Deniz Ohde: Streulicht (2020)

Der Debütroman der 1988 in Sindlingen/Frankfurt geborenen Autorin Deniz Ohde wurde 2020 sowohl mit dem Aspekte-Literaturpreis als auch dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet.

Vermutlich ist vielen der Inhalt zumindest in groben Zügen bekannt: Eine namenlose Ich-Erzählerin, die man keinesfalls einfach mit der Autorin gleichsetzen darf, kehrt an den Ort ihrer Kindheit  in einem Frankfurter Industriegebiet zurück, um an der Hochzeit ihrer zwei Jugendfreunde Mikka und Sophia teilzunehmen. Sie besucht dort ihren inzwischen verwitweten Vater und erinnert sich an ihre maximal trostlose Kindheit in einem kaputten und spracharmen Elternhaus.

Der Vater hat 40 Jahre in einer Fabrik malocht, sich, seiner türkischen Frau und seiner Tochter jedes Wünschen und  Streben nach mehr verboten. Er ist Kettenraucher, wird zum Trinker, geht allen menschlichen Kontakten aus dem Weg und müllt allmählich die ganze Wohnung zu. Er ist jähzornig und gewalttätig. Ständig fliegt Geschirr durch die Küche.

Die Mutter, die einst so mutig aus der Türkei aufgebrochen war, hat keine Ressourcen, ihre Tochter zu schützen oder ihr Möglichkeiten aufzuzeigen. Sie bringt ihr kein Türkisch bei, damit die Tochter ganz deutsch sei und so vor Rassismuserfahrungen geschützt sei. Das funktioniert natürlich nicht und die Tochter wird in der Schule von Lehrkräften und Mitschülern mal subtil, mal weniger subtil mit Vorurteilen, Ausgrenzung und der Haltung konfrontiert, dass man ihr als halber Türkin und Proletenkind keine guten  Schulleistungen zutraut.

Dass der Vater genau das ungewollt stützt, indem er ihr schon früh davon abrät, freiwillige Zusatzaufgaben zu bearbeiten, da sich Anstrengung ja doch nicht lohne und sie eben einfache Leute seien, und indem er so viel raucht, dass ihre Kleidung ständig nach Rauch stinkt, macht den Aufenthalt in der Schule für seine Tochter nach und nach zur Qual. So geht sie irgendwann ohne Schulabschluss ab und schafft es erst Jahre später, doch noch das Abitur nachzuholen und dann sogar ein Studium zu beginnen.

Die Ich-Erzählerin nimmt so etwas wie eine Inventur ihrer Bildungsgeschichte und der äußeren und inneren Hindernisse, die ihr entgegenstehen, vor. Das passiert anschaulich und nachvollziehbar aufgrund ihrer Beobachtungsgabe, der Vergleiche mit dem Zuhause ihrer in bürgerlichen Verhältnissen aufwachsenden Freunde Sophia und Pikka und den vielen, zum Teil berührenden Szenen aus Schule und Freizeit.

Die Zerrissenheit des Kindes, das sich nie ganz sicher und geliebt fühlen darf, die daraus entstehenden Ängste, die Orientierungslosigkeit und Entfremdung werden geradezu schmerzhaft deutlich. In der Schule wird dem Mädchen vorgeworfen, zu still zu sein, sich nicht genügend zu engagieren, doch wie soll das funktionieren, wenn gefühlt das Überleben zu Hause davon abhängt, unsichtbar und unhörbar zu sein, um dem Vater keinen Anlass für einen seiner Ausbrüche zu geben?

Sie kann keine Freunde mit nach Hause bringen, die Wohnung wird gegen Außenstehende regelrecht bewacht und abgeschottet, die kaputte Jalousie nicht repariert, dann kann auch keiner reingucken.

Wie soll das Mädchen in ihr  Frausein finden, wenn die Mutter ihr nicht glaubt, dass sie bereits menstruiert und sie sich zunächst mit kleinen Slipeinlagen behelfen muss, ohne zu wissen, dass es Tampons oder Binden gibt? Also muss sie in der Schule alle paar Minuten zur Toilette.

Das Buch ist nicht perfekt, an manchen Stellen schienen Szenen nur noch wahllos und repetitiv aneinander gereiht, es gab – wenn auch selten – platte Pauschalisierungen, und die Leser*innen können in dieser Traurigkeit kaum einmal aufatmen.

Mir fehlte das Austarieren der verschiedenen Zeitebenen: Blickt die junge Studentin, die nun zur Hochzeit ihrer alten Freunde kurzzeitig zurückkehrt, wirklich mit dem gleichen Blick auf ihre Umgebung und ihren Vater wie sie das als hilfloses Kind getan hat, das es nicht anders kannte?

Und vor allem, was waren – abgesehen von der enormen Beobachtungsgabe und dem Tagebuchschreiben – die Ressourcen der Erzählerin, ihre Kraftquellen, die sie letztendlich doch – wie mühsam auch immer – dazu befähigt haben, den Schulbesuch wieder aufzunehmen und ihr Abitur zu machen? Darüber schweigt sich das Buch leider aus, eine Leerstelle, die ich sehr bedauert habe.

Dennoch pulst eine Energie durch das Werk, die einen weiterlesen lässt, das stille Buch hallt noch Wochen später nach und seine schmerzliche Bestandsaufnahme ärgert mich, macht mich traurig und spricht mich an, spricht zu mir. Es ist unbedingt lesenswert, denn man kann etwas über unsere Gleichgültigkeit lernen, über Schulen, über eine verletzte Kinderseele und beschädigte Identitäten. Man schaut auf einmal ein wenig genauer hin. Eigentlich eine Pflichtlektüre für alle angehenden Lehrer und Lehrerinnen. Für BildungspolitikerInnen sowieso.

