich, alle Namen, die – anhand welcher Kriterien auch immer – wichtig sind oder einmal wichtig waren, zu kennen 🙂 Dafür kann man halt immer wieder Neues kennenlernen. Das ist doch auch schön. Dir liebe Grüße und Freude mit dem nächsten Buch.
      Anna

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