June Wright: Reservation for Murder (1952)

Es war mal wieder Zeit für ein Krimi-Schätzchen á la Agatha Christie. Und da kam die Neuauflage von Reservation for Murder, ursprünglich 1952 erschienen, der australischen Schriftstellerin June Wright (1919-2012) gerade recht.

Der Schauplatz des Romans ist Kilcomoden, ein Wohnheim für junge berufstätige Frauen, fünf Meilen von Melbournes Zentrum entfernt, das von Nonnen unter der Leitung von Mother Mary St. Paul of the Cross geführt wird.  (In Melbourne gab es damals mehrere dieser Wohnheime oder „hostels“ für junge Frauen vom Land, die zum ersten Mal weit entfernt von ihren Familien wohnten, weil sie studierten oder ihrer ersten Arbeit nachgingen.) Kilcomoden

was one of those fine old colonial-style houses built to weather the passing of years – but unfortunately not of domestic staff. Once the family home of a rich draper, and no doubt intended by him to be the home of his descendants, it now sheltered twenty-five business girls from shrewish landladies, malnutrition and week-end boredom. […] the waiting list for admission was long. (S. 21)

So muss sich die geneigte Leserin zwar zunächst einmal darum bemühen, den Überblick über die Namen der Bewohnerinnen zu behalten, doch die Ich-Erzählerin Mary Allen ist eine angenehme, schlagfertige und zuweilen scharfzüngige Begleiterin durch alle Krisen (ausgelöst durch anonyme Briefe, Eifersüchteleien und persönliche Befindlichkeiten) und Mördereien.

For eight years now I had been catching the eighty-twenty bus to the city […], where I was an unenterprising, but adequate, secretary to an even more unenterprising firm of solicitors, and returning home on the five-thirty. Over the weekend I played a little diffident golf or tennis, worked in a frustrated sort of way on two crossword puzzles, and enjoyed the mild courtship of a slightly balding young  man called Cyril. (S. 22)

Mary Allen ist es auch, die nachts am Eingangstor buchstäblich über die erste Leiche, einen unbekannten Mann, stolpert.

Die nach außen hin immer leicht abwesend wirkende, aber in Wirklichkeit natürlich scharf beobachtende Mother Paul – für viele Kritiker die heimliche Protagonistin – zieht derweil im Hintergrund ihre Fäden und sorgt u. a. dafür, dass Mary Allen den sympathischen Ermittler O‘Mara mit allen notwendigen Insider-Informationen aus dem Wohnheim versorgt.

Ich fand den ersten Band von dreien um Mother Paul ausgesprochen vergnüglich. Die jungen Frauen wirken in ihren Auseinandersetzungen und ihrer Lebensgestaltung (sie haben keinen eigenen Schlüssel für die Haustür und müssen spätabends von der jeweils dazu Beauftragten hereingelassen werden) manchmal zwar eher wie biestige Teenager, doch das hat die Spannung und den Unterhaltungsfaktor nur unwesentlich beeinträchtigt. Daneben erlaubt der Krimi kleine Einblicke in einen Alltag vor 70 Jahren.

Und die Frage, wie intelligente Frauen sich ihre Zukunft vorstellen, taucht auch hier auf. Fenella, eine berufstätige Freundin Marys, findet es ganz und gar deprimierend, als sie im Laufe der Ermittlungen eine gewisse Rhoda Baker besuchen. Diese wohnt in einem schäbigen Vorstadtviertel, ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder.

‘Can you imagine anything more deadly, Mary? Born, bred and married all in the one place – and what a place! I bet she never ventures further than town and then only for the summer sales, and her husband potters in the garden all the week-end.‘ When she saw the few depressed-looking shrubs struggling for life in the Baker garden, and the sun-burnt couch-lawn, she added: ‚Or tinkers with the radio wearing a waistcoat and no collar.‘ (S. 132)

Im interessanten, elfseitigen Vorwort zu Reservation for Murder von Derham Groves erfahren wir nicht nur, woher die Inspiration für eine Nonne als Ermittlerin stammt, sondern auch, dass June in ihrer Ehe mit Stewart Wright nicht glücklich war. Sie hatten zwar sechs Kinder zusammen, aber Stewart wollte immer, dass sie aufhört zu schreiben, dabei waren ihre Romane sehr erfolgreich. Ihr Mann dürfte sich mit dieser Meinung nicht allein gewusst haben, selbst in den Kritiken von damals war es immer wieder ein Thema, wie man zugleich erfolgreiche Schriftstellerin und eine gute Mutter sein könne.

Ich freue mich über die Neuauflage der insgesamt sieben Krimis von June Wright bei Dark Passage, einem Imprint von Verse Chorus Press. Die übrigen müssen nun auch noch her.

Wrights Lieblingskrimi war übrigens Gaudy Night von Dorothy Sayers.

Hier geht‘s lang zum Nachruf im Sydney Morning Herald.

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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