Der letzte Satz des Buches gehört übrigens dem Vater. Als seine Tochter nach ihrem Besuch bei ihm wieder aufbricht, sagt er ihr zum Abschied: „Wenn‘s nichts wird, kommst wieder heim.“ Seine Skepsis, dass es jemand aus seiner Familie tatsächlich „schaffen“ könne, und gleichzeitig die geradezu zärtliche Versicherung, dass sie jederzeit wieder zurückkommen dürfe und die Tür ihr offen steht.

Der Vorwurf der Humorlosigkeit und Larmoyanz, den Denis Scheck in der Sendung Lesenswert vom 17. Dezember 2020 erhob, ist absurd. Sein mit unfassbar arroganter Attitüde vorgetragener Verriss, in dem er auch gleich noch seine fundiert argumentierenden KollegInnen Ijoma Mangold, Sandra Kegel und Insa Wilke der Unfähigkeit bezichtigte, zeigt, dass Lesen eben nicht automatisch zu mehr Empathie, Lernbereitschaft oder Weltverständnis führt.

Nicole Seifert vermutet in dem Artikel Schweig, Autorin – Misogynie in der Literaturkritik auf 54 Books, dass sich bei Scheck eine frauenfeindliche Haltung gegenüber jungen und erfolgreichen Autorinnen austobe. Eine weitere Erklärung für seine wilden Behauptungen, die er an keiner Stelle begründet, könnte sein, dass Scheck einfach keine Menschen mag bzw. literarisch kennenlernen möchte, die in solchen Verhältnissen wie die Ich-Erzählerin aufwachsen.

Seine offensichtliche Überzeugung, dass jedem in Deutschland die gleichen Möglichkeiten des Aufstiegs offen stehen, geriete dann möglicherweise ins Wanken, denn wer’s nicht schafft, soll halt – egal, wie jung –  immer schön die Schuld nur bei sich selbst suchen. Mit Juli Zeh einen kleinen Reitausflug zu unternehmen oder Größen wie Peter Bichsel oder gar Margaret Atwood zu besuchen, sagt ihm da vielleicht eher zu. Die Begründung seiner Ablehnung ist und bleibt jedenfalls abenteuerlich:

Dieses Buch ist banal, oberflächlich und unglaublich larmoyant. Diese Autorin ist so humorfrei, so frei von einer Spur von Geist und Eigenständigkeit in der Intellektualität, dass ich ihr eine große Zukunft in der deutschen Gegenwartsliteratur prophezeien kann, solange es solche Kritiker gibt. […] Das ist reiner Sozialkitsch. […] Es ist wirklich unerträglich, dass die Ich-Erzählerin die Gründe für ihr soziales Scheitern, für ihr berufliches Scheitern als Schülerin sozusagen überall sucht, nur nie bei sich selbst. […] Diese Frau kann nicht denken. […] Wir leben hier in einer Gesellschaft, die eine große Möglichkeit des Aufstiegs einräumt. Das möchte ich doch in irgendeiner Weise von einer Figur auch mitreflektiert haben.

Hier noch eine treffliche Besprechung von Ingo Eisenbeiß auf der Seite des Deutschlandfunks und Claudia vom Grauen Sofa geht detailliert auf die unsichtbaren Wände ein, die ein unter solchen Umständen aufwachsendes Kind von der Umwelt trennen.

Zum Schluss, weil die Frage der Autorin immer wieder gestellt wird:

Was hat das traurige Mädchen im Zentrum des Buches mit der Biografie von Deniz Ohde zu tun? „Von mir steckt da vor allem der Blick drin, den ich auf meine Umgebung werfe.“ Doch so traurig wie ihre Hauptfigur sei sie keineswegs. Und sie fühle sich auch nicht „am Nullpunkt“ wie ihre Erzählerin. Und die Figuren der Eltern im Roman entsprächen auch nicht ihrem türkischen Vater und ihrer deutschen Mutter in der Wirklichkeit. Darauf lege gerade ihre Mutter Wert: „Die lebt nämlich noch.“ (Das Glück und das Pech der guten Erinnerung, Frankfurter Rundschau)

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Skulptur am Eingang der Stadtbibliothek in Creglingen

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

4 Kommentare zu „Deniz Ohde: Streulicht (2020)“

  1. Ach herrje … nicht alles gefällt einem und nicht alles sagt einem zu, aber er hier nicht denken kann, ist dieser Kritiker. Furchtbar. Nach „Dschinns“ und „Ein von Schatten begrenzter Raum“ würde die Lektüre passen. Ich glaube, es wird mir gefallen. Auch vertraue ich dem Aspekte-Preis nach Ariane Kochs „Aufdrängung“ … schöne Besprechung!!

    1. Genau, nicht jedes Buch muss einem gefallen, nicht jedes Buch passt gerade zum Leser, seiner Stimmung und Aufnahmefähigkeit. Das wäre alles in Ordnung. Aber sein Verriss entbehrt jeglicher Grundlage. Und da ist er seiner Aufgabe als Kritiker nicht nachgekommen. Und wie er mit seinen Kollegen umspringt. Egal, ob das nun Show war oder nicht. Grauslig. Dir einen schönen Sonntag, ob mit oder ohne Buch.

  2. Liebe Anna,
    das Buch hört sich sehr bewegend an, und als ich dann über die gemeine Rezension erfuhr, war ich besonders betroffen. Ich glaube, Dein Urteil über manche Leser, die das Lesen nicht empathisch macht, stimmt haargenau.
    Lieben Gruß,
    Tanja

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